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Alles Zufall?

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Manchmal muss ein Tourist tun, was ein Tourist tun muss. In unserem Fall gleich zwei Monumente zum armenischen Alphabet besichtigen, beide ganz neu, beide offensichtlich emotional hoch belegt. Der Erfinder des Alphabets, Mesrop Maschtoz, entwickelte die Zeichen um 400, um eine Bibel in armenischer Sprache in armenischen Schriftzeichen zu schreiben. Dann gab es ein paar Änderungen, aber der Großteil der heute benutzten 39 Buchstaben geht auf dieses alte Alphabet zurück. Ein amerikanischer Sponsor hat eine Gedenkstätte errichten lassen zum 1600. Geburtstag. Da stehen die Buchstaben nun etwas verloren auf einem Hang in der Landschaft, das „a“, das wie unser u und das „t“, das wie unser s aussieht, erkenne ich wieder. Dann deutet Soren auf zwei Buchstaben, sozusagen Seite an Seite, ganz eng nebeneinander, das Äquivalent für Paonias „P“ und Monsieurs „M“, ach, ist das romantisch.

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Interessanterweise haben die Armenier keine alten Zahlzeichen, es gelten die Plätze im Alphabet. Bei uns wäre dann A=1, B=2, C=3, wie bei den „super geheimen“ Geheimschriften, die wir als Kinder so gerne für Botschaften benutzten, wobei der 11. Buchstabe für 20, der 12. für 30 usw steht. Und hier wird es nun wirklich verblüffend: Nimmt man zum Beispiel für den armenischen Begriff für Gold die Positionen der Buchstaben im Alphabet und addiert sie auf, erhält man genau die Ordnungszahl und damit den Platz des Elements Gold im Periodischen System der Elemente, das Dmitri Mendelejev 1869 veröffentlichte. Und das funktioniert auch mit den wichtigsten der damals bekannten Metalle wie Silber, Kupfer, Quecksilber oder Blei.

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Monsieur schmunzelt – Zufälle gibt es! -, aber Soren ist nicht so ganz vom Zufall überzeugt, schreibt es dem Genie des großen Mesrop Maschtoz zu, weshalb wir nun auch dessen Grab in der etwas nichts sagenden modernen Kirche von Oschakan besuchen müssen. Wir betreten den Komplex und Soren bleibt wie angewurzelt stehen, läuft dann etwas hektisch um einen Aprikosenhain und jammert: „Aber sie waren immer hier!“ Es stellt sich heraus, dass im Aprikosenhain 39 Kreuzsteine in Form der Buchstaben standen und das Ganze ein beliebter Platz für Sonntagsausflüge mit pädagogischem Anspruch war. Und nun ragen nur nach rostige Eisenträger aus Betonsockeln. Soren ist wirklich untröstlich. Zum Glück ist er ja der Landessprache kundig und erfährt bald, dass man – um den Hain vorm Besucherandrang zu schützen – die Kreuzsteine außerhalb des Komplexes aufgebaut hat. Nicht halb so idyllisch wie im Schatten der Bäume, aber nach wie vor sehr beliebt, wie die anwesenden Schulklassen beweisen.

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Aber natürlich gibt es auf unserer vorletzten Tour auch noch zwei wunderschöne Klosteranlagen, wildromantisch am steilen Schluchten gelegen, die eine mit halb verblassten Fresken, die andere mit sehr elaborierter Bauplastik. Die alten armenischen Bildhauer hatten so eine leicht subversive Ader – oder waren frühe Feministen. In der Dreifaltigkeitsdarstellung tritt neben dem Vater und dem Sohn die Taube als der Geist auf, wie in Europa auch oft. Nur ist hier die Taube aus anderen Darstellungen schon besetzt als das Tier Mariens und dadurch als Symbol der Weiblichkeit. Wenn man das jetzt zu Ende denkt, ergeben sich wunderschöne theologische Gedankenspiele.

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Das seit zwei Tagen angekündigte schlechte Wetter kommt nun langsam zur Sache, graue Wolken ziehen sich zusammen. Und so sind wir gar nicht traurig, dass unser heutiges Pensum am frühen Nachmittag beendet ist und Zeit für Faulsein am Swimmingpool bleibt. Monsieur wagt sich sogar an den Outdoor-Pool, wird aber vom konstanten Baulärm auf dem Nachbargrundstück schnell vertrieben. Ich, ich gebe mir noch nicht mal die Mühe, so zu tun, als ob ich das in Erwägung ziehe. Kalt wird mir nächste Woche früh genug, wenn ich so den Wetterbericht von zuhause betrachte.

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Erzengel haben es auch nicht immer leicht!


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