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Dienstag: „Speedy boarding“ auf Chinesisch

Die gute Nachricht zuerst: Die Rückfahrt zum Flughafen Kunming hat ohne Probleme geklappt.

Die schlechte Nachricht: Wir sind nicht mehr die einzigen Europäer. Unter den Tausenden von Chinesen in der Abflughalle habe ich tatsächlich andere Europäer erspäht. Acht sitzen allein an unserem Gate, so viel waren es die letzten vier Tage zusammen nicht. Das heißt dann wohl, dass es nix wird mit „speedy boarding“ auf Chinesisch. Wer einmal miterlebt hat, wie chinesische Stewardessen 300 Passagiere innerhalb von 10 Minuten auf ihren Plätzen haben, Handgepäck verstauen inklusive, sieht das verträumte Trödeln europäischer Mitreisender – den Handkoffer links ins Fach? Oder doch lieber rechts? Oder doch ganz wo anders? Und das alles natürlich im Mittelgang stehend und alle anderen blockierend – mit ganz anderen Augen. Jeder Chinese, der nicht im Laufschritt seinen Platz anstrebt, dabei mit Basketball-Profi-ähnlicher Präzision sein Gepäck in die Fächer pfeffert, zieht sich einen ganz gepflegten Anschiss von mindestens zwei chinesischen Stewardessen, der vor und der hinter ihm, zu. Wir waren sehr beeindruckt.

Jackie Chan, von dem wir inzwischen wissen, dass er Kunst mit Schwerpunkt Musik studiert hat, fährt wieder zu Strauß. Die linke Hand liegt am Lenkrad, von der rechten gelegentlich nur die Fingerspitzen, der Handrücken dirigiert mit. Auf einer Autobahnraststätte zeigt er uns mit ein paar Walzerschritten, dass er seine Lieblingsmusik auch tanzen kann.

china1cZwischen den beiden Autobahnen, die uns aus dem Süden nach Kunming bringen, liegt ein langes Stück Landstraße. Es führt uns durch mehrere größere und kleinere Städte bzw durch deren Rand- und Industriegebiete. Die chinesischen Industriegebiete stehen in Charme und architektonischem Reiz den europäischen in nichts nach. Nur sehen wir weniger Industrieagglomerate als offene Handwerksbetriebe. In einer Stadt fällt mir ein Muster auf. In schöner Regelmäßigkeit wiederholen sich Steine, Bonsais, Löwen. Es gibt ein chinesisches Sprichwort: Kommt Zeit, kommt Glück. Dabei ist das Wort Zeit identisch mit dem Wort Stein, so dass es auch heißen könnte: Kommt Stein, kommt Glück. Und das mit dem Stein ist natürlich viel leichter zu arrangieren als das mit der Zeit. Also stellt, wer sich einen Garten leisten kann, einen großen Stein auf, in dem festen Bewusstsein dass das Glück nun einfach kommen muss. Dieser Stein muss idealerweise vier Bedingungen erfüllen: china1ber soll erstens hoch und schlank sein, dabei zweitens etwas gefaltet oder gedreht. Drittens soll er viele Mulden und Löcher haben, von denen viertens mindestens eines zum Hindurchschauen sein soll. Da die Natur nun manchmal sehr uneinsichtig ist, helfen diese Handwerksbetriebe nach. Dort stehen Männer mit Presslufthammer und Trennscheibe und gestalten Löcher und Mulden in große Steine, trennen ab, was die ideale Form stört, arbeiten nach, was die Natur vernachlässigt hat. Der gleiche Ansatz kommt eine Werkstatt weiter bei den Garten-Bonsais zum Einsatz. Diese großen Bonsais wurden nicht durch jahrzehntelanges Zupfen und Drahten in Form gebracht. Hier wurden alte, bizarr gewachsene Bäume ausgegraben und in eine große Bonsaischale getopft. Dann wurden in etwa einem Meter Höhe die Hauptäste gekappt und gewartet, bis am Stamm ein paar Blätter wieder austrieben. Kettensägen-Bonsais…china1a

Und die Löwen? Die gab es in allen Formen und Größen, natürlich immer paarweise. Und funkelnagelneu. Ein Joghurt, in Wasser aufgelöst darüber gepinselt, sorgt in Kürze für Moos und Patina. (Das ist kein chinesischer Trick, den haben wir von einem Baumeister, der im Lozère alte Granitbauernhäuser renoviert.)

Stein, Bonsai, Löwen, alles da für den idealen chinesischen Garten: Die Löwen, die den Eingang bewachen, der Stein, der vor Dämonen schützt und das Glück herbeizwingt und den Bonsai, vor dem man meditieren kann. Alles ein bisschen gefälscht, aber wer weiß? Das Glück ist ja inzwischen auch schon etwas älter und sieht vielleicht auch nicht mehr so gut…

china1f Heute geht es von Kunming mit dem Flieger nach Guilin. Unsere Zeitplanung hat so viel Spielraum, dass wir doch noch die Zeit zum Essen finden, wie immer „was Kleines“, wie immer nur drei Gerichte. Das Essen wird in diesen kleinen Lokalen frisch für uns zubereitet. Meistens steht am Eingang eine Kühlvitrine, vor der wir mit Jenny beraten: etwas hiervon, etwas davon, vielleicht noch das? Die lokale Spezialität? Dazu grünen Tee oder ab und an auch mal ein Bier. Der Reis steht meist in dem großen Holzbottich, in dem er gekocht wurde, auf einem Tisch zur Selbstbedienung.

Das Geschirr wird für alle – auch Einheimische – eingeschweißt auf den Tisch gestellt. Outsourcing der Hygiene? Jedenfalls wird das benutzte Geschirr in großen Bottichen mit Firmenaufschriften gesammelt.

china1gDann erscheinen die Platten, eine nach der anderen, wie die Küche sie fertiggestellt hat und du zückst deine Stäbchen. Von Himmelsdrachen (geröstete Kakerlake) und Erddrache (geschmorter Regenwurm) wurde uns mehrmals erzählt, sie wurdem uns aber noch nie angeboten. Und was „Drei Mal Quieken“ ist, erzähl ich euch nicht. Es reicht, wenn es mich schüttelt.

Dass ich in unserem letzten Lokal schon wieder meine sehr praktische, wenn auch wenig attraktive Reisehandtasche hängen lasse, zwingt uns nach zehn Minuten Fahrt zu hektischen Wendemanövern und mich zum Nachdenken. Vielleicht könnte ich mit einem hübscheren Exemplar ein engeres Verhältnis aufbauen. Das erste Mal war übrigens direkt auf dem Frankfurter Flughafen. Da hat sie mir ein freundlicher Mitpassagier nachgetragen, Pass, Boardingticket, Kreditkarten inklusive…

Jenny stürzt sich mit uns ins Getümmel der Abflughalle, wo an dreißig Schaltern alle Flüge aller Airlines eingecheckt werden, allerdings alles nur auf Chinesisch. Sie verabschiedet sich vor der Sicherheitskontrolle von uns. In Guilin werden wir von Herrn Chang abgeholt, Fahrer und Führer in einem, der uns zu den hiesigen Reisterrassen begleiten soll. Im Gegensatz zu Jennys Englisch ist sein Deutsch hervorragend.

Gute Nacht aus Guilin, 27 Grad am Abend

Das Foto des Tages: da kann ein weiser Mensch lange drüber nachdenken..

china1d


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