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Sankt Georg und das Killer-Navi

 

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Krönender Abschluss unserer Burgundfahrt an den Bodensee soll der Besuch der Reichenau sein. Auf dem Weg dorthin versucht mein Navi zweimal mich umzubringen.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade, habe ich vom Mathe-Unterricht noch im Kopf. Zwischen den Punkten Meersburg und Konstanz ist diese Gerade ziemlich nass, weshalb sich die Nutzung der Autofähre anbietet. Wir werden in die Reihen eingewunken, mein Auto ist das letzte in seiner Reihe. Es kommen noch zwei dicke fette Wohnmobile von der Größe und dem Charme eines 17-Tonners in die Mitte, dann wird hinter mir die Rampe hochgestellt und die Fähre setzt sich in Bewegung. Just in diesem Moment quäkt das Navi: Jetzt bitte links abbiegen! Links ist jede Menge Bodensee und sonst nichts. (Rechts natürlich auch, aber das ist hier und jetzt irrelevant.) Das Navi wird zum Schweigen gebracht und wir steigen hoch aufs Aussichtsdeck, um uns zum letzten Mal die Bodenseeluft um die Nase wehen zu lassen. Die Fähre dockt an, die Rampe senkt sich, die Autos vor mir rollen an und – kaum zu glauben – mein Navi verlangt: „Wenn möglich bitte jetzt wenden!“ Und dann? Auf dem kürzesten Weg in den Bodensee? Bisher hatte ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Navi, aber da steigen doch die Zweifel hoch. Jedenfalls wird es ausgestöpselt und wir folgen den Straßenschildern zur Reichenau. Ohne weitere Zwischenfälle kommen wir zu St Georg.

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Diese karolingische Kirche ist ein gutes Beispiel für die Problematik des Weltkulturerbe-Titels. Nach dessen Verleihung setzte ein solcher Ansturm ein, dass die Bewunderer das Bewunderte zu zerstören drohten. Das ständige Öffnen und Schließen der Kirchentüren sorgte für einen Luftstrom, der Staub, Pollen, Schmutzpartikel in die Kirche trug. Diese setzten sich auf den Wänden und damit auf den über 1000jährigen Malereien fest, wo sie Schimmelsporen Nahrung boten. Außerdem trugen verschwitzte Radsportler oder regennasse Wanderer viel Feuchtigkeit ins Innere. Auf den Gemälden bildeten sich großflächiger Schimmelbelag. Nachdem ehrenamtliche Betreuer berichteten, dass die Kirche als regensicherer Picknickplatz oder Fahrrad-Garage benutzt wurde, dass Besucher ihre Hunde durch die Kirche stromern ließen – „Mein Hund ist katholisch und genau so ein Geschöpf Gottes wie Sie!“ – zogen die Denkmalschützer die Notbremse und verschlossen den Zugang.

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Wir, das heißt natürlich unsere Planer, haben eine Führung vorbestellt, heutzutage die einzige Möglichkeit die Kirche zu betreten. Die Bilder, Ende des 9. Jahrhunderts entstanden, stellen die Szenen aus dem Neuen Testament dar und sind beeindruckend. Was aber Künstlerkollegen des 12. Jahrhunderts nicht davon abhielt, sie zu „verbessern“. Unsere Führerin erklärt uns, dass die Schweine, die über die Brücke fliehen, karolingisch sind, ihre Schattenbilder aber gotisch. Nur scheint der gotische Künstler nicht so richtig genau hingeschaut zu haben: die Schattenschweine haben Ringelschwänze, die Brückenschweine nicht.

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Nach dem prachtvoll gestalteten Inneren der St. Georgs-Kirche wirkt das Hauptkloster dann durch Architektur und Schlichtheit. Im Seitenschiff hängt hier das barocke Gemälde, dass St. Pirmins Ankunft auf der Reichenau zeigt. Sein Schiff legt auf einer Seite an und auf der anderen Seite flieht alles Schlangen- und Nattergezücht panisch von der Insel. Der Bodensee im Bild brodelt förmlich vor schwimmenden Schlangen. Monsieur, der sich gestern als einziger in den See getraut hat, sieht es mit nachträglichem Schaudern.

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Die dritte Kirche ist eher klein und liegt sehr malerisch an der Inselspitze. Ihr einfaches karolingisches Schiff ist dann fast 1000 Jahre später mit allerlei barockem Tand „ge-updated“ worden. Aber ich habe heute schon so viel Schönes gesehen, dass ich Stuck-Arabesken und pausbäckige Putten mit großem Langmut sehe. Und das – sehr kleine – Museum im Nebengebäude ist wirklich einen – sehr kurzen – Besuch wert.

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Unser letzter Inselstopp gilt dann einer Bäckerei mit dem schönen Namen Laib und Seele, wo wir uns trotz anfänglicher Verständigungsschwierigkeiten – „Ich hätte gerne das Sandwich da.“ – „Meinet Sie des Weckle?“ – mit Reiseproviant für die Heimfahrt eindecken.

Ach ja, die verlief völlig unproblematisch – navi-technisch und so…

 

 


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