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Der Nebel des Grauens äh Moléson

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Der Wetterbericht sagte: Wolken bis 8:00 und dann ab 17:00 wieder, dazwischen Sonnenschein. Fein! Vor 8:00 wollten wir eh nicht da sein und nach 17:00 längst schon wieder auf dem Heimweg.

Allerdings wird sich herausstellen, dass die Verlässlichkeit des Schweizer Wetterberichts auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Vielleicht hat der Wetterbericht vergessen den Wolken Bescheid zu sagen, vielleicht wollten die Wolken dem Wetterbericht eins auswischen, jedenfalls sehen wir erst mal schwarz am Fuße des Moléson. Vielleicht nicht ganz schwarz, mehr so ein tiefes Nebelgrau.

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Aber Wandern ist ja, wenn man trotzdem lacht. Also werden Tickets gelöst und wir versichern uns immer wieder, bis wir da oben sind, hat die Sonne den Nebel und der Wind die Wolken vertrieben.

m4So richtig hoffnungsvoll steigen wir dann nicht mehr um aus der Eisenbahn in die Seilbahn. Direkt über uns verschwinden die Seile im grauen Nichts. Der Seilbahnführer kommt, legt irgendeinen Schalter um und die Seilbahn – tut gar nichts. Er betätigt ein paar mehr Schalter und wir warten jeden Moment auf die Ansage: Moléson heute nur zu Fuß, bitte alle aussteigen, da ruckelt es ein paar Mal und die Seilbahn zuckelt los. Ruckelnde Seilbahnfahrt ins neblige Nichts – da lässt sich doch bestimmt ein Katastrophenfilm zu drehen. Außer uns sind nur noch zwei weitere Wanderer, mit so einer kleinen Kampfratte, unterwegs. Wenn die Zombies aus dem Nebel des Grauens kommen, kriegen sie erst mal den Hund serviert und wir können in der Zeit irgendwie flüchten, im Nebel.

Aber bevor meine Fantasie so richtig in die Gänge kommt, ruckelt die Seilbahn zum Glück schon in die Bergstation ein und der Seilbahnführer verabschiedet uns mit einem betonten „Trozdem“ viel Spaß.

Spaß werden wir haben, Sicht allerdings keine. Wir machen uns auf den Weg, entlang des Höhenrückens. In weiser Voraussicht gibt es rechts und links des schmalen Grades Zäune. Wahrscheinlich um die Kühe von Dummheiten abzuhalten, aber auch in unserem Falle sehr hilfreich. In Ermangelung von Jungfrau und Eiger fotografiert Monsieur Blumenwiesen und alpine Blumenschätzchen. Wenn ich mir das so ansehe, hätten wir auch im Kurpark von Bad Dingenskirchen unsere Runden drehe können, Fotos wären ähnlich gewesen.

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Für unsere erste gemeinsame Bergwanderung hatte ich „etwas Leichtes“ ausgesucht, eigentlich sollte es nur bergab gehen. Mit einer kleinen Ausnahme, die Strecke entlang der Crête de Moléson dippt mal kurz auf 1600 m, um dann wieder mit der Teysachaux auf 1800 m zu steigen, bevor von dort ein relativ breiter Weg zur Talstation auf 1500 m führt. Was ich nicht so recht erkannt hatte beim Planen, was in natura aber all zu deutlich wird: dieser Aufstieg führt über einen steilen Felsgrat hoch und wieder hinunter. Und da wird mir doch sehr mulmig. Bevor ich aber so richtig in Panik fallen kann, hüllt eine dicke dunkle Wolke alles in dichten Nebel: Berg, Felsgrat, Weg und meine Angst. Nur den gelben Wegweiser etwas weiter unten im Tal, den sehen wir. Den Wegweiser mit der Alternativroute unten um die Teysachaux herum. Und wir beschließen, dass bei diesem Nebel der Berggrat viel zu gefährlich sei. Uff, noch mal Glück gehabt. Es wird irgendwie doch anstrengend genug. Zumal Monsieur dann irgendwann auf meine Frage nach den Kniebandagen gesteht, dass er alles Mögliche eingepackt habe, die aber nicht. Mit einem kleinen Rest Klebeband tape ich dann nur ein Knie, was das andere natürlich eifersüchtig macht.

Aber da müssen sie nun durch, meine Knie. Und sie tragen mich dann treu und brav, wenn auch unter Protest zur Gros-Plané-Alm und ihrer „Buvette“. Monsieur hat ein paar Schritte Vorsprung und als ich mich alleine die letzten Meter hochkämpfe, spannt ein Junge ein Seil quer über den Zugang zur Hütte. Noch liegt es nur 20 cm über dem Boden und ich rechne mir gute Chancen aus, meine Füße noch so hoch heben zu können, da zieht er es an und das Seil ist plötzlich auf Hüfthöhe. Ich schaue ihn an, er schaut mich an und strahlt: „Für Sie, Madame, mache ich natürlich noch einmal auf!“ Wahrscheinlich hat er die nackte Verzweiflung auf meinem Gesicht und die Schlagzeilen in der morgigen Zeitung gesehen: „Wanderin verhungert vor Almhütte, weil sie den Kuhzaun nicht (mehr) übersteigen konnte“. Und dann kommt sie,  die Pause mit wirklich herrlichem Bergquellwasser und Käsespezialitäten. Die Hütte ist fast ausgebucht mit Menschen, die Käsefondue (es sind nur 14° hier oben), Ofenschinken und Schweizer Fendant genießen, was uns doch wundert, angesichts der Wanderung. Wenig später sehen wir den gut gefüllten Parkplatz und wundern uns nicht mehr.

Von Gros-Plané ist es dann nur noch eine gemütliche halbe Stunde bis zur Zugstation.

Der Angestellte dort antwortet auf meine Frage, wann denn der nächste Zug gehe mit: In 20 Minuten. Bis ich dann ausgearbeitet habe, dass diese Information, gekoppelt mit dem Wissen, dass die Züge alle 20 Minuten fahren, eigentlich nur heißen kann, das gerade jetzt…, ist es fast zu spät. Wir stürzen durch die Türen, die Bahn jodelt „Liiiiii-oooo-baaa“ – jawohl, das ist das „Bitte zurückbleiben“-Signal – , die Türen schließen sich und wir tuckern mit einem genussvollen Seufzer nach unten. Wir sind sogar schon wieder so fit, dass wir Witze über die steile Talfahrt und unsere Knie machen können, bis mir dann die paar Treppenstufen am Ausgang des Bahnhofs zeigen, dass ich über meine Knie besser keine Witze machen sollte.

Monsieur findet die Wanderung so schön, dass er sie bei – wirklich! – gutem Wetter gerne noch einmal gehen möchte. Ich muss das jetzt erst einmal mit meinen Knien durchdiskutieren.

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