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Harmoniepause

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Unser chinesischer Führer lud uns zu einer Harmoniepause ein, der Laote schickte uns „den Tiger jagen“ und unsere Kinder glaubten jahrelang, dass große „P“ an den Autobahnparkplätze stünde nicht für Parken, sondern – genau dafür. Allen gemeinsam ist das Wissen, dass man lange Strecken gelegentlich unterbrechen soll, muss, kann, will.

Für die Rückfahrt von Cortona ins Piemont schwebt mir da Genua vor. Kenne ich nicht, soll schön sein. Für unsere geplante Harmoniepause greife ich voll ins Kitsch&Klischee-Kästchen, sehe uns wohl gelaunt von der Autobahn auf kleine gepflasterte Straßen abbiegen. Leider nicht im Cabrio, schade. Wir finden ohne Probleme den alten Hafen und dort natürlich sofort einen Parkplatz, gleich in der Nähe des hübschesten Cafés mit dem schönsten Meerblick. Nach der Espresso- und Harmoniepause schlendern wir noch kurz durch ein paar Gässchen und dann heißt es „Arrivederci Genua“. Aber je länger ich in den Internetseiten zu Genua herumstöbere, desto peinlicher wird mir das. Genua hat so viel zu bieten, zu sehen, zu erleben: Straßen, Plätze, Paläste, da reicht wahrscheinlich eine Woche nicht aus. Ich bin richtig kleinlaut, als ich das Monsieur kurz hinter Cortona gestehe. Gemeinsam legen wir Genua liebevoll im Archiv der ungereisten Reisen ab, schnell greifbar für ein verlängertes Wochenende oder so.

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Bleibt die Frage nach der Harmoniepause. Hinter Florenz schlägt Monsieur Pisa vor und vor meinem Auge entstehen Bilder von Touristenmassen, die sich gegenseitig in ach so lustigen Posen beim vermeintlichen Stützen des Schiefen Turmes ablichten. Hmmm, andrerseits, erzählt Wikipedia, gibt es außer Turm und Kirche nicht so schrecklich viel zu sehen in Pisa. Also kein Genua-Syndrom. Plötzlich sagt Monsieur: „Lucca klingt auch nicht schlecht!“ und liest die im Beitrag aufgelisteten Sehenswürdigkeiten vor. Als da wären: eine vollständig erhaltene Stadtmauer und – schließen wir aus dem leerem Eintrag – keine Kirchen. Letzteres freut mich, denn ich habe in den letzten Tagen doch so etwas wie einen Kirchen Overload gehabt. Stadtmauer brauche ich jetzt auch nicht unbedingt, ich halte das da eher mit Städten wie Genf und Paris, die aus „Bollwerke“ „Boulevard“ machten. Aber dann kommt das beste Argument für Lucca: Piazza dell’Anfiteatro. Die Luccanesen haben ihren Stadt-Platz im Inneren des alten römischen Amphitheaters angelegt. Die Außenmauern stehen lassen, den Rest abgerissen – angesichts der Scheußlichkeiten, die in diesen Amphitheatern als Volksbelustigung gezeigt wurden, eine gute Lösung – und damit ihre Häuser im Kreisrund hochgezogen. Da will ich hin, da will ich einen Kaffee trinken.

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Nach einer Viertelstunde Gebrummel über die Parkplatzsituation, laufen wir über Grünanlagen auf die imposante Stadtmauer zu. Ich murmele still vor mich “ Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia…“, um mein Auto wieder zu finden. Die Stadtmauer folgt dem bekannten Strickmuster: unten ordentlich römisch geschichtete Steinbrocken, dann ein bisschen Mittelalter-Durcheinander und oben neuzeitliche Backsteinwälle. Mit über zehn Metern Länge ist der Durchgang durch die Mauer schon ziemlich beeindruckend. Wir kommen auf der anderen Seite wieder in die Sonne und stehen – vor einer Kirche! Von wegen keine Kirchen, da hat der Verfasser des Artikels wohl irgendetwas übersehen.

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Diese hier sitzt fünfschiffig behäbig wie eine brütende Glucke und – naja, wo sie schon mal da ist – natürlich sind wir neugierig. Zum Glück, den der Bau ist von großer Schlichtheit und Schönheit. Die Barockerei haben sie auf die Seitenkapellen beschränkt, finde ich sehr zuvorkommend. Von San Frediano sind es nur wenige Schritte bis zur Piazza dell’Anfiteatro. Und dort greift das Leben selbst in die Kitsch&Klischee-Kiste. Der Platz sieht aus wie aus einem italienischen Film der 60er Jahre. Fast erwarte ich Sophia Loren auf Sandaletten vorbeistolzieren zu sehen. Häuser, ein jedes in einem anderen warmen Ockerton, Dächer, von denen keines die gleiche Höhe wie sein Nachbar hat, Wäsche, die von Balkonen flattert, alles ist da. Eigentlich müsste man sich in die Mitte setzen und seinen Stuhl alle paar Minuten ein bisschen weiterdrehen.

Der Platz ist wirklich wunderschön, der Teller Pasta, den wir zu Mittag bestellen, eher touristisch-mittelmäßig, aber das macht nichts. Wir haben für heute Abend bei „Ca Maria“ gebucht, das wird alle kulinarischen Fehlleistungen wieder gut machen.

Monsieur will noch dies und das sehen und so schlendern wir weiter. Ein – von außen – wunderschöner Innenhof entpuppt sich beim Hineinschauen als Parkplatz und die größte Enttäuschung ist die Piazza Napoleone, groß, weit, unbelebt, hässlich. Wahrscheinlich als Racheakt so benannt. Trotzdem gut, dass wir ihn uns ansehen, denn sonst wäre ich nicht an den Stufen des Cafés gewesen. Just in dem Augenblick, als der alte Mann die oberste Stufe übersieht und – Stock wild um sich fuchtelnd – mir mit ausgebreiteten Armen entgegenfliegt.

Ich habe gerade noch Zeit, meine Arme zu öffnen und ihn aufzufangen. Es dauert ein bisschen, bis wir beide wieder stabil stehen, da dreht er sich einfach um und geht brummelnd davon.

Wahrscheinlich ist es ihm peinlich, von einem „Mädchen“ gerettet zu werden. Oder er ist genauso schüchtern wie ich.

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Noch mehr aus der Abteilung: Steinmetze just want to have fun: San Michele in Foro

Als wir schließlich wieder – Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia… – am Auto ankommen, sind drei Stunden vergangen. Den Plan, doch noch den Schiefen Turm abzustützen, lassen wir ohne größeres Bedauern fallen.

Und ein paar Stunden später stehen wir vor „unserem“ Castello Razzano. Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

 


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