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Motivation, intrinsische, die (Plateau de Retord)

retord2Braucht man sonntagmorgens um sieben, um dem inneren Schweinehund einen Maulkorb zu verpassen.

Der schaut erst nur fassungslos und nölt: „Das kann doch nicht dein Ernst sein, oder?“, verlegt sich dann auf’s Argumentieren: „Deine blöde Berge sind in einer Stunde bestimmt auch noch da! Hast du überhaupt schon gesehen, wie kalt und dunkel es da draußen ist?“, und schließlich auf’s Betteln: „Okay, dreißig Minuten, ja? Eine klitzekleine Viertelstunde, bitte? Zehn Minuten? Fünf?“ Gut, fünf Minuten bekam er dann.

retord3Die extrinsische Motivation kommt dann in Gestalt der noch etwas verschlafen wirkenden Küchenhilfe, die uns im Le Cathray um 9:20 sagt, dass das mit der Tischreservierung kein Problem sei, aber man nach 13 Uhr nicht mehr Essen bestellen dürfte. Die geplante Wanderung aber war im Internet mit 4 Stunden angegeben. Wenige Minuten später stehen wir auf dem Wanderparkplatz, mein sehr kommunikatives Auto meint mir mitteilen zu müssen, dass die Außentemperatur unter 3° gefallen sei und wir somit mit Glatteis rechnen müssten. Der innere Schweinehund hebt nur eine Augenbraue und grinst sich eins ab.

retord5Der breite Waldweg liegt noch im Schatten der hohen Bäume, so dass das mit dem schneller Laufen schon aus wärmetechnischen Gründen eine gute Idee ist. Im Hinterkopf haben wir die Möglichkeit, die 14 km Schleife auf eine 10 km Schleife abzukürzen, wenn wir nicht mehr rechtzeitig zum Apéro im Restaurant sein können. Und dann stehen wir nach 15 Minuten vor einem Wegweiser, der zum Wanderparkplatz zeigt: Le Raymond 30 min. Ich glaube, unser Apéro ist gesichert.

Bald öffnet sich der Wald unretord1d wir laufen durch sanft gewellte Wiesen, vorbei an Buchen wie aus einem Märchenbuch. Keine großen schlanken Stämme wie aus deutschen Hochwäldern, nein, hier stehen Gruppen von Bäumen zusammen, wie Schüler auf dem Pausenhof, alte Männer auf dem Dorfplatz, Freunde beim Diskutieren. Fast glaubt man im Rascheln der Blätter im Wind ihre Stimmen zu hören. Und dazwischen hin und wieder eine breit hingeduckte Ferme. Bei einem dieser Bauernhöfe geht die Abkürzungsschleife rechts ab, die Wegweiser sind nicht wirklich hilfreich, aber wir hatten uns da eh schon entschieden, den ganzen Weg zu laufen. Noch ein Stück geht es weiter auf der „Schnellstraße für Wanderer“, dann verlässt unsere Schleife den Fernwanderweg und wir kommen ins Auenland. Rasenpfade führen zu Baumgruppen, durch raschelndes Buchenlaub steigen wir an Fels- und Wurzelformationen vorbei, die sicher jeden Hobbit locken würde.retord4

Die Ferme de Retord ist im Sommer und während der Skisaison bewirtschaftet, heute müssen wir uns mit einem Apfel aus dem Rucksack begnügen. Wir sind so gut in der Zeit, dass wir übermütig werden. Statt die vorgegebene Strecke bis zur Straße und auf dieser dann ein paar Minuten zu unserem Parkplatz zu laufen, entscheiden wir uns für einen kleinen Pfad, der nach rechts bis kurz vor den Parkplatz führt. Zumindest existiert dieser Weg auf der Karte. In der Realität auch, auf den ersten 500 Metern. Dann stehen wir auf einer Lichtung, auf dieser Lichtung eine „cabane“, eine kleine Hütte, grün gestrichen und mit der Hausnummer 4. Am anderen Ende der Lichtung, da wo der Weg weitergehen soll, gibt es im Zaun immerhin noch diese Zickzack-Lösung, durch die sich zwar Wanderer, nicht jedoch Kühe hindurchzwängen können.retord6 Dann steht da noch ein einsamer Stuhl auf der Wiese – und das war es dann. Genau diesen Moment sucht sich Monsieurs Lebensgefährtin aus für eine ihre Krisen, kein Satellitenempfang fürs GPS, das uns wenigstens grob die Richtung hätte angeben können. Irgendwann finden wir eine Spur im nassen Laub und folgen ihr bis zu einem Hochsitz. Danach verlassen wir uns auf unser Glück: irgendwo da drüben, in etwa dieser Richtung müsste unser Auto stehen, wie schwer wird das sein? Monsieur sinniert darüber nach, wie weise oder eben nicht es sei, in der Jagdsaison fernab von Wegen einfach durchs Unterholz zu preschen, aber ich vertraue darauf, dass die Jäger inzwischen alle beim Apéro sitzen. Plötzlich stehen wir vor einem Elefantenfriedhof. Nein, Tannenfriedhof natürlich, aber das andere war mein erster Gedanke. Eine große Lichtung, bedeckt mit ausgebleichten Ästen und Zweigen, dazwischen die Stümpfe der gefällten Baumriesen. Wir steigen durchs vermodernde Geäst, bis wir die halb zugewachsenen Spuren der schweren Maschinen finden, die die Stämme auf den Fahrweg gezogen haben. Und keine drei Minuten später sind wir am Auto.

Unser kleines Waldabenteuer hat die Durchschnittsgeschwindigkeit zwar arg gesenkt, trotzdem sind wir kurz nach zwölf im Restaurant. Auf einer Schiefertafel wird uns das Tagesmenü vorgeschlagen: retord7 copyLinsensalat mit geräucherter Entenbrust, Kalbsfilet mit Pilzen und eine pochierte Birne in heißer Schokolade,

Als Apéro gibt es einen Kir.

Ich finde, das hatten wir uns verdient!


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