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Subtile Symbolik

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Monsieur und ich, wir können das. Wir können uns richtig, richtig toll freuen über ein paar olle halb zerfallene Mauern und ein paar obskure Ritzungen im weichen Tuffgestein. Soren hält uns wahrscheinlich für bekloppt. Harmlos zwar, aber definitiv verrückt.

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Wir sind auf einer fact finding mission. Soren kennt Metsamor nicht. Auch seine Chefin kennt Metsamor nicht, nur ich, ich habe da mal wieder etwas gelesen und will dahin. Meine Armenienkarte bestätigt, dass die Ausgrabungsstätte existiert, Monsieurs Lebensgefährtin schließt sich der Meinung an und Sorens Handy schließlich auch. Allerdings will es uns partout nicht über die Hauptstraße fahren lassen, sondern lotst uns durch die Schlaglöcher der Jesidendörfer landeinwärts. Schließlich taucht ein großer Hügel auf, darin etwas, was durchaus ein Museum sein könnte. Um fünf vor zwölf fahren wir dort auf dem Parkplatz vor. Im Kopf das nicht unwahrscheinliche Szenario, dass wir Karten lösen, um dann zu erfahren, dass das Museum in drei Minuten schließt. Es passiert fast so. Die Frau an der Kasse sagt nur, wir sollen uns beeilen. Um dann nachzusetzen, die Archäologen würden gerade eine Stunde Mittagpause machen, so dass wir in der Zeit ungestört im Ausgrabungsbereich herumstromern können, ohne uns einen Rüffel einzuhandeln. Wir stromern in schattenloser Gluthitze herum, während die Archäologen ein paar hundert Meter weiter im Schatten einer riesigen Trauerweide picknicken.

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Metsamor war vor über 4000 Jahren ein großes Zentrum der Metallverarbeitung, das dann auch erfolgreich den Sprung von der Bronze- zur Eisenverarbeitung schaffte. Das wiederum machte seinen König reich, was dann dazu führte, dass dieser nicht nur Tempel bauen konnte, sondern sich dachte, dass es besser sei, das Ganze durch eine große Mauer zu schützen. Das kann man alles im Gelände sehen, die Öfen, Hausstrukturen mit seltsamen kreisrunden Löcher, die – wie wir später erfahren – Amphoren aufrecht halten sollten. Aber das wirklich Besondere ist das Observatorium. Und da stehen wir dann, vor ein paar Strichen, gegraben ins weiche Tuffgestein. Aaaah jaaaa… Diese Ritzungen, zusammen mit ein paar Kreisen, genügten den Archäologen darin ein Bild der Sirius-Laufbahn zu erkennen und hier einen Siriuskult zu etablieren. Gönnen wir ihnen, und uns gönnen wir dann das Museum. Zuerst mit einem Hauch Skepsis, dass hier wohl a) nicht viele Artefakte gefunden und b) die schönsten eh im Museum in Yerewan sein werden. Tickets müssen wir erst jetzt lösen, dann dürfen wir die etwas surrealistische Welt dieses kleinen, aber exquisiten Museums betreten. Unten, am Fuß der Treppe sitzen zwei Männer, Kerle wäre das bessere Wort, in Tarnklamotten, die in jeder Russendisko den Rausschmeißer geben könnten. Hinter der Kasse zwei Frauen, eine dritte kommt irgendwann dazu. Und alle fünf – wenn auch in wechselnder Besetzung – strolchen auffällig unauffällig mit uns durch die Ausstellung, so als könnten sie es kaum fassen, so viele Besucher gleichzeitig zu haben. Natürlich passen sie auch ein bisschen auf, dass wir uns an die Spielregeln halten – keine Fotos! – und uns nicht in Versuchung führen lassen von den Schätze. Denn Schätze haben sie wirklich. Aber irgendetwas ist ja immer: hier wabert durch alle Ausstellungsräume das Aroma von Bratkartoffeln, die ganz offensichtlich gerade im Personaltrakt zubereitet werden. Am Ende führt uns die Jüngste in ein Kellergeschoss, wo, wie in einem Tresorraum, der Goldschmuck der lange verstorbenen Fürsten ausgestellt wird. Soren ist inzwischen richtig aufgedreht, sieht das Potential: wenig Touristen, ein bisschen Abenteuer, vor allem mal keine Kirche, überlegt, wie er seine Chefin dazu überreden kann, Metsamor in ihr Programm aufzunehmen und was er mit seiner Pfadfindergruppe hier alles Tolles organisieren kann. Ich überlege, wie viel Prozent Vermittlungsgebühr ich dafür verlangen soll…

Und dann stehen wir vor einem fast zwei Meter hohen schmalen Stein, mit Rillen und sanft gerundetem Kopf und ich frage die Museumsdame, ob das einer der Vishpars sei, der sagenumwobenen Drachensteine Armeniens. Sie schaut mich schräg von unten an und meint dann abwertend: „Das? Ach was! Das ist nur ein Phallus!“

Draußen vor der Tür stehen sie dann Schlange, viel kleiner, viel eindeutiger und ganz sicher nicht Schneewittchens sieben Zwerge.

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Auf dem Rückweg irgendwo im Nirgendwo in den jesidischen Dörfern um Metsamor kommt uns eine Autokalvakade entgegen. Die Straße ist kaum breit genug für einen Wagen, aber sie kommen zweispurig daher, mit Hupe und Lichthupe. Im ersten Wagen jemand, der ein großes, bunt geschmücktes Messer aus dem Fenster hoch hält, darauf aufgespießt ein Apfel. Der Apfel symbolisiere die Jungfräulichkeit der Braut, erläutert Soren beim ganz rechts heran Fahren. Während ich noch über die äußerst subtile Symbolik nachdenke, erklärt er, wie es weitergeht: „Sie holen die Braut ab.“ Er selber, obwohl fast vierzig, ist zum großen Leidwesen seiner Mutter noch nicht verheiratet, hat aber schon für viele Freunde, Auslandsarmenier, Hochzeiten hier organisiert. Das fängt im Haus des Bräutigams an, den seine Freunde abholen. Dann geht es zum Haus der Braut, der Bräutigam schwenkt sein Apfelschwert, damit auch kein Zweifel aufkommt, was er zu tun gedenkt. Die Freunde tanzen um ihn herum und halten dabei die Geschenke hoch, die sie mitgebracht haben. Irgendwann kommt der Vater – oder der Bruder – der Braut und übergibt dem Bräutigam ein Gegengeschenk, verschließt aber gleichzeitig die Haus- oder Hoftür. Dann beginnt das – heute nur noch symbolische – Feilschen um die Braut. Erst, wenn der Vater mit der Anzahl und dem Wert der Geschenke zufrieden ist, wird die Tür geöffnet, der Bräutigam darf eintreten und darauf warten, dass seine Braut im Kreise ihrer Freundinnen erscheint. Alle fahren gemeinsam zur Trauung in die Kirche. Bis auf die Mutter der Braut, die zuhause auf die Rückkehr des nun getrauten Paares wartet und ihnen auf der Türschwelle Lavash-Brot überreicht und sie mit Honig und Walnüssen füttert. Anschließend fahren dann wirklich alle zur Feier in ein Restaurant oder wie Soren es ausdrückt: „And then – oh boy, do we party!“


10 Kommentare

  1. Hat dies auf HEIMDALL WARDA – Die das Gras wachsen hören rebloggt und kommentierte:
    Fernweh…

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  2. Schade, daß die Dame vor Ort die Thematik des Vischap und Vahagn nicht ernst genommen hat. Das Thema bietet viel Gesprächsstoff, da es in Zusammenhang mit den Nibelungen und der Siegfried Sage steht und bis in die Genesis Thematiken hineinreicht. Aber leider ist das ein allgemeines Phänomen, daß Museen und museale Orte nicht gut informieren und Information dort auch nicht so aufbereitet wird, daß sie sich gut verstehen läßt.

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    • Du, ich habe keine Ahnung, wer wer war in diesem Museum. Und wenn die Dame an der Kasse wirklich nur das war und nicht Museumspädagogin oder Archäologin, dann kann man ihr das nicht übel nehmen.
      Ich weiß auch nicht wirklich viel mehr zu Vishaps als das, was der Reiseführer und Wiki erzählen. Das Wenige fand ich aber faszinierend.
      Zum zweiten Teil Deiner Aussage fände ich ein „manche“, vielleicht auch ein „viele“ 🙂 vor den „Museen“ gut, denn es gibt inzwischen sehr gute Ansätze zur Aufbereitung und Wissensvermittlung.

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      • Naja, das sehe ich anders. Es gibt sehr wenig Museen, die mich davon überzeugen konnten, daß sie dem Ottonormalbesucher hätten einen adäquaten Einblick in ihre Angelegenheiten geben können, und ich bin nicht die einzige vom Fach, der das immer wieder auffällt. Das Problem ist meist die Herangehensweise an die Wissensübermittlung, die total trocken und ungenau ist. Der Besucher nimmt dabei nicht viel mit, es fliegt quasi über seinen Kopf drüber durch diese unvertiefte Herangehensweise. Das ist natürlich nicht nur in Deutschland, sondern international so. Sogar eine Kuratorin des Orsay in Paris hatte mich dieses Jahr dahingehend enttäuscht, daß sie wichtige Details für überflüssig hielt, so daß die oberflächliche Information dem Gesamtbild schadete. Das ist schade, denn der Wissensauftrag ist bei diesen Institutionen nunmal gegeben, sonst werden sie unnötig im Gefüge. Wenn man kulturwissenschaftlich unterwegs ist, sollte man gerade bei der Wissensvermittlung besonderen Wert auf eben jene Vermittlung legen. Natürlich haben die Kuratoren oft Freude an ihren Sammlungen und an den Ideen, diese zu präsentieren. Aber das reicht eben nicht, wenn die Präsentation das Wissen in sich ausspart, gerade weil der nicht kulturwissenschaftlich ausgebildete Besucher Zusammenhänge nicht von selbst einordnen kann und das Museum da die hilfestellende Funktion übernimmt.
        Daß die Transkulturalität bei Themen wie Drachen (im übrigen thrakische Konzepte) ins Licht gerückt werden kann und sollte, ist eine Chance, internationale Probleme wie Rassismus zu überkommen. Diese Chancen sollten genutzt werden. Es geht hierbei nicht darum, einzelne Leute wie diese Dame zu kritisieren, sondern darum, aufzuzeigen, daß wir es hier mit Möglichkeiten zu tun haben, die Welt ein kleines bißchen besser zu machen durch besseren Umgang mit dem Wissen, das vorhanden ist.

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  3. Mit deinem letzten Satz kann ich mich voll und ganz identifizieren.
    Und ja, es gibt leider immer noch viele Museen, bei denen man den Eindruck hat, dass die Besucher als Störfaktoren gesehen werden. In Yerewan hatten wir so eine Erfahrung. ;(

    Ich denke, wir brauchen nicht nur neue Ausstellungskonzepte, sondern auch neue Besuchermentalitäten. Ich kann natürlich in ein Museum gehen, weil es gerade regnet oder mir langweilig ist. Wenn ich wirklich etwas lernen will, weiß ich aber auch, dass ich für meine Wissenserwerb selbst verantwortlich bin, das Museum nur Bildungsangebote machen kann.

    Und dafür gibt es neue Ansätze. Vor ein paar Jahren habe ich eine Führung für ein Publikum mit Lernschwierigkeiten erarbeitet und das für ein Museum, dass so abstrakte Themen wie den Schutz der Menschenwürde und die Geschichte des humanitäres Handeln an den Besucher herantragen will. Da geht es um die Verknüpfung von Wissensvermittlung und Emotionen, um das Verständnis der eigenen Verantwortung.

    Wir wollen, dass der Besucher die Ausstellung verlässt, nicht nur mit mehr Wissen zu verknüpften Fakten, sondern – im besten Fall – mit dem Gefühl: Es gibt noch viel zu tun – und es liegt an mir.

    In diesem Sinne sind wir uns einig: es gibt noch viel zu tun in dieser – immer noch nicht – besten aller Welten.

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  4. Wow, das klingt wirklich toll! Jetzt will ich mehr wissen und folge Deinem Blog! 🙂
    Natürlich liegt das Lernen am Willen des Individuums, mitzunehmen, was er/sie persönlich sucht. Das sehe ich genauso, und das ist sehr wichtig. Aber wenn ich mir ansehe, wie verworren Wissen in sich auf viele wirkt, dann ist der erste Ansatz auch bei Leuten ohne Lernschwierigkeiten, die Lernschwierigkeiten zu überbrücken, die sich durch die vermeintliche (und auch tatsächliche) Fülle an kulturellen Aspekten ergeben. Selbst für meine akademischen Freunde aus anderen Bereichen als der Kulturwissenschaft sind geschichtswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Angelegenheiten zumeist ein Buch mit sieben Siegeln. Sie würden gern mehr wissen, aber sie haben das Gefühl, überfahren zu werden bzw. nicht eintauchen zu können.
    Gerade weil Artefakte oft transkulturell sind, wie beispielsweise die Vischaps (wirklich toller Topos!), finde ich beispielsweise solche Ideen wie neulich in Berlin, ägyptische und aztekische Artefakte in einer gemeinsamen Ausstellung zu zeigen und den Besucher herauszufordern zu erkennen, was von welcher Kultur ist, eine von vielen Lösungen. Zu zeigen, daß es Brücken gibt, die spielerisch erkennbar sind, auch für Erwachsene. Gerade Erwachsene tun sich oft so schwer mit Gefühl für Überlieferungen, da kommt es dann schnell zu Aussagen wie „Das ist nur ein Phallus.“, wobei niemand mit einer solchen Aussagen irgendetwas anfangen kann. So hättest Du Dich gefreut, hätte jemand Dich vor Ort mit weiteren Infos über die Drachenthematik und die Herangehensweise daran vor Ort informiert, da wäre Dir das Herz aufgegangen. Und genau mit diesem Gefühl, daß einem das Herz aufgeht, weil man etwas besser in Relation setzen kann, sollten Museen und Artefakt-Stätte arbeiten. Dann hat man Spaß beim Erforschen als Besucher, während derzeit der Spaß beim Erforschen eher beim Wissenschaftler liegt, der das macht, weil er die Themen total geil findet. Der Erfinder konstruiert den Motor, aber der „Konsument“ fährt das Auto. Der Museumsgänger wird selten mehr als der Autofahrer sein, aber daß er gerne Auto fahren will, ist entscheidend. Der Kurator ist der Konstrukteur, das Museum ist das Auto, und die Leute kommen idealerweise rein, weil sie das Auto fahren wollen.
    Ich fand’s super, daß Du den kleinen Satz mit den Vischaps angebracht hast. Genau da fängt die Kommunikation an, die mich interessiert. Ich würde auch gern mehr von Leuten vor Ort über diese Siegfried/Vaghan Überlappung wissen und habe gleich eine Freundin aus Georgien angehauen.

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    • Danke für die Blumen 😉

      Der Phallus war in diesem Falle wirklich – und wenn ich richtig hingeschaut hätte – ganz offensichtlich einer, der Vishap stand mit den „Pseudo-Zwergen“ vorm Museums-Eingang. Allerdings haben wir meist bewegte, d.h. transportierte Vishaps gesehen, also in Parks oder vor Matenadaran. Wenn es überhaupt noch welche an Originalplätzen gibt, werden sie schwer erreichbar sein.
      Ich wünsche Dir viel Spaß beim Nachforschen, Georgien und Armenien sind auf jeden Fall eine Reise wert.

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      • Danke! 🙂 Ja, Georgien steht bei mir für nächstes Jahr auf dem Plan, Vahagn und die Vischaps in Relation zu den rumänischen Zmei jetzt inklusive.
        Hm, sogar die Axt repräsentiert Phallisches (vollzogener Geschlechtsakt bei symbolischer Fällung eines Baumes), aber solche oberflächlichen Feststellungen reichen nicht aus als Erklärung. Sonst endet die Debatte bei „das transkulturelle Element ist Sexualität“, und das ist nicht das Ende der kulturellen Fahnenstange. Die dick-poigen Nannas, die ich in Piatra Neamt im Cucuteni Museum fand, sollten auch „Fruchtbarkeit und einen Kult darum“ darstellen. Aber das ist unwissenschaftlich, wenn es so stehengelassen wird, zumal die Wissenschaft sich gar nicht darüber sicher ist, wozu diese Gegenstände „benutzt“ wurden und ob sie ritualisch waren oder eventuell eine andere Form von zeitgenössischer Lern- oder Erinnerungskultur ausgeprägt hatten.
        Ich kann gut verstehen, warum Dich das alles so fasziniert, wie Du schreibst. :))

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  5. Die diversen Erklärungs- und Interpretationsversuche zu Artefakten aus vorschriftlicher Zeit finde ich auch meist amüsant.
    Im Grunde sind wir ja gar nicht so weit weg von unseren bärenfell-gekleideten Vorfahren, die bei Donner sich nach hinten in die Höhlen verkrochen. Froh waren, wenn da jemand neben ihnen war, der/die ein bisschen Wärme und Sicherheit spendete, während sie versuchten, eine Erklärung zu finden für ein Phänomen, das Angst macht. Und wenn die Erklärung nicht mehr Angst machte als das Phänomen selbst, war das ein großer Schritt zu einem freieren, selbst bestimmten Leben.
    Dass dann immer wieder irgendwann ein Schlauberger auf die Idee kam, diese Angst und die Rituale gegen die Angst zu ganz persönlichen Zwecken des Machterwerbs und der Machterhaltung auszunutzen, gehört dazu… Leider…

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