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Muttertag

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Tiflis hat seine Mutter Kartli, Yerewan die Mutter Armenia. Erbaut an der Stelle eines viermal so großen Stalindenkmals. Als das den Säuberungen der 1960er anheim fiel, riss der Diktator, d.h. seine fallenden Trümmer, etliche der Soldaten in den Tod, die mit an Panzer gespannten Trossen seinen Sturz herbeiführten. Die Mutter Armenia – zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten – sollte eigentlich ein Denkmal für misshandelte Frauen sein. Denn so, wie sie geplant war, auf den Handflächen der angewinkelten Arme ein Schwert tragend, gefiel sie den sowjetischen Machthabern nicht. Aus der weiten Ferne wirkten Figur und quer liegendes Schwert wie ein großes Kreuz – und das durfte natürlich nicht sein. So wurden in einer Nacht- und Nebelaktion Mutter Armenia ein Arm gebrochen, Schulter, Ellbogen und Handgelenk ausgekugelt und irgendwie wieder zusammen gebastelt. Die Statue wirkt dadurch unnatürlich verdreht und verkrümmt, aber nicht mehr wie ein Kreuz. Mission erfüllt.

 

In Zizernakaberd empfängt uns die Musik Komitas, die uns durch den ganzen Denkmalkomplex begleitet. Während Besuchergruppen auf Fotomöglichkeiten warten, leicht verärgert über zwei Damen, die selbst an der Flamme des Denkmals, unter den eindrücklichen Steinbögen nur an Selfies denken können, marschiert draußen, unter der Nadel, ein Armeemusikkorps auf. Die Formation steht endlich, der Dirigent gibt ein Handzeichen und ein jeder Musiker senkt sein Instrument, dreht sich zu seinem Nachbarn und kontrolliert und richtet noch einmal schnell dessen Goldtressen und Orden. Dann hebt der Dirigent den Taktstock und eine wehmütige Melodie beginnt. Das Ganze wäre aber deutlich emotionaler gewesen, wenn er nicht im selben Moment mit links sein Handy aus der Tasche gezogen und mit der Nasenspitze über die Oberfläche gewischt hätte, während er mit rechts weiter dirigiert.

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Wir gehen durch den Gedenkwald zurück. Ein jeder offizielle Staatsbesucher wird zum Genozid-Denkmal geführt, ob er das so geplant hatte oder nicht. Wahrscheinlich, damit keiner hinterher behaupten kann, er hätte das nicht gewusst. Und jeder Besucher pflanzt – oder lässt pflanzen – einen Baum. Der Wald ist inzwischen beträchtlich.

 

Soren fährt uns zum Hotel und wir machen uns auf, die Stadt zu erkunden. Yerewan ist eine recht junge Stadt, um 1900 aus dem Boden gestampft. Allerdings wurde viel davon nach dem Ende der Sowjetunion abgerissen, um neuen Hochhäusern Platz zu machen. Manchmal hat man versucht, das, was noch an ältere Bausubstanz da war, in die Fassade neuerer Bauten einzugliedern.

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An neuen Attraktionen sticht die „Kaskade“ hervor, außen eine gigantische Blumen geschmückte Treppe, drinnen Kunstgalerie – mit Rolltreppe. So fährt man gemütlich an Kunstwerken vorbei hoch zum obersten Treppenabsatz, merkt sich schon mal vor, welches Objekt man beim Hinunterfahren noch einmal näher in Anschein nehmen will und genießt oben den Blick auf Yerewan und den Ararat. Vor der Kaskade liegt ein Park mit weiteren, von der Familie Cafesjian gestifteten Kunstwerken. Botero scheint ihr Lieblingskünstler zu sein. Und so grinst am Ende des Parks eine riesige fette Katze mit frech heraus gestreckter Zunge.

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Das Nationalmuseum am Platz der Republik ist eine Herausforderung. Ich betrete es und komme nicht aus dem Staunen heraus. Das erste – eher ungläubige – Staunen gilt der barschen Art, mit der ich als Besucherin daran gehindert werde, die Ausstellungsräume zu betreten. Die Ausstellung ist streng chronologisch geordnet und dieser Ordnung habe ich bitte schön gefälligst zu folgen. Sobald man auch nur die Nasenspitze in einen Nebenraum stecken will, ist jemand da: Not this way! Und die Aufpasserinnen wirken durch die Bank so, als ob sie dieses Not this way! ohne Weiteres mit Körpereinsatz durchsetzen würden. Dann kommt das zweite überraschte Staunen über 5000 Jahre alte Bestattungswagen für Clanchefs und dann das reine entzückte Staunen über die kunstvollen Figuren in Bronze. Ich finde es unendlich schade, dass man im Museum nicht fotografieren darf, bin aber gleichzeitig heilfroh darüber. Wenn Monsieur hier und jetzt auch noch fotografieren dürfte, wird das nichts mit dem Frühstück morgen. Vom Abendessen ganz zu schweigen…

Das Entzücken hält an durch das gesamt obere Stockwerk.

Bis wir im nächsten Stockwerk die Tür zum Jahr 1915 öffnen.

 

Nachtrag

Wen es intressiert:

Franz Werfels: Die vierzig Tage des Musa Dagh war in den 1930ern das Werk, das Europa über den Genozid informierte.

Charles Aznavours Ils sont tombés singt gegen das Vergessen an.

 

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