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My big fat

 

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Armenian road trip.

Soren ist zwar noch unter vierzig – knapp -, ähnelt aber in vielem dem griechischen Vater in dem berühmten Film, nur ohne Glasreiniger. Alles, was es gibt in der Welt, also, alles Gute und Schöne, stammt irgendwie aus Armenien, wurde von Armeniern erfunden, gemacht oder verbessert oder hat – wie entfernt auch immer – mit Armenien zu tun. Fast jeder berühmte Mensch der Gegenwart ist Armenier, wie Charles Aznavour, hat armenische Vorfahren, wie Giorgio Armani oder war zumindest schon mal in Armenien, wie George Clooney. Nur bei Kim Kardashian ist er etwas zögerlich. Eigentlich findet er sie und ihr Tun und Treiben ja ganz schrecklich, aber da sie armenische Wurzeln hat, schwierig, schwierig…

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Inzwischen, wissen wir, was er meint, wenn er von West-Armenien spricht und Stalin verflucht, der den identitätsstiftenden heiligen Berg Ararat wegschenkte an jenes Land, dessen Namen man nicht ausspricht. Oder der Bergkarabach zu allem Unglück mitten in Aserbaidschan beließ. Das ist ein fast noch heißeres Thema als die Türkei. Als Monsieur nach all dem Pulverkaffee endlich mal einen echten Kaffee haben möchte, fragt Soren nach „Espresso or Turkish coffee?“, um sich sofort zu verbessern, dass das hier natürlich Armenian coffee heiße. Das Ergebnis ist das gleiche: ein auf dem Kaffeepulver aufgekochter dickflüssiger Kaffee. Der Kaffeesatz, auf eine blutende Wunde gegeben, stoppt die Blutung und desinfiziert. Uraltes armenisches Heilmittel, ist ja klar.

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Säulen, da guck ich ja meist schon gar nicht mehr hin, besonders bei römischen. Diese sind nun hellenistisch und dem Mithraskult gewidmet, was die Sache nicht einfacher macht. Aber eigentlich ist das ganze ein  einziges Über- und Miteinander von Kulturen. Von der Zyklopenmauer, die die einstige Verteidigungsanlage vor 2500 Jahren umschloss, über den römischen Bäderkomplex, von Soren konsequent als „die Sauna der Prinzessin“ tituliert, zur Kirchenruine auf den urartischen Palastruinen. Eines muss man den urartischen, griechisch-römischen, armenischen und christlichen Bauherren zu Gute halten. Sie hatten ein Auge für „location! – location! – location!“.

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Unsere „location“ ist fast genauso gut, wir sitzen auf der Terrasse eines zugegebenermaßen sehr einfachen B&B mit direktem Blick auf den Tempel und die grandiosen Berge gegenüber. Zwischen den Zeilen könnte man jetzt das Gemeinschaftsbad herauslesen, aber im Augeblick konzentrieren wir uns mal auf das Positive und genießen die Aussicht. In einer Stunde wird uns die Hausherrin ein sicher wieder viel zu großzügiges Abendessen servieren. Dabei sind wir fast noch satt von der „Kleinigkeit“, die es heute Mittag gab.

Ein bisschen haben wir die Kalorien abgelaufen in der Schlucht unterhalb von Garni. Basaltsäulen bilden bizarre Kunstwerke. Schaffen sechseckig „geflieste“ Böden, schwingen sich im Halbkreis über Bergwände, stehen wie Orgelpfeifen nebeneinander. Nur die Organistin wirkt etwas gelangweilt.

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Als Fast-Franzose ist man ja schnell überzeugt, beinahe alles über Käse zu wissen. Tja, bis Soren Käse bestellt, den es nur in Armenien – wo sonst? – gibt. Der eine ist eine Art bröckeliger Blauschimmelkäse, bei dem die Milch in kleinen Tonkrügen mehrere Wochen (oder mehrere Monate, Soren will sich da nicht festlegen) in der Erde vergraben wird und dann eben als siehe oben wieder hoch befördert wird. Sehr interessant in Aussehen und Geschmack, aber nicht so interessant wie der Fadenkäse oder eher Stöckchenkäse. Käsemasse wird geschlungen und gezogen und geschlungen und gezogen, bis ganz dünne Käsefäden entstehen, die dann getrocknet werden. So entstehen Knabbersticks aus Käse, ein zumindest für mich ganz neues Käse-Erlebnis.

Der Käse bildet mit Tomatensalat die Vorspeise, ist aber eigentlich nur ein Vorwand, um zwei Töpfchen Joghurt und Sauerrahm zum Lavash zu bestellen. Das Brot wird vor unseren Augen im Restaurant gebacken. Eine Knochenarbeit für die zwei älteren Frauen, ein tolles Spektakel für uns. Der Wasser-Mehl-Teigklumpen wird von der einen auf einem Holzbrett auf Pizzagröße ausgewalkt und dann schwungvoll zur Kollegin geworfen. Die hat ein ca 40×80 cm großes gepolstertes Kissen vor sich, auf dem sie den Rohling hauchdünn auszieht. Dann kommen ein paar scharfe Messerschnitte in die Oberfläche und der Fladen wird mit einem gekonnten Schwung vom Kissen an die Wand einer großen eingemauerten Amphore befördert, in deren Inneren ein Holzfeuer brennt. Kurze Zeit später löst die Werferin einen leicht gebräunten aufgeplusterten Fladen von der Wand und das Ganze geht von vorne los. Und auf diese frischen, heißen Fladen einen Klecks Sauerrahm…

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Das haben wir uns verdient nach Geghard. Geghard ist ein bisschen Indiana Jones und ganz viel Betrieb. Im Kloster wurde lange Zeit die Lanze des Legionärs aufbewahrt, der Jesu Seite öffnete. Das Problem ist nur, dass es gleich drei davon gibt, eine angeblich ehemals sowohl in Napoleons als auch in Hitlers Besitz. Die einzig Wahre, das ist ja schon klar, ist natürlich die, die sich in Armenien  befindet, am Sitz des Patriarchen, in einem so toll verzierten und vor allem verschlossenen Holzkasten, dass kein Betrachter mit Sicherheit sagen kann… Aber lassen wir das.

 

Es ist Feiertag in Armenien und die Menschen drängen aus dem über 30° heißen Yerewan in die Berge. Geparkt wird äußerst phantasievoll unterhalb des Klosterkomplexes, wir steigen die gepflasterte Straße hoch und schieben uns durch die Menge. Indiana Jones hatte es da deutlich einfacher mit seinen paar Bösewichtern. Ansonsten ist das ganze Inventar da. Höhlen mit geheimnisvollen Symbolen, schmale Tunnel, die  zu weiten Kammern führen, weite Kammern, die ein Felsenguckloch in die darunter liegende Felsenkirche haben. Unabdingbar die heilige Quelle im letzten der verschachtelten Räume und natürlich der Raum, der nach einem Erdbeben keinen Zugang mehr hat. Ich schaue und staune und genieße. Monsieur schaut und staunt und fotografiert. Und es gibt viel zu schauen und zu staunen!

Was ihn aber wirklich umhaut, ist die Steckdose im Flur unseres B&Bs: zwei blanke Drähte rechts und links kommen ohne Stecker aus den Löchern. Sicher auch eine uralte armenische Technologie!

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