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Samstag: Das Land südlich der Wolken

Guten Morgen aus Yunnan DSC_1979_ji

Die schlechte Nachricht zuerst: Nach zehn Stunden Fahrt begrüßt uns im Hotel eine chinesische Hochzeitsfeier, die im Festsaal des Hotels tobt.

Die gute Nachricht: Ich habe geschlafen wie ein Stein. Trotz der Feier…

Kunming begrüßte uns nach sechs Tagen grauen Smogs mit Bayrisch-Weißblau, ein Stimmungsaufheller erster Güte. Kunming ist einer der ältesten Flughäfen Chinas und eine der ersten Langstrecken-Destinationen der damals noch Luft Hansa. Wir gingen durch die Gänge und Hallen des Flughafens und sahen uns zunehmend besorgter an, war das schon Alzheimer? Beginnende Altersdemenz? Wir waren schließlich zweimal hier gelandet und gestartet, jedes Mal im Dunkeln zwar, spät abends bzw. früh morgens, aber an irgendwas sollten wir uns doch erinnern?

In der Halle wartete „Jenny“ auf uns, deren Englisch doch sehr begrenzt ist. Der Fahrer sieht aus wie ein angeheirateter Stiefzwilling von Jackie Chan in einer seiner „Cop“-Rollen, ganz in Schwarz, schwarze Sonnenbrille, weiße Handschuhe und einen Bluetooth-Knopf im Ohr. So weit so gut. Direkt am Flughafen geht es auf die Autobahn und Jenny erzählt, dass der Flughafen erst 2012 fertiggestellt wurde. Ach so.

Bis Liu Jiu Ba läuft es hervorragend, dann stehen vor einem Tunnel alle Ampeln auf Rot, davor ein kleiner Stau. Der einzige Verkehr auf der Gegenseite sind mit Erde und Gestein beladene LKWs. Jackie Chan geht fragen. Hinter dem Tunnel hat es vor ein paar Minuten einen Erdrutsch gegeben, die Autobahn ist blockiert, man arbeite dran, in einer halben Stunde hätte man eine Spur frei. Nach fünfzehn Minuten beginnen die ersten Autos zu drehen und die einmündende Einfahrt hoch zu fahren. Jackie fragt nochmals, jetzt heißt es, weitere 60, vielleicht 90 Minuten. Es wird beschlossen, statt der Autobahn die alte Straße durch die Berge zu nehmen und irgendwie zu versuchen, bei der nächsten Ausfahrt wieder auf den „Expressway“ zu kommen. Es beginnt eine landschaftlich zwar sehr schöne, aber sehr zeitaufwändige Odyssee. Jackie Chan liebt Johannes Strauss. So fahren wir zu Walzer-Klängen durch die tiefste chinesische Provinz. Manchmal ist Johannes stärker als Jackie und Jackie singt ein paar Tage lauthals mit. Wunderschöne Stimme, wenn man Walzer mag.

DSC_2053_jiDie Strecke führt uns durch Berge und sehr viel, sehr authentisches China. Es gibt sie tatsächlich, die Klischee-Chinesen mit dem Reisstrohhut und den zwei Körben an der Tragestange. Wir fahren durch Dörfer mit Lehmhütten, überholen Pferdewagen und Ochsenkarren, bewundern kleine Tempel und sind doch etwas geschockt über die wilde Müllentsorgung rechts und links der Straße und den vielen qualmenden Müllfeuern. Die Straßen sind schmal, manchmal gut, manchmal sehr schlecht und in den Dörfern werden sie sehr eng, da jeder die Straße als Lager für Baumaterial oder Holzvorräte nutzt. Nach einer Stunde quäkt Monsieurs Lebensgefährtin, dass es zur Autobahn links abgehe, geradeaus aber nach Longpinan. Monsieur fragt höflich an, man bestätigt genauso höflich, dass man natürlich auf die Autobahn wolle, lehnt seinen Vorschlag aber freundlich lächelnd ab. Gut vierzig Minuten später sind wir in Longpinan, wahrscheinlich die einzigen europäischen Touristen, die diese Stadt je besucht haben, und der Fahrer muss eingestehen, dass er sich verfahren hat. DSC_1975Monsieurs Lebensgefährtin schlägt eine Route geradeaus auf einen anderen Expressway und von dem auf unseren, aber das wird abgelehnt. Also gurken wir die Strecke wieder zurück, bis zur Einmündung, gurken eine weitere knappe Stunde durch dunkler werdende Landschaften und erreichen bei Dunkelheit die Autobahn, etwa 20km von der ersten Ausfahrt entfernt. Jackie Chan „rast“ mit 110 durch die Nacht, immer links. Inzwischen ist klar, dass wir unser Hotel nicht zur Essenszeit erreichen werden, also geht es kurz ab von der Autobahn und hinein ins nächste Dorf. Vor einem Gasthaus, vor dem ein chinesischer Bus steht, halten wir. Wir wollen eigentlich nur eine Kleinigkeit essen, sagen wir und Jenny nickt. Es kommen dann eine Suppe mit Wasserkresse und sehr leckeren Tofubällchen, gepökeltes und gebratenes Schweinefleisch, eine Art Kohlstängel mit Blüten, gebraten und eine Gemüse-Hack-Mischung. Während wir essen, schleichen die Passagiere des Buses alle auffällig unauffällig durch die Halle zu unserem Tisch, wo sie dann überrascht tun, wenn wir sie bemerken, um dann mit den Fingern auf das Pökelfleisch – eine lokale Spezialität – zu zeigen und heftig grinsend zu nicken. Wir grinsen nickend zu. Zu guter Letzt werden noch Kleinkinder hereingetragen, damit sie uns anschauen und uns zuwinken können. Irgendwie habe ich das Gefühl, dahin verirren sich nur selten Europäer.

Jackie Chan verfährt sich noch zweimal, sagt Monsieurs Lebensgefährtin. Jenny behauptet, man habe mit Absicht diese Straße gewählt, die andere sei zu gefährlich. Irgendwann löst sich in totaler Dunkelheit die ungefährliche StrDSC_1980aße in Schlaglöcher und dann in tiefen Matsch auf und Jackie Chan bleibt kopfschüttelnd stehen. Ich gratuliere mir in Gedanken zu der Weitsicht, einen Schlafsack eingepackt zu haben, da es so aussieht, als ob wir heute Nacht im Auto schlafen werden. Doch dann gibt der Fahrer seinem Herzen einen Stoß und der Wagen quält sich erfolgreich durch den Schlamm. Nochmal einige Zeit später fahren wir vor der Einfahrt des Yunti-Hotels vor. Und werden von der lauten Musik einer großen Feier empfangen.


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