Startseite » Allgemein » Ganz ungeschickt, das

Ganz ungeschickt, das

 

j1

„Was heißt das?“, frage ich und deute auf den Stern auf meiner Landkarte. „Kaputte Karawanserei“, übersetzt Soren. Ganz ungeschickt, das, großer Fehler. Denn jetzt will ich da natürlich hin, Seidenstraße und so. Soren überlegt hin und her und wir schließen einen Deal: ich darf dahin, aber er entscheidet, wie weit er fährt. Und wenn er beschließt, der Weg ist zu schlecht, darf ich nicht quengeln und drängeln. Dafür darf er, falls wir hinkommen und das ganze sich als simpler Erdhügel in der Landschaft entpuppt, „I told you so!“ sagen.

j2

Der Feldweg, den wir mit Hilfe von Monsieurs Lebensgefährtin finden, ist auch nicht schlimmer als das, was wir inzwischen als „normal schlechte“ Straße klassifizieren. Und dann kommt das Bonusmaterial. Ein Löcherstein, einsam auf einem Feld. Dahinter, auf einem Busch ein Adler, der sich erhebt und eine Meinungsverschiedenheit mit einem Kollegen austrägt. Zwei Falken, die rüttelnd über einem Feld stehen. Noch mehr Adler. Schließlich rechts etwas, das vielleicht, möglicherweise, eventuell… dann doch nur Felsen sind.

j3

Aber dann ist sie da, rechts die „Kaputte Karawanserei“, die ihrem Namen auf’s Schönste entspricht, links eine Yurte und drumherum ganz viel Gegend. Wir klettern in dem halbzerfallenen Gemäuer herum, identifizieren die Lagerplätze für Mensch und Tier, erhalten an der abgebrochenen Mauer einen interessanten Einblick in die Bautechnik, strolchen noch ein bisschen im Gelände umher und versuchen aus Mauerresten Nebengebäude hochzuziehen.

Der Eckstein mit wunderbar gearbeiteter Palmette zu meinen Füßen bittet mich förmlich ihn mitzunehmen. Ich würde ja auch soooo gerne, aber ich fürchte, dass das der armenischen Regierung nicht Recht wäre. Mal ganz abgesehen davon, dass Lufthansa einen solchen Basaltbrocken, wie wunderschön gearbeitet auch immer, nicht als Handgepäck anerkennen würde. Soren meint, er will mal in der Yurte vorbei schauen und kurz darauf hören wir wildes Hundegebell. „Hoffentlich fressen die nicht unseren Fahrer“, sinniert Monsieur, „dann haben wir ein Problem.“

j4

Weil wir Soren, den die Hunde natürlich nicht gefressen haben, etwas Neues gezeigt haben, will er uns nun auch noch etwas Neues zeigen. Wir fahren zurück auf die Hauptstraße und ein paar Kilometer weiter ab auf einer genauso schlechten, aber offiziell als Straße bezeichneten Ansammlung von Schlaglöchern hinab in die Vorotan-Schlucht. Dort liegt auf einem Felsvorsprung, mehr Burg als Kloster, Vorotnavank.

j6

Die Erklärtafel erzählt, dass dieses Kloster ein berühmtes Heilzentrum für Schlangenbisse war, was uns sehr beruhigt, denn wir streifen durch hohes, welkes Gras durch die Wohnbereiche und entlang der Burgmauer. Im Inneren hat nur ein Fresko das schwere Erdbeben von Anfang 1930 überlebt, das aber von mysteriöser Schönheit. Draußen, vor der Kirche gibt es die Grabsteine mit den typischen Dekoren. Sowjetstern, Hammer und Sichel auf den neueren, Pferde und Ritter auf den älteren, Weinflaschen und Gläser auf beiden.

j5

Hinter Yeghegnadzor biegen wir von der Hauptstraße ab und beginnen unseren Aufstieg zum Selimpass. Wir folgen – in etwa – der Route einer der alten Seidenstraßen. In Armenia gab es wohl ein ganzes Netz von hier zusammen oder auseinander laufenden Teilstrecken. Das in etwa bezieht sich auf ein paar mittelalterliche Brücken, die nun ein wenig verlassen neben der modernen Straßentrasse stehen.

j9a

Kurz unterhalb des Passes liegt dann die Selim-Karawanserei, unser erstes offizielles Ziel für heute und nicht nur unseres. Gleich zwei deutsche Gruppen, ein großer und ein kleiner Bus, sind da. Der große fährt gerade ab, die paar Leutchen des kleinen Bus‘ lauschen andächtig ihrem Führer, so dass ich schnell alleine in die mächtigen Hallen schlüpfen kann. Schon ein bisschen anders als unsere niedliche kleine „Kaputte Karawanserei“. Aber die lag wohl eher an einer Nebenroute und nicht am wichtigsten Pass nach Yerevan.

j9

Auch unsere hat ja eine hübsche Inschrift gehabt, die wir leider nicht lesen können. Hier erklärt uns der Erbauer, er und seine Brüder, allesamt „schön wie Löwen“, dass er dieses Haus 1332 nicht nur zur körperlichen Ruhe der Reisenden, sondern vielmehr für den Seelenfrieden seiner Familie erbaut habe. Die Familie, die dieses Friedens so sehr bedurfte, waren die Orbelian-Fürsten. Weshalb Armenier es lieber hören, wenn die Selim-Karawanserei als Orbelian-Karawanserei bezeichnet wird. Das gleiche gilt für den Selim-Pass, der nun Vardenyats-Pass heißt, weil das armenischer klingt.

j8

Über welchen Pass auch immer klettert unsere Straße in umwerfender Berglandschaft auf 2400 m, um dann zum 1800m hoch liegenden Sevansee abzusteigen. Das ist aber nun der „Große Sevansee“, nicht der Kleine Sevansee, an dem wir vor ein paar Tagen in der Hängematte gefaulenzt haben.

Soren betrachtet uns inzwischen mit einer Mischung aus Skepsis und Verwunderung. Seitdem wir in Armenien sind, sind wir nun schon mehrmals durch zum Teil sehr heftigen Regen gefahren, auf dem Pass gab es kirschkerngroße Hagelkörner und vor Noratus fängt es schon wieder an zu regnen. Und das in einem Land, in dem von Mai bis Oktober kein Regen fällt. Eigentlich. Wie gesagt, Soren wundert sich sehr. Wahrscheinlich überlegt er, ob wir Opfer oder Auslöser dieses Phänomens sind. Der Regen ist uns egal, der damit einhergehende Temperatursturz von 29° auf 15° nicht. Aber das passt alles sehr gut zu Noratus, dem riesigen Gräberfeld mit seinen vielen hundert Steinen. Im Regen auf dem Friedhof, noch etwas, das Soren nicht nachvollziehen kann. Unsere Entdeckerfreude ist auch etwas gemindert und so beschränken wir uns auf den ausgeschilderten Rundweg. Die Kreuzsteine werden – bei aller meisterhaften Kunst im Herausschnitzen der Muster – schnell etwas langweilig. Viel spannender sind die „Wiegesteine“ mit den Alltagszenen in oft naiver, kindlicher Darstellung. Manchmal schwer zu erkennen durch Alter, Verwitterung oder Moos und Flechten, muss ich um sie herum gehen, von hier, von dort hinsehen, um überhaupt etwas zu sehen. Da ist ein Pferd (zuerst dachte ich ein Elefant), das einen Wagen schiebt. Da würde ich gerne die Geschichte zu hören. Oder eine Hochzeit auf einem Grabstein. Was mag da wohl passiert sein? Zu den absolut unfotografierbaren Steinen gehört der eines Bauern, der beim Pflügen abgebildet wurde und eines Edelmanns zu Pferde. Da der im 18. Jahrhundert die aufgeklärte Idee hatte, sein Dorf mit einer Wasserleitung zu versorgen, schnitt man eben diese in seinen Stein, mit den Röhren und Verteilern und Dichtungen.

Das ist doch mal ein Nachruf!

j7

Nicht der Wasserverteiler, aber sicher auch eine interessante Geschichte

 

 

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: