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Aus dem Archiv der ungereisten Reisen

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Irgendwo muss sie doch sein. Ich weiß ganz genau, dass ich sie hier irgendwo eingeordnet  habe. Obwohl: Ordnung und Paonia, das ist ja sozusagen ein Oximoron. Hah, hier ist sie, lag unter A wie Abbaye royale und nicht unter H wie Hautecombe im Archiv der ungereisten Reisen. Beim letzten Mal hatten wir uns ja selber ausgetrickst: die Besichtigung der Abtei eingeplant und uns dann im Restaurant so vertrödelt, dass die Abtei geschlossen war.

Heute machen wir das ganz anders: heute planen wir direkt ein, dass wir zu spät sein werden nach dem Essen. Unser Restaurant liegt in einem Vorort von Le Bourget du Lac, der auf Französisch fast wie „Großes Kätzchen“ klingt. Da wir aber ein bisschen zu früh dran sind, schauen wir uns in Le Bourget um. Die Prieuré sieht von der Straßenseite her ziemlich schlimm verbaut aus, zeigt aber „coté jardin“ eine heitere Fassade mit einem bunten Durcheinander an Fenster- und Türformaten.

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Und die Kirche finde ich sehr anrührend, wie sie ihre Baugeschichte erzählt. Auf breite romanische Bögen folgen hohe gotische Fenster, alles passt irgendwie nicht ganz zusammen. Die romanischen Bögen wirken zu breit für die schmalen gotischen Fenster, die romanischen Kapitelle zu massiv für die gotischen Gewölbe, alles wirkt etwas unbeholfen, aber dadurch auch so berührend. Nur draußen, beim Gang um die Kirche, da muss ich dann fast laut lachen. An das romanische Schiff haben sie einen rein gotischen Chor angebaut: hoch und elegant und filigran und himmelstrebend, wie sich das so gehört. Und dann haben sie wohl Angst vor ihrer eigenen Gotikerei bekommen und haben sehr unelegant massive und erdverbundene Stützpfeiler dagegen gelehnt.

Hinter dem Komplex liegen die Gärten der Prieuré, ursprünglich wohl Gemüse-, ab dem 19. Jahrhundert dann Ziergärten und inzwischen aufgenommen in die Liste der „Jardins remarquables de la France“, der bemerkenswerten Gärten Frankreichs. Das wird dann auch gleich genutzt als Verkaufsargument, um ahnungslosen Besuchern wie uns eine „balade remarquable“ aufzuschwatzen, zum zweiten Höhepunkt des Ortes, dem „château Thomas II“. Finde ich faszinierend. Ich komme aus einer Gegend, wo Burgen so klangvolle Namen tragen wie Pfalzgrafenstein, Stolzenfels oder Stahleck. Eine Burg namens Thomas Zwei, das ist doch mal etwas Neues. Also folgen wir dem bemerkenswerten Spaziergang durch Gärten, Sportplätze, Wohnsiedlungen, unter und über verschiedene Hindernisse wie Bachläufe und Ausfallstraßen bis zum Ziel, das sich als kleine Mogelpackung entpuppt. Das Bemerkenswerteste am zweiten Thomas ist das riesige Gittertor, das den Zugang zur Anlage versperrt, dicht gefolgt von der ebenfalls beeindruckend großen Tafel, die in harscher Sprache harte Strafen denen androht, die – am Tor vorbei – über die kaum noch vorhandenen Mauerreste auf das Gelände einzudringen wagen. Wirklich bemerkenswert!

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Wir fahren durch Kleines Kätzchen zum Großen Kätzchen. Das Restaurant ist ein umgebautes Bauernhaus mit großer Fensterfront zum See. Es hat nur zehn Tische, alle besetzt, und das Essen, das kommt, erklärt sehr schön, warum. Zum Kir gibt es ein halbes Dutzend Köstlichkeiten zum Knabbern und Knuspern, ein kleiner Gruß aus der Küche stimmt auf die nachfolgenden Gänge ein.

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Der Käsewagen bietet Sorten, die wir noch nicht kennen. Nach dem Dessert kommt noch einmal eine Auswahl süßer Kleinigkeiten und zum Kaffee hausgemachte Pralinen aus fast schwarzer Schokolade. Es geht uns richtig gut und wir sind rundum zufrieden, als wir kurz vor drei in der Herbstsonne vor dem Auto stehen und überlegen, was wir nun anstellen. Ich hatte zuhause einen formidablen „itinéraire de dégustation“ erarbeitet, einen Vorschlag, der uns von Winzer zu Winzer, Weingut zu Weingut bis fast nach Chambéry bringen kann. Aber hier und jetzt erscheint das, was wir sonst so gerne tun – durch die kleinen Weindörfer fahren, die Weingüter suchen, mit den Winzern plaudern, die Weine probieren – irgendwie fast wie Arbeit. Und die ganzen Entscheidungen, die man dann dauernd treffen muss – viel zu anstrengend. So ganz langsam schiebt sich da die Abbaye wieder nach vorne. Wir haben zwar keine Ahnung, wie die Öffnungszeiten im Oktober sein werden, aber die Abtei liegt am anderen Ende des Sees, lass uns doch einfach mal nachschauen. Das mit dem einfach ist dann doch nicht so einfach, denn statt am Seeufer entlang geht es erst einmal in engen Serpentinen den Berg hoch. Am ersten Aussichtspunkt sehen wir weshalb, die Felswand stürzt fast senkrecht in den See, da wäre gar kein Platz für eine Seeuferstraße. Beim Belvedere de Notre Dame gibt es eine Diskussion, ob der Anblick des eher unattraktiv sich ausbreitenden Aix-les-Bains wirklich ein „Belvedere“ sei, eine Frage, die sich beim nächsten dank einer sich gnädig davor schiebenden Felsnase erübrigt. Beim vierten gibt es dann endlich zu sehen, was wir bei den ersten drei erhofft haben: ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Anlage der Abtei.

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Trotzdem zieht es sich noch einige kurvenreiche Kilometer, bis wir auf dem Gelände der Abtei ankommen. Auf dem großen Busparkplatz steht ein einsames Wohnmobil, dafür steht auf dem PKW-Parkplatz ein Bus quer über fünf Parkplätze. Wir nehmen das jetzt mal als ein gutes Zeichen dafür, dass die Anlage noch oder wieder jedenfalls geöffnet ist. Ein weiteres sicheres Zeichen ist die junge Frau, die vor dem Portal eine Gruppe Menschen um sich scharrt und ihnen Tickets abnimmt.

Wir erfahren, dass man nur im Rahmen einer Führung besichtigen darf, die Führung automatisch und mit Audioguides erfolgt und eine halbe Stunde dauert. Monsieur kommt mit blauen Tickets, die meisten vor uns haben gelbe. Ich frage die junge Frau, was denn der Unterschied sei. Sie zuckt mit den Schultern – keiner – und grinst mich an: Aber die blaue Führung sei natürlich die Beste! Um sich dann Auge in Auge mit dem Paar hinter uns zu finden, das ihr wortlos seine gelben Tickets hinhält.

Sie sammelt die Gruppe im Vorraum, verteilt Audioguides in verschiedenen Sprachen und erklärt uns, wie die Führung läuft: auf einem abgesteckten Weg folgen wir den angeleuchteten Denkmälern, Fresken, Bildern und erhalten dann per Audioguide die Erklärungen dazu. Sie entlässt uns in die Kirche und in eine halbe Stunde voller Perfektion und Verdruss. Perfektion in Form des Gebäudes: Die Kirche im Flamboyant Stil ist gotische Spitzenklöppelei in Vollendung, die Figuren der königlichen Grabmäler exquisit. Der Text gibt fachkundig Informationen weiter, untermalt mit gregorianischer Musik, alles sehr gut und stimmungsvoll. Der Verdruss kommt aus der Art der Führung: man kann nicht im eigenen Rhythmus besichtigen, wird hier und dorthin geschickt. Ich sehe uns fast wie Marionetten eines Puppenspielers, der an einer Schnur zieht und alle drehen sich nach rechts, nach links oder schauen zusammen nach oben. Die zweite Quelle des Verdrusses liegt – und das soll auf dieser Welt ja gelegentlich vorkommen – in unseren lieben Mitmenschen. Die Italiener der Gruppe haben ihre Geräte auf Italienisch laut gestellt und halten sie – quasi aus Notwehr – 40 cm von ihren Ohren entfernt, so dass alle Nachbarn notgedrungen das Geplärre mitkriegen. Und eine ältere Dame, die irgendwie immer wieder neben mir auftaucht, scheint so taub, dass sie ihr Gerät auch auf volle Lautstärke stellt. Von dieser italienisch-französischen Lärmwolke umgeben ist es gelegentlich schwierig, sich auf den deutschen Text zu konzentrieren.

So gesehen ist das mit der halben Stunde dann gar nicht so schlecht. Am Ende wird man dann aufgefordert, die Geräte abzugeben, doch mal über eine großzügige Spende nachzudenken und dem Shop einen Besuch abzustatten. Dort gibt es eine Menge erbaulicher Literatur der „Sei glücklich“-Variante und auch Handfestes wie den klostereigenen Sekt und Honig. Wir kommen aber ohne finanzielle Verluste durch den Shop.

Nach Hause geht es über Seyssel, wo die Rhône einiges aushalten muss. Nicht nur, dass sie für ein hydroelektrisches Kraftwerk eingedämmt wird, der Damm trägt auch noch den Spruch: Le Rhône – au service de la nation. Arme Rhône!

Über Frangy fahren wir nach Chaumont, die Strecke ist nicht wesentlich länger als die Autobahnroute, aber ungleich schöner zu fahren. Und in Chaumont zwinkert uns der Tag noch einmal zu. Chaumont ist der Ausgangspunkt unserer „Frühlingsblumen-schauen-Wanderung“ auf den Vuache. In Chaumont gibt es ein Restaurant, in das wir gerne gehen und in Chaumont gibt es einen Winzer, dessen Wein wir gerne trinken. Aber wie verflixt war noch jedes Mal, wenn wir zum Wandern oder Essen nach Chaumont kamen, das Weingut geschlossen. Nur heute, da steht die Tür offen und davor drei Männer. Wir parken, zwei der Männer steigen in einen zerbeulten Kastenwagen und fahren los, der Dritte schaut uns erwartungsvoll an. Es folgt ein kurzes freundliches Geplänkel, ob es seine Schuld sei, dass er nie in Chaumont sei, wenn wir hier wären oder aber unsere, dass wir nie hier wären, wenn er da sei. Dann wenden wir uns den wichtigeren Themen zu. Sein Wein ist ein kleiner, aber ehrlicher Rousette de Savoie, sein Rosé der ideale Begleiter für einen Abend auf der Terrasse. Er zeigt uns die Preisliste. Ab 6 Flaschen gibt es Rabatt, ab 12 noch mehr. Wir wissen, dass unsere Freunde diesen Wein auch mögen und kaufen einfach einen Karton für sie mit. Unser Freund ist Schwabe. Das Argument mit dem Sparen wird ihm sicher gefallen.

So jetzt muss ich noch ein bisschen umräumen. Den Wein aus dem Wagen in den Keller und die Abbaye royale de Hautecombe ins Archiv der gereisten Reisen.

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2 Kommentare

  1. Dieser Blogeintrag hat gerade verhindert, dass mein Essen anbrennt 😀 Beim Lesen ist mir aufgefallen, wie hungrig ich bin und dass ich ja mal langsam was essen könnte und dann fiel mir ein, dass der Gemüseauflauf seit 20min im Ofen steht (zum Aufwärmen^^). Alles sehr kross, aber noch essbar! Bin gespannt, wer mir nachher die süßen Kleinigkeiten und einen Kaffee bringt. Ich habe aber keine allzu großen Hoffnungen diesbezüglich.
    Liebe Grüße,
    die „Kleine“

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  2. Du Arme, wenn du einen 3D-Drucker hättest, würde ich dir zumindest den Kaffee schicken können. Wir haben leider – hmmmhmmm – gerade das letzte Stück Apfelkuchen verschnabuliert.

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