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Lärchen-Fackel-Spektakel-Zugabe (Col de la Forclaz)

forclaz7Ich würde das ja niemals laut und in der Öffentlichkeit verkünden, aber ich bin der festen Überzeugung, dass einige der wichtigeren Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit aus reiner Faulheit gemacht worden sind. Weil irgendein Mensch es gründlich leid war, die selbe Tätigkeit zum x-ten und aber-xten Male zu wiederholen, hat er sich hingesetzt und etwas ausgetüftelt, das diesen Job für ihn übernehmen konnte. Schönes Beispiel heute: wir wandern vom Col de la Forclaz auf dem „Chemin des bisses“. Bisses – oder auf Schweizerdeutsch Suonen – sind von Menschenhand gestaltete Wasserläufe, die, zum Teil kilometerweit, gutes, sauberes Wasser aus den Bergen in die Dörfer bringen.forclaz1 Um das lebensnotwendige Nass auch immer zur Verfügung zu haben, werden die Bisses betreut und kontrolliert von den Gardien des bisses. Der, der für die Bisse de Trient zuständig war, hatte eine genial-faule Idee. In der Mitte der immerhin 3km langen Strecke baute er ein Wasserrad ein. Dieses Rad ließ einen großen, schweren Hammer auf einen weithin klingenden Stein schlagen. Und unser Gardien konnte so schon von weitem hören, ob der Rhythmus des Hammers schön ebenmäßig klang. Was dann für ihn bedeutete: alles in Ordnung, keine Notwendigkeit, den ganzen Weg abzulaufen. Nur wenn der Hammer zu langsam oder gar nicht zuschlug, war ihm sofort klar, da stimmt was nicht, da muss ich nachschauen gehen. Genial, nicht?

forclaz2Wer zwischen den Zeilen lesen kann, erkennt auch unsere Faulheit: Bissen folgen natürlich dem Gesetz der Schwerkraft, d.h. das Wasser will nach unten. Aber es soll das kontrolliert und langsam tun, also mit geringem Gefälle. Was natürlich für „Bissen-Wanderer“ heißt, dass es eben nur sehr langsam und gemütlich nach oben geht. Außerdem stand am Beginn der Wanderung ein Schild: Chalet du Glacier, Buvette und drunter hing „offen“. Vor unserem geistigen Augen entstanden Bilder von dampfendem Kaffee, Blaubeertorte oder Apfelkuchen, serviert an urigen Holztischen, die Berge vor sich, die Sonne im Rücken. Unser Frühstück war halt schon lange her…

Vielleicht war das der Grund, weshalb wir die ersten drei Kilometer deutlich schneller hinter uns brachten als die Schweizer Wegweiser angaben. Nur war dann die Enttäuschung groß: die Buvette war nicht nur geschlossen, sie war mit Brettern vor den Fenstern und Türen winterfest verrammelt und machte einen äußerst abweisenden Eindruck. Schade, schade, schade.

Unser nächstes Ziel war ein Chalet in 2100 m Höhe, sozusagen auf Augenhöhe mit der Gletscherzunge auf der anderen Talseite. Vor 150 Jahren hätte wir dafür vom Chalet nur ein paar Schritte laufen müssen, aber heute liegt der Gletscher etwa 400 Höhenmeter und 2 km weiter weg.

forclaz6Der Gletscher war lange Zeit für die Menschen hier ein Arbeitstier. Noch bevor der Mensch auf die Idee kam, das Wasser für seine Bedürfnisse abzuzweigen, nutze ein Unternehmer des frühen 19. Jhd. den Gletscher als Rohstoff. Er ließ große Eisbrocken herausbrechen, sie auf Loren über Schienen auf dem (späteren) Bissenweg bis zum Col de la Forclaz, von dort mit Karren nach Martigny und von da zu Orten so weit entfernt wie Paris bringen, damit die Menschen ihre Lebensmittel kühlen konnten. Am Chalet sieht man noch Spuren dieser „Ausbeutung“ des Gletschers.

forclaz3Wir folgen dem schmalen Pfad, der sich erst noch recht harmlos gibt und in einem Wäldchen verschwindet. An einer großen Almwiese geht es dann senkrecht zu den Höhenlinien nach oben. Für mich mal wieder Anlass, „bewundernd“ (sprich nach Luft schnappend) stehen zu bleiben. Die Lärchenwälder stehen in Flammen! Die Nadeln sind kupferbraun gefärbt. Noch liegt das Tal im Schatten, die Pointe d’Orny (3271m) steht vor der Sonne. Doch wir klettern höher und kommen zu sonnenbeschienenen Wiesen. In der Sonne ist es richtig warm, ideal zum Picknicken! Die Sonne lässt die Lärchenwälder leuchten, auf der Kammlinien der anderen Talseite stehen einzeln Bäume, von hinten angestrahlt, wie Fackeln.

forclaz5Auch der Weg führt durch diese Lärchenwälder. Dick und weich liegen die Nadeln auf dem Boden, ein kupferroter duftender Teppich. Als Gegengewicht zum doch eher unsanftem Weg, der sich langsam zur Kletterstrecke zwischen Granitbrocken entwickelt. Wir klettern trotzdem weiter. Laut Karte sind es noch etwa 600m und etliche Höhenmeter bis zum Ziel, als uns ein Erdrutsch die Entscheidung: weiter oder zurück? abnimmt.

Die Kletterei zurück, bergab, ist dann noch einen Ticken spaßiger als bergauf. Um halb eins geht die Sonne kurzfristig unter, hinter der Bergspitze, um eine Viertelstunde später weiter rechts wieder aufzugehen. Lärchen-Fackel-Spektakel-Zugabe!

forclaz4Der Kletterweg endet kurz vor dem Chalet, dort ist es inzwischen etwas rummelig. Vom Kindergarten bis zum Altersheim, alle profitieren vom einfachen Zugang zum Berg und dem tollen Wetter. Wir laufen gegen den Strom zurück zum Hotel de la Forclaz, wo wir dann – drei Stunden später als anfangs gehofft – auf der Terrasse sitzend doch noch zu unserem Apfelkuchen kommen. Das Wetter ist so traumhaft, wir sind so früh dran, dass wir uns für den Weg „hinten rum“ entscheiden. Wir trudeln durch Trient rüber nach Frankreich, durch Vallorcine und Argientière nach Chamonix, immer Auge in Auge mit Mont Blanc, Aiguille de Midi, Aiguilles rouges und ihren Freunden.

Und als Krönung dieses wunderschönen Tages schenkt der französische Staat uns dann noch ein Erinnerungsfoto.

Von uns und unserem Auto, auf der Route Blanche, kurz hinter Chamonix….


2 Kommentare

  1. kaeptnjoker sagt:

    Sehr aufmerksam vom französischen Staat!
    Aber besser kurz hinter Chamonix, als kurz hinter Annemasse… 😉

    Gefällt mir

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