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Der Rilke-Moment

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Moderne Zeiten in alten Kirchen

Kirchen gibt es natürlich auch an diesem Tag, schließlich sind wir in Armenien. Damit uns nicht langweilig wird, bieten sie heute eine große Vielfalt.

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Etschmiadsin ist armenisch barock und genauso ääähm ja sehr beeindruckend wie manche europäische Barockkirche. Im kleinen Museum in einer Seitenkapelle wird die schon erwähnte Lanze gezeigt und eine Planke der Arche Noah. Ob die echt sind, können wir nicht beurteilen, weil wir es uns verkniffen haben, erst an der Kasse, dann im kleinen Museum Schlange zu stehen, um auf ein Stück Holz zu starren.

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Zvartsnot, im 7. Jahrhundert gebaut, im 9. Jahrhundert durch ein Erdbeben zerstört und erst tausend Jahre später ausgegraben, ist mehr ein christlicher Kultkreis als eine Kirche. Der Ort hat eine sehr starke Ausstrahlung und eine unglaubliche Akustik, wie uns zwei Opernsänger mit ein paar Takten Turandot beweisen.

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Khor Virap ist dann das Kloster, das fast emblematisch für Armenien steht. Es gibt umwerfende Bilder: das Kloster als Schattenriss vor dem Schnee bedeckten Fünftausender. Man weiß nicht so recht, wird das Kloster vor dem Ararat fotografiert oder der Ararat hinter dem Kloster. Die Qual der Wahl haben wir nicht, der Berg verhüllt sich in Dunst und Wolken. Man ahnt, dass er da ist, sieht ihn aber kaum. Was man allerdings sieht, ist die No-Go-Zone zwischen der Türkei und Armenien, ein breiter Landstreifen an der Grenze, von der russischen Armee patrouilliert.

Dann folgt eine lange Fahrt durch grandiose Landschaften. Im September natürlich sonnenverbrannt und in Brauntönen. Wie umwerfend müssen diese Berge im Frühling in Grün sein. Schließlich biegt eine kleine Straße ab in den Canyon, der nach Noravank führt.

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In unserem Plan ist die Besichtigung des Klosters und die anschließende Weinprobe eigentlich für morgen früh eingeplant. Aber selbst wir möchten morgens nach dem Frühstück nicht Wein trinken und so stimmen wir der Planänderung gerne zu. Welch ein Glück! Es ist später Nachmittag und die Sonne beginnt, die Wände des Canyons zu färben. Allein die Fahrt ist traumhaft schön. Und dann erscheint das Kloster auf seinem Bergvorsprung: honigfarbener Tuffstein vor der Kulisse der rot gefärbten Felsen.

Wenig später sitze ich auf der Mauer und lasse das alles wirken. Es ist so ein Rilke-Moment:

Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt…

 

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Nur ist der, dessen Hände ich halten will, gerade in irgendeiner Kapelle unterwegs und so ein Rilke-Moment dauert ja nun auch nicht ewig. Also suche ich mir etwas anderes und das liegt genau vor mir. Die Treppe hoch in den ersten Stock sieht nach „Da hab‘ ich Angst so gerne“ aus. Ausgetretene, unebene Stufen, keine zwei Füße nebeneinander breit. Aber das muss jetzt mal sein. Die Stufen rechts sind so ausgebrochen, das wird nichts, aber links geht es ganz langsam und gebückt hoch. Soren, der mich von unten mit Besorgnis beobachtet, ruft mir zu, ich solle mich bloß nicht aufrichten auf dem oberen Absatz vor der Tür. Vor Jahren hätte das ein Tourist gemacht und sich dabei am Türsturz so den Kopf gestoßen, dass er rückwärts zu Tode gestürzt sei. Vielen Dank, Soren, das war genau das, was ich jetzt brauche. Aber immerhin nehme ich seine Warnung wahr und hoppele mit Häschen-Schritten in die obere Kapelle, die dann natürlich in keiner Weise meinen Erwartungen gerecht wird. Was auch daran liegt, dass die Laterne – durch ein Erdbeben zerstört und erst vor kurzem rekonstruiert – funkelnagelneu ist und die Ausstrahlung des Raumes stört. Also bin ich hier oben schnell fertig und muss mich dann natürlich dem altbekannten Problem stellen: hinauf bist du gekommen, aber kommst du auch hinunter. Und von da oben sehen die Stufen schon verdammt schmal und steil aus. Die bewährte Daveed Garecha-Methode kommt zum Einsatz. Zwar bin ich ganz auf meinen „Abstieg“ konzentriert, sehe aber trotzdem aus den Augenwinkeln, wie eine Busladung Koreaner, die auf der Mauer sitzend bis eben wohl ihren Rilke-Moment hatten, hektisch zu Handys und Kameras greifen. Schön, wenn man etwas zur Volksbelustigung beitragen kann. Wenn sie auf Dramatischeres gehofft haben, muss ich sie leider enttäuschen. Oder zum Glück.

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Während ich noch ein bisschen stolz auf mich bin, kommt Monsieur um die Ecke geschlendert und fragt mich, ob ich auch die wunderbaren Reliefs in der Seitenkapelle gesehen habe. So ist das Leben: Halb Südkorea wird inzwischen meinen Abstieg auf You-tube gesehen haben – und mein eigener Mann verpasst ihn.

Die Weinprobe ist dann ein schöner Abschluss eines ganz besonderen Tages. Wir probieren lokale Weine, aber auch einen Rotwein aus Nagorny-Karabach, dessen Trauben auf über 1400 m Höhe wachsen.

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Handy-Foto, sorry

 

Im B&B werden wir von der Großmutter begrüßt, weil die Mutter noch in der Küche unser Abendessen vorbereitet. Die zwölfjährige Enkeltochter hilft mit sehr gutem Englisch bei der Verständigung. Und als während des Essens noch die halb blinde Urgroßmutter vorbeikommt, ist die Idylle perfekt.

 

 


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