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Up, up and aaaawayhayhay

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Der Anruf entpuppt sich dann als SMS. Zum Glück nicht mit dem letzten Satz: Diese SMS zerstört sich – und Ihr Handy – nach zwanzig Sekunden selber. Nein, der Inhalt ist sehr positiv: Wind- und Wetterverhältnisse seien geeignet für unsere erste Ballonfahrt. Treffpunkt ist ein Autobahnparkplatz zwischen Lausanne und Yverdon. Während der Fahrt dorthin beäugen wir das Wetter kritisch. Der angekündigte Sonnenschein ist zwar da – aber von „le grand bleu“ kann leider nicht die Rede sein. Dichter Dunst verbirgt die Alpen und hinterm Jurarand machen sich erste Wolken startklar.

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Auf dem Parkplatz stehen zwei Kleinbusse, einer mit Anhänger, auf dem die Gondel und eine große Holzkiste untergebracht sind. Die Mitfahrer sind auch schon da und wir brechen von dort auf zu einem der Startplätze. Unser Busfahrer lässt uns aussteigen und fährt dann schwungvoll mit dem Anhänger auf eine große Wiese. Zwei Mitarbeiter beginnen den Anhänger auszuladen, während ein dritter, Tristan,  uns zur Sicherheitseinweisung einsammelt. Erster und wichtigster Hinweis für einen sicheren, entspannten und angenehmen Flug sei das Folgende, erklärt er: Unser Pilot Marcel sei Katalane und wir dürften ihn nie, nie, niemals als Spanier bezeichnen, sonst sei das mit dem sicheren, entspannten und angenehmen Flug leider ganz schnell vorbei. Dann folgen einige Selbstverständlichkeiten: nicht rauchen, bitte nicht telefonieren etc. Und der Tipp, dass unser Pilot nun deutlich mehr Flugstunden und Erfahrung habe als wir und wir uns somit – ohne Diskussion – seinen Anweisungen zu beugen hätten. Die Schnüre und Seile, die vom Ballon in die Gondel hängen, seien tabu für uns und dürften auf keinen Fall zum Festhalten oder Ähnlichem benutzt werden. Dann kommen die Einweisungen für die Landung und da steigt dann doch so ein kleines seltsames Gefühl in meiner Magengrube auf. Aber Tristan beruhigt uns, alle Landungen seien sicher. Um dann nachzusetzen, es gäbe natürlich die normalen sicheren Landungen und die sportlichen sicheren Landungen. Landungen, bei denen ein unerwarteter letzter Windstoß beim Aufsetzen auch schon mal dazu führen kann, dass die Gondel umkippt und auf der Seite landet. Wie auf sein Stichwort kippt die Gondel vom Anhänger und landet auf der Breitseite. Da sich aber keiner vom Team aufregt, gehen wir mal davon aus, dass das so richtig war. Ganz wichtig, fährt Tristan fort, sei auch darauf zu achten, dass man nicht unbedingt auf oder beim Abschleppseil stehe, dass die Gondel am Anfang noch mit dem Bus verbinde. Gerade, wenn der Ballon schon fast aufgeblasen sei, könnte es – zwar selten, aber gelegentlich eben doch – vorkommen, dass ein heftiger Windstoß Ballon, Gondel  und – ja auch – das Fahrzeug anlupfe. Wer dann dumm stehe, lerne schneller fliegen, als ihm lieb sei. Dann kommt als letzter Hinweis, dass die Toiletten weder im vorderen noch im hinteren Bereich des Flugapparats zu finden seien, einem aber – eine Handbewegung weist auf die umgebenden Mais- und Sonnenblumenfelder.

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In der Zwischenzeit haben die Aufbauer mit einem kleinen Raupenfahrzeug die große Kiste vom Anhänger gehievt. Darin liegt ein schwarzer Sack und darin der Ballon, im Augenblick eher eine große Stoffwurst, die wir jetzt erst aus dem Sack ziehen und dann ausbreiten helfen. Vierzig Meter ist die Stoffwurst lang, fast viermal so lang wie unser Haus! Die Wurst wird mit Stahlseilen an die Gondel gehakt und dann schicken zwei Gebläse Luft in die Hülle, blähen den Ballon auf, der im Französischen den für mich sehr viel schöneren Namen „Montgolfière“ trägt. Schließlich wirft Marcel die Brenner an. Die heiße Luft lässt den Ballon sich erheben und als Erstes richtet er dabei die umgekippte Gondel auf. Das löst schon mal ein Problem, das ich für uns sah. Wir werden aufgefordert einzusteigen, die Sicherungsseile werden gelöst, Marcel feuert ein – und nichts passiert. Es kommt die Frage – die er wahrscheinlich jedes Mal stellt – : „Wer hat heute Mittag zwei Mal Nachschlag genommen?“ Alle lachen pflichtschuldigst, Marcel dreht ein bisschen weiter auf und da ist es: ganz sanft löst sich der Korb vom Boden und strebt nach oben. Wir steigen auf und der Wind nimmt uns mit auf eine Reise. Normalerweise könnte man von hier aus die französischen und die Waliser Alpen sehen. Heute sind sie zu schüchtern und verstecken sich. Aber den Genfer See kann man im Dunst erkennen und wir wissen ja, wie die Alpen dahinter aussehen, kein Problem! So erklimmen wir eine Höhe von 2200 Metern und sind dann richtig drin im nebligen Dunst. Höher darf er heute nicht, erklärt Marcel, sonst bekommt er Ärger mit dem Tower von Genf, da Höhenflüge über 2200 Meter mit der Flugsicherung abgeklärt werden müssen.

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Flugbahn, von Monsieurs Lebensgefährtin mitgeschrieben

 

Er lässt uns wieder sinken und wir gleiten über ein Stück hübscher aber eher unspektakulärer Schweiz: Wiesen, Wälder, abgeerntete Felder. Das ein oder andere Dorf, dazwischen auch schon mal ein Zementwerk und ein Bahnlinie, über die Züge der SBB bummeln. Irgendwann kommt sogar der TGV Lyria vorbei, aber selbst der erweckt den Eindruck zu bummeln. Die Welt als Märklin-Eisenbahn. Und das ist für mich das Besondere dieser Ballonfahrt. Ich schwebe, abgelöst, über der Welt und das ist nicht nur ein rein physikalisches Abgelöstsein. Irgendwie habe ich das Gefühl, wirklich von der Welt losgelöst zu sein, ein meditatives Schweben. Es hat nichts zu tun mit dem schnellen und zielgerichteten Fliegen eines Flugzeugs, mehr so ein sich Anvertrauen an den Wind. Die Sonne kommt gelegentlich durch die Wolken, dann gleiten wir über unserem Schattenbild am Boden, sehr schön.

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Aber bevor das Ganze zu ernst und  kontemplativ wird, testet Marcel die Landebedingungen an und das wird lustig. Wir fliegen so tief, dass wir Baumwipfel streicheln können. Hundespazierer winken uns zu, Autofahrer halten an und zücken Handys, Mütter machen Kleinkinder auf uns aufmerksam. Die Reaktionen sind deutlich freundlicher als beim ersten bemannten Montgolfière-Flug, als aufgebrachte Bauern die beiden Ballonfahrer nach ihrer Landung erschlagen wollten, weil sie sie für Teufelsspuk hielten. Irgendwann haben wir – bis auf Marcel natürlich – das Gefühl: jetzt, jetzt, tut es gleich einen Schlag und wir setzen auf. Aber Marcel öffnet den Brenner und wir steigen ganz  langsam wieder auf. Betonung auf langsam: 9000 m³ heiße Luft, die natürlich nicht „nichts“ wiegt, tragen eine 300kg schwere Hülle mit dem 400 kg schweren Korb und müssen – ohne indiskret zu werden – mehrere Hundert Kilogramm Passagiere bewegen.

Ebenso langsam geht unsere Ballonfahrt zu Ende und Marcel nähert sich der Wiese, auf der wir landen sollen. Wie aus dem Nichts tauchen die Begleitfahrzeuge auf. Marcels Ziel ist ein Feldweg, auf dem er aufsetzen will, der Bus mit Anhänger fährt vor. Marcel – oder der Wind – verschätzt sich etwas, der Korb knallt ins Feld vor dem Weg, hüpft, kippt und richtet sich wieder auf. Marcel zeigt auf zwei Mit-Fahrer: „Du und du, raus!“ Gehorsam klettern die zwei aus der Gondel, Marcel wartet, bis die Gondel sich stabilisiert hat, dann sind die nächsten zwei dran. Dadurch  ist die Gondel so leicht, dass sie wieder schwebt und jetzt beginnt „Rückwärts einparken mit einem Ballon“. Die Ausgestiegenen und das Team ziehen und schieben die schwebende Gondel bis hinter den Anhänger, dann lässt Marcel uns alle aussteigen und gibt einen letzten Brennerstoß in die Hülle. Der Ballon hebt die Gondel ein paar Handbreit hoch, alle packen an und hieven und manövrieren die Gondel punktgenau auf den Anhängern. Marcel schaltet die Brenner aus.

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Danach dauert es noch eine gute halbe Stunde, bis die Luft aus der Hülle entwichen ist und wir den stolzen prachtvollen Ballon wieder zu der seltsamen Stoffwurst reduziert haben. Eine halbe Stunde, die mal wieder zeigt, wie viel harte Arbeit hinter scheinbar Mühelosem wie dem Schweben und Gleiten steckt.

Aber irgendwann ist der Ballonhülle verstaut und die Kiste mit dem kleinen Raupenfahrzeug auf den Anhänger gefahren und es geht über zum Abschluss: Sektgläser erscheinen und eine Champagnerflasche.

Schön war es, auch ohne spektakuläre Ausblicke auf die Alpen, ein ganz besonderes Erlebnis, das ich gerne noch einmal wiederholen möchte. Bei Sonnenschein und klarer Sicht.

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