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Vladimir: Katharina die Große, lächelnde Löwen und Meerrettichschnaps

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Der lächelnde Löwe ist das Wappentier von Vladimir, aber ein paar Löwen müssen da wohl noch ein bisschen üben.

Die Exkursion nach Vladimir hat mir gezeigt, wie nahe unendlich schön und unendlich langweilig zusammen liegen können.

4sus1aWir kletterten aus dem Bus auf den Kathedralplatz und die Führerin hielt es für das Beste, uns unter einem Lautsprechermast, aus dem laute Marschmusik dröhnte, zu versammeln, um uns erste Informationen zu geben. Irgendwie merkte sie dann aber auch, dass das nicht der ideale Standort war und führte uns vor die Tore der Kathedrale. Hier zeigte sie als erstes auf den Turm aus dem 18. Jhd und bat uns den wegzudenken. Das gleiche mit der anschließenden Kapelle aus dem – leichtes Schaudern – 19. Jhd. Die Kathedrale aus dem 12. Jhd durften wir stehen lassen und sie erklärte uns anhand des Portals und der Fassade den Einfluss deutscher und italienischer Handwerker auf den Bau. Die Fassade ist aus weißem Sandstein und könnte wirklich so in Italien stehen. Die Kathedrale ist ein lustiges Zwitterwesen. Sie gehört zur Hälfte der russischen Kirche, zur Hälfte dem staatlichen Susdal-Vladimir-Museumskomplex. Das führt dazu, dass sie von 11 – 17 Uhr Museum ist, zu den anderen Zeiten Kirche. Was wiederum bedeutet, dass du sie als Frau nur zu diesen Zeiten in Hosen und ohne Kopftuch betreten darfst, während für die anderen Zeiten strenge Kleidervorschriften gelten

4sus1Betritt man die Kirche, wird es erstmal dunkel. Die Ikonostase, die mit Ikonen geschmückte Wand, die den für die Gläubigen zugänglichen Teil der Kirche von dem den Priestern reservierten Altarraum trennt, ist ein dunkles Geschwurbel aus vergoldeten Rahmen, gedrechselten Säulen, Blätterranken und Bildern auf schwarzem Hintergrund. In einem Seitenflügel wurde uns ein einfacher weißer Sarkophag gezeigt, das „höchst tränenvolle Grabmal“ derjenigen Hunderten von Bürgern Vladimirs, die sich beim Mongolensturm von 1238 in die Kathedrale geflüchtet hatten und dort von den Mongolen mitsamt der damaligen Kirche verbrannt wurden. Im gegenüberliegenden Flügel dann der prunkvolle Sarkophag des Erzbischofs, der auch dabei war. Schönes Beispiel, dass selbst im Tod manche Menschen immer noch gleicher sind als andere.

4sus6Nach dem Mongolensturm bauten die guten Leute von Vladimir ihre Kathedrale wieder auf, ließen eine Ikonostasis einbauen, ließen bewunderte Künstler die Wände mit Fresken schmücken, kurzum ihre Kirche wurde so schön, dass sie zum Vorbild für andere Kirchenbauten wurde. Auch Katharina die Große hörte von dieser Schönheit und besuchte die Kathedrale. Nach Jahrhunderten der Andacht voller flackernder Kerzen war der Innenraum vom Ruß dunkel geworden. Das gefiel ihr nicht, das wollte sie „verschönern“. Sie ließ also die Ikonostasis rausreißen und durch das Geschwurbel ersetzen und die kostbaren Fresken aus dem 14. Jhd. übertünchen.

Die Leute von Vladimir mussten es mit ansehen und meinten dazu: Katharina ist eine mächtige Frau, sie hat mehr Verwüstungen hinterlassen als die Mongolen.

4sus4Neben der großen Kathedrale stand der „Kleine Bruder“, die Dimitri-Kirche. Kirchen scheinen also männlich zu sein in Russland. Gestiftet wurde sie von einem Fürsten namens Vsewolod „Großes Nest“. (Ich hatte bei der Führerung immer „Servelat“ verstanden – wahrscheinlich hatte ich Hunger – und den Herrn erstmal im Führer nachschlagen müssen), der als Taufnamen Dimitri erhielt. Dieser Bau von großer Schönheit zeigt im Fassadenschmuck mehrere Szenen mit den zwölf Aufgaben des Herkules. Unsere Führerin konnte sich gar nicht genug wundern über den Mut des Fürsten, diese ikonografisch doch sehr gewagten Darstellungen in Auftrag zu geben. Vielleicht hatte der Fürst aber auch nur einen kleinen Herkules-Komplex und identifizierte sich mit dem mythologischen Helden. Wie dem auch sei, zu Herkules und allerlei Flora gesellten sich andere Gestalten, besonders Löwen. Der lächelnde Löwe ist das Wappentier von Vladimir. Ich habe an diesem Tag viele neue Löwenfreunde gefunden. Das mit dem Lächeln habe ich ihnen jetzt mal geglaubt, ein paar müssen da, glaube ich, noch ein bisschen üben.4sus8

Das Innere dieser Kirche war ein Erlebnis. Zum Leidwesen der Bewohner und zum Glück für uns waren nach der Revolution alle Ikonen entfernt und in die Museen in Moskau und Petersburg gebracht worden. Auch einen Großteil der Fresken hatte man abgeschlagen, so dass in diesem Raum die reine, nackte Schönheit der Architektur wirken konnte. Diesen Raum zu betreten war wie das Anschlagen einer großen Glocke, deren Schwingungen in dir weiter klingen.

Wäre wir nach dieser Kirche in den Bus gestiegen, wäre ich glücklich nach Susdal zurückgefahren.

4sus5Aber nein, es kam noch ein weiterer Höhepunkt, das „Goldene Tor“, Burgtor des Kreml und einer der wenigen Bauten, die den Mongolensturm von 1238 überlebten. Der Bau selber ist sehr schön, aber dann mussten wir uns innen, im Museum, ein heroisches Diaporama zum Mongolensturm mit einer sehr pädagogisch wertvollen Botschaft anschauen, jede einzelne gefundene Mongolen-Pfeilspitze bewundern und anschließend an einer gefühlt endlosen Reihen von Helden des Vaterlandes vorbeiziehen.

Irgendwie hatte meine innere Glocke einen Sprung gekommen.

Auf den letzten Programmpunkt, den Besuch eines Museums für Kristallglas habe ich dann verzichtet und lieber in der Sonne auf den mächtigen Erdwallresten des Kremls der Abfahrt entgegengeträumt.

4sus7Am Abend gab es dann in einem großen Zelt das Konferenzdinner. Mein russischer Sitznachbar erklärte die nicht direkt ersichtlichen Spezialitäten. Wie etwa einen sehr leckeren Salat aus gekochtem Rindfleisch, milchsauer vergorenen Pilzen und eingelegten Gurken, dessen einzelne Bestandteile so fein gehackt worden waren, dass man sie nicht mehr identifizieren konnte. Dann wurde eine kleine Flasche auf den Tisch gestellt und ein anerkennendes Raunen ging durch Menge. Wodka-Gläser erschienen und eine hellgelbe, etwas trübe Flüssigkeit wurde ausgegossen, der Meerrettichschnaps oder Krenowucha. Einige Nicht-Russen, die am Abend zuvor schon die Bekanntschaft gemacht haben, zuckten zusammen, bekamen aber trotz ihrer Proteste ein Glas in die Hand gedrückt. Und dann kam der Toast – und damit gab es kein zurück mehr. Also Augen zu und durch. Der Schnaps riecht tatsächlich scharf nach Meerrettich und schmeckt, als hätte man beim Sushi zuviel Wasabi erwischt. Angeblich heilt er alles, aber ganz besonders Erkältungen, was ich gerne glauben will. Unvorsichtigerweise hatte ich mein leeres Glas rechts neben meinen Teller gestellt, wo mein russischer Nachbar es dann sofort wieder füllte und mit mir anstieß. Ich habe das Glas dann weiter links in Sicherheit gebracht und mich für den Rest des Abends an den Weißwein gehalten.

Sollte ich in den nächsten Tage eine Erkältung bekommen, so ist das mit Sicherheit nicht dem kalten Regen, sondern nur meiner Feigheit angesichts des Meerrettichschnaps zuzuschreiben.

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