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ետ նայել yet nayel

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Das versteht man, selbst wenn der Kopf in den Sternen ist

Unser letzter Tag fängt an mit Astrophysik. So etwas kann passieren, wenn die Reisebüro-Chefin vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion selber Astrophysikerin war. Ein Astronom führt uns durch das Byurakan  Astrophysical  Observatory am Hang des Aragat, zeigt uns das Haus des Begründers Victor Ambartsumian. Wir sehen seine Preise und Medaillen, bewundern das schöne Haus und geben vor den Familienfotos die entsprechenden Geräusche von uns. Da die großen Teleskope computergesteuert und für uns bei Tage uninteressant sind, endet die Führung am kleinsten und ersten Teleskop von 1947. Erst müssen wir an ein paar in der Wand eingelassenen Eisenstufen hochklettern, dann wird von Hand ein Blechdach weg geschoben und schließlich das Teleskop in Position gekurbelt. Wenn es im Betrieb auf einen Stern ausgerichtet war, musste es natürlich dessen Bahn folgen. Dazu wurde im Fuß eine Feder aufgezogen, die dann ablief und das Teleskop bewegte. Das ganze wirkt wie ein riesiges mechanisches Aufziehspielzeug.

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Auf dem Rückweg nach Yerewan meint Soren, wir wären jetzt reif dafür. Wir hätten so viel Grandioses und Schönes gesehen, dass wir stark genug wären für das scheußlichste Haus in ganz Armenien. Erbaut von einem russisch-armenischen Oligarchen, mit erheblich mehr Geld als Verstand und Geschmack. Das Haus ist in zwischen so berühmt-berüchtigt, dass Touristenbusse davor halten, die Menschen aussteigen und sich halb schief lachen. Dem Oligarchen ist es dadurch gründlich verleidet, er bewohnt es nicht mehr. Einzige Bewohner sind die Sicherheitskräfte, deren alleinige Aufgabe es ist, die Busse zu verscheuchen. Auch wir, auf der anderen Seite der Straße, können uns das Lachen nicht verkneifen, zumal Soren meint, die Plastiken wären eben genau das: aus Plastik. Es ist kaum vorstellbar, dass der Oligarch tatsächlich einen Architekten für seine Pläne gefunden hat. Die einzige Möglichkeit, die ich mir vorstellen kann, ist, dass sich ein Architekten-Freundeskreis mal im halbtrunkenen Zustand den Spaß gemacht hat, alle nur möglichen Scheußlichkeiten und Geschmacksverwirrungen aufzulisten. Als sie dann aus dem Lachen und Erschaudern herauskamen und mit Erleichterung feststellten, dass das alles wohl nie wahr werden wird, sagte einer dann nonchalant: „Ooooch, also, ich kenne da jemanden, der wäre durchaus …“

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Natürlich endet unsere Armenienreise nicht mit dieser Scheußlichkeit sondern mit einem Besuch im Matenadaran, dem Mesrop-Maschtoz-Institut für alte Manuskripte. Unsere Führerin erklärt in exzellentem Deutsch nicht nur die kunsthistorischen Schwerpunkte, sie bringt auch überraschende Fakten. Ich wusste bisher nicht, dass Knoblauchsaft ein hervorragender Klebstoff für Blattgold ist. Könnt Ihr Euch die Gerüche in dem 5.-Jahrhundert-Skriptorium vorstellen? Wir sehen Bibeln, deren „Inhaltsverzeichnis“ in Spalten durch Säulen getrennt und unter Türbogen angeordnet ist, das Titelblatt somit fast wörtlich die Haustür zum Buch. Bei all der exquisiten Schönheit öffnet sie uns aber auch die Augen für das unendliche Leid, dass diese Bücher gesehen haben müssen. Fast alle Bücher sind unter großen persönlichen Opfern bei Vertreibungen, durch eine Flucht oder über den Genozid gerettet worden. Das erklärt, dass alle Mitarbeiter eine tiefe persönliche Beziehung zu ihren Exponaten haben. Die wahren Schätze lagern unter optimalen Bedingungen in einem erdbebensicheren Raum. Die Exponate dürfen maximal drei Monate lang den weniger optimalen Bedingungen der Besucherräume ausgesetzt werden. Manchmal auch deutlich kürzer. Denn der Chef der Ausstellung schaut jeden Morgen vor der Öffnung der Türen nach, ob – so erklärt sie wörtlich – seine Buchfreunde sich dort immer noch wohl fühlen.

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Zum Abschluss unserer Reise möchte unsere Reiseveranstalterin uns persönlich kennen lernen. Sie lädt uns deshalb zum Essen ein. Wir hätten es gerne umgekehrt gesehen, aber sie besteht darauf, das sei schließlich ihr Land, ihre Stadt.

 

Jetzt heißt es nur noch Wecker stellen und nicht verschlafen. Um zwei Uhr morgen früh holt uns Soren zum letzten Mal vorm Hotel ab.

Könnte vielleicht einer von Euch um halb zwei mal kurz durchklingeln? Nur um ganz sicher zu sein…

 

 


2 Kommentare

  1. mai_li sagt:

    hach, paonia, du hast uns wieder auf eine reise voller schöheit, überraschender begegnungen und phantastischer kulturellen eindrücke mitgenommen! danke dafür, ich freu mich schon aufs nächste abenteuer 🤗

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  2. Hallo du! Das nächste Abenteuer kommt bestimmt – und wenn es im eigenen Garten ist 😉 . Übermorgen Provence, die Woche danach Norwegen und dann bin ich tatsächliche eine ganze Woche zuhause, bevor es wieder losgeht. Und wie du freue ich mich drauf!
    Liebe Grüße!

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