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Down under

 

 

Natürlich weiß ich, dass auf einer Landkarten Norden oben ist. Aber ich komme vom Rhein, der auf seiner Reise in Richtung Norden natürlich bergab fließt. Deshalb überrasche ich meine Gesprächspartner gelegentlich mit Aussagen wie „Wir fahren ‚runter in den Norden.“

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Diesmal fahren wir ‚runter nach Daun. 677 km sagt mein Navi und schlägt dann vor, gleich schnurgerade aus über den Jura zu fahren, statt den Umweg links über Macon oder rechts über Basel zu nehmen. Winterreifen sind aufgezogen, Schneefälle nicht zu erwarten, also klettern wir den nächstbesten Jurapass hoch und sind bei 1200m über dem Nebelmeer. Sehr schön. Um diese Jahreszeit sind keine belgischen Wohnwagengespanne unterwegs und wir kommen schnell nach Les Rousses. Auf einer Liste der hundert hässlichsten Dörfer Frankreich läge Les Rousses für mich ganz weit oben, das benachbarte Morez auf einer ebensolchen Liste der Kleinstädte auch. Ich bin sicher, wenn ich mir die Zeit nehmen würde, beide Orte kennen zu lernen, fände ich sie voller faszinierender Details und liebenswerter Einwohner. Aber so, beim Durchfahren, bin ich doch froh, als die Ortsausgangsschilder kommen.

Hinter Lons-le-Saunier kommt die Autobahn, Fernziel Lille. Paris natürlich auch, aber das brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen, alle Autobahnen in Frankreich führen nach Paris – über kurz oder lang. Aber Lille, das ist so weit im Norden, da, wo nach Meinung der Südfranzosen Frankreich an den Polarkreis stößt. So weit wollen wir nicht, aber wir folgen dieser Autobahn und kommen an diese Autobahn-überspannenden Anzeigetafeln, deren Aussagen es mit der Vielschichtigkeit und Undeutbarkeit eines chinesischen Glückskekses aufnehmen können. Auf dieser steht: „Pollution – moins 20km obligatoire“. Übersetzt wird es nicht klarer: „Umweltverschmutzung – 20 km weniger obligatorisch.“ Wir wollen nach Daun, wenn ich 20 km weniger fahre, bringt mich das nicht an mein Ziel. Und wie das – und meine daraus resultierende schlechte Laune – gegen Umweltverschmutzung helfen soll, weiß wohl nur die französische Autobahnmeisterei.

Wir grummeln ein bisschen herum, bis wir von der A39 auf die A31 abfahren und da sind die Autobahn-Orakel verständlicher, wenn auch gefährlich. „Une pause s’impose“, das lassen wir uns gerne aufschwatzen und fahren vor Nancy auf einen Parkplatz „tout confort“, der aber erst erreicht wird durch ein Wirrwarr von Kreiseln. Der Kaffee ist gut, das Nahrungsangebot ziemlich unsäglich – kein Problem, heute Abend erwarten uns kulinarische Genüsse. Doch dann sieht es kurzfristig so aus, als kämen wir nie ans Ziel.

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Mit viel Ausdauer erkämpfen wir uns schließlich eine Ausfahrt, vorbei an zerbeulten Schildern, die von verzweifelten Ausbruchsversuchen anderer Autofahrer erzählen. Metz schreibt sich mit seiner Silhouette ins Archiv der ungereisten Reisen ein und dann steht plötzlich mein Auto im Scheinwerferlicht. Was ich zuerst für einen drängelnden Idioten mit aufgeblendeten Lichtern halte, ist die untergehende Sonne, die sich doch noch durch die Wolken gekämpft hat und alle meine Spiegel mit leuchtendem Kupferrot erfüllt. Dieses Spektakel hält an durch ganz Luxemburg, was zugegebenermaßen nicht wirklich lange ist. Hinter Trier hüllt sich die Welt dann in Dämmerung und es ist dunkel, als wir Daun endlich erreichen. Daun ist ein Labyrinth von engen Gässchen mit verwirrenden Einbahnregelungen. Wie eine kleine Labormaus brauche ich dann auch mehrere Versuche, um den richtigen Weg durch dieses Labyrinth zu finden. Aber schließlich stehen wir auf dem Burgberg und schauen hinab: Daun under liegt Daun-Town im weihnachtlichen Schmuck.

 


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