Startseite » Allgemein » Von goyas, greniers forts und jambon au foin

Von goyas, greniers forts und jambon au foin

Beim Wandern haben wir eine eiserne Regel: die Laufzeit muss einen Ticken länger sein als die Zeit im Restaurant.

Sagen wir mal so: zum Glück haben wir uns zum Schluss verlaufen, falsch aufgestellte Schilder. Und dann hat’s geklappt. Zwei Stunden Hinweg, zwei Stunden Essen, und zweieinhalb Stunden zurück, knapp, aber immerhin.

jura1Eigentlich war es ja auch keine richtige Wanderung. Kilometerzahl zwar schon zweistellig (13,2), dafür nur Höhenmeter 300 und die auch nur kumulativ, das ganze im Jura. Also eigentlich mehr ein Spaziergang im Kurpark. Und wie bei jedem besseren Kurpark gab es auch ein Kurkonzert.

Vor das Wandern haben die Götter das Auto fahren gestellt, also erst den Col de la Faucille hoch, hinter Fahrradfahrern, Tieflader und dem Schrecken aller Bergstrecken: das belgische Wohnwagen-Gespann.

Dann wieder runter nach Mijoux und auf der „Route Royale“ wieder hoch Richtung Lamoura und La Pesse.

jura2Kurz hinter dem Parkplatz bietet ein Bauernhof Pferdecamp und Esel-Wandern an. In Erinnerung an wunderschöne Eselwanderungen mit den Kindern, frage ich Monsieur, ob wir nicht so einen süßen niedlichen kleinen Esel fürs Rucksacktragen mieten sollen. Monsieur brummt: „Du hast doch schon einen Esel, der dir….“

Also nix mit süß und niedlich…

jura5Der erste Teil führt durch eine „Combe“, ein Hochtal, vorbei an Goyas, Tränken für die Kühe. Eingestürzte Dolinen, von Menschenhand mit Lehm abgedichtet, vom Regen gefüllt, am Rand zertreten und voller Fußspuren der Gäste, die zum Trinken kommen. Wir laufen das Hochtal entlang, bis ein breiter Weg kreuzt. Unser Etappenziel, eine Ferme-Auberge, liegt im nächsten Tal. Also müssen wir den Bergrücken hoch – das war schon etwas weniger Kurpark – und auf der anderen Seite wieder runter. Und da wartet dann unser Kurorchester auf uns. Mitten auf dem Weg – wo auch sonst – steht ein Trupp von 20, 30 Jungkühen, eine jede mit einer anders klingenden Glocke. Und sie spielen eine lustige Melodie, während wir uns nähep2015_08_06_11h26_44rn. Irgendwann stellt sich dann die Frage, wer geht wem aus dem Weg. Weichen wir auf die Wiesen aus oder geben die Kühe uns den Weg frei. Letzen Endes haben die Kühe nachgegeben, was nun nicht gerade schmeichelhafte Überlegungen zu unserer Intelligenz nach sich zieht…

Der Waldweg mündet auf einen breiten Schotterweg und man kann zwei Jurabuckel weiter die Ferme Auberge sehen. Unsere „Angst“, dass wir zu früh zum Mittagessen sein könnten, war dank der Kühe und der Fotostopps besänftigt. Schlag zwölf lassen wir uns mit einem wohligem Plopp in die Stühle auf der Terrasse fallen.

Es gibt erst einen Apéro du Chef (ganz ehrlich? Meine Marquisette schmeckt besser) und dann wird man zum Essen in die Ferme gebeten. Wir fragen, ob wir nicht draußen essen können und Madame schreit nach hinten, wo der Chef gerade auftaucht: jura3„Dis, je peux les mettre dehors?“ Und das in einem Tonfall, der uns Zweifeln lässt. Mettre dehors heißt schließlich auch „rausschmeißen“.

Aber wir werden nicht rausgeschmissen, sondern mit den Vorspeisen bekannt gemacht und wählen die Croûte forestière, eine Scheibe geröstetes Brot mit Pilz-Soße. Dann gibt es eine kleine eheliche Auseinandersetzung, Monsieur möchte einen „demi“ des Hausweins bestellen, ich nur einen „quart“. Da Monsieur aber aus Erfahrung weiß, dass ich seinen „quart“ schwer schädigen werde, bestellt er den demi. Der Wein kommt. Monsieur probiert, verzieht das Gesicht und meint. „Du hattest Recht, von dem Wein wäre ein „quart“ mehr als genug gewesen.“ Hah!jura4

Bei der Croûte forestière nimmt er einen Bissen, schaut auf und sagt: „Du, heute Abend kochen wir was richtig Leckeres, ja?“ Ich fange an zu überlegen, ob ein Picknick auf der Wiese nicht die bessere Wahl gewesen wäre, da trägt der Chef den Hauptgang rein: jambon au foin, ein ganzer Schinken, der über Nacht im Heu gegart wurde.

Als wir zum ersten Mal hier waren, vor Jahrzehnten, mit den Kindern zum Langlaufen, hatte der Chef noch ein Loch in der Erde mit Holzkohle gefüllt und auf der glimmenden Glut den Schinken im Heu gegart, mit Erde abgedeckt. Heute gibt es ein kleines Nebengebäude, wo dieser Prozess auf einem Kaminpodest unter einer schweren Eisenhaube abläuft.

Der Schinken ist einfach toll: zart im Inneren, knuspriges Äußeres. Dazu gibt es Kartoffelgratin und gebratene Zucchini. Und wir haben noch den Rückweg vor uns.

Aber was soll’s, da müssen wir jetzt durch. Genauso wie durch die Käseplatte und den Nachtisch, Vacherin glacé für mich, Pfirsich im Weißweinsud für Monsieur. Nach dem Kaffee und der Rechnung setzen wir uns nach zwei Stunden Essen in Bewegung, widerstrebend, langsam, aber immerhin…

jura6Der Rückweg läuft durch eine weitere Combe, vorbei an alten Bauernhäusern mit ihren „greniers forts“. Ein gutes Dutzend Schritte abseits vom Haupthaus – und immer entgegen der vorherschenden Windrichtung – wurden kleine „Wehrspeicher“ angelegt, in denen das Saatgut, wichtige Papiere, die Finanzen und die Sonntagskleider untergebracht wurden. Brannte das Haupthaus ab, bildete der grenier fort sozusagen das Startkapital für den Neuanfang.

Ziel unserer Wanderung war die „Borne au Lion“, ein Grenzstein von 1613, als sich die damaligen Weltmächte Frankreich, Savoyen und Burgund auf die Grenzen einigten.

Ich muss sagen, ich haben selten etwas gesehen, was mich weniger beeindruckt hat, als dieser Grenzstein!

jura8Viel beeindruckender fand ich ein anderes historisches Denkmal auf der Wiese vor einer Ferme.

Wir finden unser Auto wieder und trödeln langsam nach Hause. Mit einem Halt in Lamoura, wo wir im Maison des fromages du Haut-Jura zuschlagen: Morbier und Comté, Tomme de Jura, Ziegenkäse und einen unaussprechlichen Weichkäse.

Wer weiß, wann wir wieder zum Wandern in den Jura kommen!

jura7


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: