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Paonia in Pannonia

Sorry, der Kalauer musste einfach sein. Ich melde mich jetzt schon, denn für später steht “Weinverköstigung mit Abendessen“ auf dem Programm. Und ich weiß nicht, ob ich danach noch „Zeit“ habe, etwas zu schreiben…

obuda2Paonia in Pannonia oder „sic transit gloria mundi…“. Obuda war einst die Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia. Die Ruinen seines Amphitheaters, einst größer als das Kolosseum, dienen heute als Hundewiese, wo Männer mit dominanten Gesten ihren Kampfhunden zeigen, wer hier der Boss ist. Dann bauten die ersten ungarischen Könige ihre Hauptstadt dort. Später wurde diese nach Budapest verlegt und der Ort wurde zum Altenteil abgedankter Königinnen. Das ideale Ausflugsziel für einen depressiv grauen Novembermorgen also. Die Tram fährt direkt vorm Hotel ab, allerdings nur eine Station weit. Dann geht es mit einer runtergekommenen S-Bahn weiter an immer deprimierter und deprimierender wirkenden Häuserzeilen vorbei bis zum Stopp Szentlélek tér. Links neben mir dröhnt eine achtspurige Stadtautobahn, das macht die Orientierung erst einmal einfach, trotz des recht schlecht ausgedruckten Plans zur „Obuda-Walk“. Also gehe ich nach rechts, zwei Ecken weiter, und bin mitten im 19. Jahrhundert. obuda4Enge gepflasterte Gassen, die sich zu Plätzen erweitern, auf denen halbzerfallene Katen sich in den Windschatten heruntergekommener Herrenhäuser drängen. Der Wind treibt die Herbstblätter durch die Straßen, der Verfall kriecht die Mauern hoch und nistet sich auf den Dächern ein. Der perfekte Hintergrund für eine gepflegte kleine Herbstdepression. Ich gebe mich ein bisschen dieser Schwermut hin, Rilke im Herzen, „Les feuilles mortes“ im Ohr. Allerdings wird man sehr schnell aus seinen selbstgefälligen Gedankenspielen herausgeholt. Denn da stehen sie, an der nächsten Straßenecke, im Regen, den Wind zum Rücken, zusammen gedrängt und doch jede für sich allein, die „Wartenden“ von Imre Varga. Es ist schwer zu entscheiden, was bitterer ist: Vargas Anklage an ein System, dass diese Frauen zwang, sich zu verkaufen, oder die Tatsache, dass die meisten Touristen heute sie für eine Gruppe Frauen halten, die auf den Bus warten. (Laut Budapest-Führer)obuda1

Der nächste Punkt auf meinem Plan waren die Thermae Maiores, die Bäder des Militärlagers. Sie sollten kurz vor dem großen Autobahnkreisel sein, eigentlich leicht zu finden. Autobahn und Kreisel ja, unübersehbar und unüberquerbar, aber rechts und links davon war die 19.-Jahrhundert-Melancholie der immensen Tristesse real existierender Plattenbauten der 1970er gewichen. Nichts Römisches weit und breit. Immerhin konnte ich jenseits des Kreisels den Turm der Barockkirche sehen, die mein nächstes Ziel sein sollte und einige Schritte weiter dann den Zugang zu einer Unterführung, die zumindest das Problem des Kreiselüberquerens lösen würde. Und da waren sie dann schließlich, unter dem Zubringer, verrußt, verdreckt, hinter einem Gitter: die Thermen. Das Tor war verrammelt und ich war eigentlich erleichtert, denn so etwas wollte ich mir nicht antun. Ich war allerdings nicht schnell genug. Imobuda3 Wegdrehen erwischte mich dann der alte Mann, der aus dem Kabaus gehumpelt kam und mir die Tür aufschloss. Ich wollte abwehren, nicht nötig, keine Umstände, ist schon gut. Die Enttäuschung auf seinem Gesicht war so groß, dass ich sie dann doch besichtigt habe, die Thermae Maiores. Und ich habe Fotos, um das zu beweisen.

Mein letztes kleines Obuda-Erlebnis passte als perfekter Abschluss. Der Bus, der mich zurückbringen sollte, fuhr samstags nur alle 20 Minuten. Und war natürlich gerade abgefahren. Aber in der nächsten Straße konnte man die Gleise der Tram sehen, allerdings keine Haltestelle. Ich sprach einen jungen Mann auf Englisch an. Er suchte seine ganzen Kenntnisse zusammen und tat dann kund: „Tram do not drive here no more.“

Auch wenn manches vielleicht ein bisschen traurig, fast negativ klingt: Es war ein ganz besonderer Morgen, den ich trotz (wegen?) seiner gewissen Melancholie sehr genossen habe. Monsieur ist ein weiser Mann. Er meint:  „Gib es zu: wenn alles perfekt restauriert gewesen wäre, hätte es dir nur halb so gut gefallen.“

Recht hat er…


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