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Das üben wir noch mal, ja?

 

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Okay, es kann nicht immer alles klappen, aber das mit dem Daumen drücken für gutes Wetter, das hat nun sehr spektakulär nicht geklappt. Das üben wir noch mal, ja?

Ihr könntet Euch natürlich auf den Standpunkt stellen: Gesamtkunstwerk, Prelude, Einstimmen. Bei der Götterdämmerung oder dem Fliegenden Holländer würde ich auch sofort zustimmen! Aber doch nicht bei Carmen, ich bitte Euch.

Unser Prä-Oper-Dinner verläuft sehr schön. Es wird zwar zu jedem der vier Gänge eine andere Weinbegleitung vorgeschlagen, aber das haben wir dann doch weise auf ein einziges Glas Weißwein beschränkt, schließlich wäre es zu peinlich später beim Mitsingen erwischt zu werden. Die Kellnerin kann das auch viel leichter akzeptieren, als den Wunsch der Gästin schräg neben uns: Johannisbeersaft-Schorle.

Zum Nachtisch gibt es schon die ersten Sturmböen, aber wir gelangen – und mit uns fast 300 weitere festlich-fröhlich gestimmte Passagiere – noch trocken auf das Schiff, lustigerweise „unsere“ München vom Morgenausflug. Kaum hat das Schiff abgelegt, bricht ein derartiger Regensturm über uns hernieder, dass der Kapitän – nein „ich bin Ihr Schiffsführer“, wie er sich in einer beruhigenden Ansprache kurz darauf an uns wendet – sich entschließt nicht im Lindauer Hafenbecken zu drehen. Zu groß ist wohl die Gefahr, dass das Schiff breitseits von einer Böe erwischt und gegen die Hafenmauern gedrückt wird. Das Schiff kämpft sich also rückwärts aus der Einfahrt und da erfasst der Sturm es dann und schiebt es quer zur Fahrtrichtung mit einer solchen Geschwindigkeit Richtung Bregenz ab, dass plötzlich die Wasserpolizei neben uns auftaucht.

Regen stürzt über die Treppen aufs Deck, bis Personal kommt und – endlich – die Türen verschließt. Das hilft natürlich gegen den Regen. Fast überall. Denn plötzlich kommt der Regen an einer Stelle durch die Decke. Just an der Stelle, unter der eine Gruppe Mädels mit zwei Kartons Pizza ihr Prä-Oper-Dinner zelebrieren. Pizza Bodensee? Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzt. Irgendwann scheint die Wasserpolizei überzeugt, dass unser Schiffsführer die Lage im Griff hat und dreht ab. Also nichts mit „Ausflugsdampfer treibt ziellos auf dem Bodensee – Passagiere organisieren Laien-Aufführung von Carmen“ als Schlagzeile des morgigen Lindauer Tagesblättchens. Mit gehöriger Verspätung erreichen wir den Anleger von Bad Schachen, wo weitere Opernfreunde warten, ziemlich durchnässt. Schließlich dreht das Schiff und nun geht es mit Volldampf Richtung Bregenz. Als wir zum dritten Mal für heute Abend an Lindau vorbei kommen, reißt der Himmel auf, der Regen stoppt und ein Regenbogen erscheint. Schon mal sehr positiv!

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In Bregenz legt unser Schiff – um 20:50! – direkt an der Seebühne an. Die Eintrittskarten werden kontrolliert und jeder Gast erhält eine Handvoll Papierhandtücher, um seinen Sitz trocken zu wischen. Im Gegensatz zu mir hat die Seebühne mit Regen gerechnet. Wir finden unsere Plätze und warten dann mit allen anderen noch kurz auf die Passagiere der „Graf Zeppelin“, die sich noch viel länger – Konstanz und Friedrichshafen – hat durch den Sturm kämpfen müssen. Dafür gab es da dann das Prä-Oper-Dinner an Bord, was ich mir bei dem Seegang auch nur mäßig lustig vorstelle.

Und dann beginnt die Magie. Fotografieren ist natürlich streng verboten, wer Bilder möchte, kann ja einfach mal bei YouTube nachschauen. Es ist umwerfend, der See ein Teil nicht nur der Kulisse, fast des Ensembles. Carmen rettet sich vor ihrer Verhaftung durch einen beherzten Delphinsprung in den See. Jeder auf der Tribüne – der das Programm gelesen hat – weiß das und doch geht ein kollektiver Aufschrei durch das Publikum. Im zweiten Akt tanzt eine Balletttruppe  auf den unteren Spielkarten. Während des Balletts verschwinden die Karten langsam im Wasser, bis Tänzer und Tänzerinnen durch fast 20 cm tiefes Wasser tanzen. Erst schwingen die langen Röcke der Tänzerinnen dadurch nur langsamer mit, aber als sie sich immer schneller drehen, heben sich die Säume aus dem Wasser und verteilen einen funkelnden Regen von Wassertropfen. Wunderschön!

A propos Regen: der spielt dann doch wieder mit. Irgendwann setzt er wieder ein. Erst so ein kleines „Ach, das ignorieren wir einfach“-Geniesel und dann aber richtig. Die nächsten Takte höre ich hauptsächlich das Rascheln der hastig übergezogenen Regenponchos. Und dann sitze ich warm, trocken und geborgen in meinem kleinen Kokon und bewundere aus vielen Gründen die Sänger und Tänzer im Regen und Sturm auf der Bühne. Aber besonders die Sängerinnen und Tänzerinnen. Der Sturm ist zeitweilig so stark, dass die Darstellerinnen in ihren voluminösen Kleidern sich richtig in den Wind lehnen müssen, um nicht weggeweht zu werden. Micaela (in diesem Fall ihre Stunt-Frau) klettert in diesem Sturm über die höchsten Karten in die Schlucht, um ihren José zu finden. Die Schmuggler und auch der Torero kommen in Booten über den wild bewegten See in die Schlucht. Bei schönem Wetter sicher nur halb so spannend!

Die letzte Szene spielen Carmen und José nicht am, sondern brusttief im See. Und ja – Spoiler-Alarm – Carmen wird von José im See ertränkt und das sehr, sehr realistisch. Und nein – ich weiß nicht, wie sie das getrickst haben.

Aber bis Ende August könnt ihr das noch selber herausfinden. Falls ihr das dieses Jahr nicht mehr schafft: 2018 geht Carmen in die zweite Saison.

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