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Montag: Tiger, Taillen und Tuniken

Die gute Nachricht zuerst: Wir waren um 6:30 wach für den Sonnenaufgang auf den Reisterrassen.

Die schlechte Nachricht: Die Sonne hat sich nicht ans Drehbuch gehalten, erst Wolken und plötzlich war sie dann schon über den Berg.

Aber schön war‘s trotzdem. Und im Frühmorgennebel sah das Dorf verzaubert aus.

Unser Weg führte uns durch den Wochenmarkt von Shengchun und wir sind natürlich ausgestiegen. Im ersten Drittel gibt es viel von der Sorte Hässlich, aber nützlich: Plastikwannen, Aluspritzguss, Besen…

DSC_0002_jiDann kamen die Stände mit den Stoffen. Die Frauen des Ye- Volkes lieben es bunt. Dagegen ist die Tracht der Hani von großer Schlichtheit und Eleganz. Eine 7/8 Hose in dunkelblau oder –grün, darüber eine oberschenkellange Tunika, asymmetrisch auf der rechten Schulter geknöpft mit vielen kleinen Silberkugeln oder drei großen Silbermünzen. Das gefiel mir so gut, dass ich mir durchaus vorstellen konnte… Aber die Stoffballen sagten ja wohl, dass diese Tuniken selbst geschneidert werden mussten. Doch dann war da hinter den Marktständen ein Geschäft, in dem mehrere fertige Tuniken auf der Stange hingen. Nun sind die Hani-Frauen klein und zierlich, zumindest die jüngeren. Aber unter den Älteren hatte ich auch einige kräftigere Exemplare gesehen, sodass Hoffnung bestand, etwas zu finden, was einer normalgewichtigen Europäerin passen könnte. DSC_0054_jiAlso hinein in den Laden. Jenny erklärt und plötzlich packen zwei Hände mich beherzt in der Taille. Sie werden zurückgezogen, die Verkäuferin betrachtet die Distanz  zwischen ihren Händen und nickt. Die Größe scheinen sie zu haben. Dann schießen ihre Hände wieder vor, je eine Hand grabscht je eine meiner Brüste, schiebt sie ein-, zweimal hin und her und konstatiert, was mir bisher noch nie jemand gesagt hat: „Zu groß!“ um dann den abschließenden Stoß zu setzen: „You too tall!“ Also keine Tunika für mich. Was sie aber nicht davon abhielt, mir dann geschäftstüchtig eines der Kopftücher anzubieten, das zur Tracht gehört oder die schwarze Schürzen, die die Hani Frauen gelegentlich hinten und vorne wie ein Mini-Röckchen über der Tracht tragen. Aber die wollte ich dann nicht mehr, so.DSC_0005_ji

Weiter geht es an Ständen vorbei, die selbstgeflochtene Körbe zum Transport von Hühnern und Schweinen (!) anbieten zum bunten Gemüsemarkt. In all der grünen Vielfalt fällt ein Stand auf, der Tannenschösslinge verkauft und gute Geschäfte macht. DSC_0048_jiMehrere Frauen haben die wurzelnackten Pflänzchen in ihren Tragekörben. Eine Investition in die Zukunft, das Brennholz weit entfernter Winter. Schließlich geht es auf einer Seitenstraße zurück zum Wagen. Ich bilde mir ja ein, einigermaßen krisenfest zu sein, was interkulturelle Begegnungen angeht. Aber als uns kurz hintereinander an drei verschiedenen Ständen ganze Tigertatzen, komplett, mit noch 20, 30 cm Tiger dran, Haut, Sehnen, Knochen, angeboten werden, wird mir doch übel. Jenny ist genauso geschockt, natürlich sei das illegal, aber diese Bergvölker, sie zuckt die Schultern. Jackie Chan reagiert gelassen: „Fake!“, meint er.

DSC_0076_jiIm Walzertakt reisen wir nach Jian Shiu, das mit einem fast vollständig erhaltenen Dorf des 19. Jhds, Tuan Shan,  und einer fast intakten Altstadt dienen kann. Das Dorf ist eine Zeitreise. Eine Familie, reich geworden durch Minen, hatte sich einen landschaftlich schönen Hügel gekauft und darauf eine große Residenz errichtet. Andere Familienmitglieder zogen dazu und so entstand ein Konglomerat von recht reich und prunkvoll gestalteten Häuser, alle im Stil der gleichen Epoche, aber jedes individuell nach dem Geschmack seines Erbauers. Man fühlte sich in einen Historienfilm versetzt. Wir suchen und finden den heruntergekommenen Tempel des Dorfes, Jenny gesteht, dass sie da noch nie gewesen sei. Über geborstene Stufen geht es hoch zu den Tempelwächtern, grausige Gesellen, dahinter die Tempelhalle mit einem Buddha. An den Wänden ebenfalls Zeitreise: Mao Porträts und Zeichnungen aus der Zeit der Kulturrevolution.DSC_0111

Als Ausgleich zum Guesthouse sind wir heute im Vier-Sterne-Hotel untergebracht. Wir betreten die Halle und zucken zusammen: in acht Meter Höhe funkelt in der nachtblauen Decke ein LED-Sternenhimmel. Was uns mehr beunruhigt, ist das in Gold getriebene Relief der Altstadt Jian Shius hinter der Rezetion. Und das riesige meterhohe Lotusteich-Relief in Sandstein an der Stirnseite der gigantischen Eingangshalle ist ein ganz schlechtes Zeichen. Denn im Allgemeinen gilt: je größer die Halle, desto niedriger die Chancen, dass alles funktioniert. Okay, das Zimmer ist sehr groß, das Bad, mit ebenerdiger, geräumiger Dusche ebenso. Aber vor dem Hotel liegt eine Shopping Mall, deren ohrenbetäubende Musik, unterbrochen von hektischen Durchsagen, bis hoch in den 15. Stock dröhnt, und das bis spät in die Nacht. Die tolle Dusche ist verstopft und setzt als Konsequenz das Badezimmer unter Wasser und der Fön gibt einen letzten Seufzer von sich und erstirbt.DSC_0121

Aber zuerst geht es in die Altstadt, deren schöne alte Gassen ein Geschäft neben dem anderen bieten, zum zweitgrößten Konfuzius-Tempel Chinas. Gelegen in einem riesigen Park und an einem großen künstlichen See, den Jenny abwechselnd als „das Meer der ewigen Weisheit“ und „den See des immerwährenden Lernens“ bezeichnet, schauen ihm die Hochhäuser der modernen Stadt über die Schulter bzw. den Mauerrand. Ich kann Jennys Ausführungen nicht so recht folgen. Zum einen ist ihr Englisch furchtbar anstrengend, zum anderen habe ich Gärtner entdeckt, die auf dem See die verblühten Lotuspflanzen abschneiden und über das Geländer werfen. So bin ich damit beschäftigt, die schönsten Lotusfrüchte aus dem alten Laub herauszuklauben.

Lotusfrüchte aus dem Meer der ewigen Weisheit, dem See des immerwährenden Lernens. Hmmm, das klingt gut.

Gute Nacht aus Jian Shiu.

Übrigens: Am nächsten Morgen liefert der Toaster eine Scheibe Toast, die auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiß und kalt ist.

Und hier noch ein Bild des Tages

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