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Taxiiii!

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Eigentlich Wassertaxiiii! Vom Teglholmen fährt das Wassertaxi bis in die Innenstadt, vorbei an der interessantesten modernen und alten Architektur. Nur muss man erstmal nach Teglholmen kommen. Google ist zögerlich, murmelt etwas von zwanzig Minuten Fußweg. Die Dame an der Rezeption meint eher optimistisch zehn Minuten und: ganz einfach, geradeaus, bis das Wasser kommt. Wasser gibt es in und um Kopenhagen ziemlich viel, das ist jetzt nicht eine wirklich hilfreiche Aussage. Aber ich mache mich trotzdem auf, der Rückenwind hilft ein wenig. Bis ich mit der Straße abbiegen muss. Wasser gibt es nun in diversen Richtungen, zum Glück auch einige Passanten, die dann noch mal präzisieren können, welches Wasser. Tatsächlich ist da auch die Haltestelle der Wassertaxis, allerdings mit einem ominösen gelben Zettel in Dänisch, von dem ich nur 11.11.17 verstehe. Bitte, bitte erzählt mir jetzt nicht, dass hier ab dem 11.11. keine Boote mehr fahren. Das kleine gelbe Knubbelboot, das gerade von links ankommt, sagt mir, dass meine Bitte, zumindest im Ansatz, erhört wurde. Bleibt nur noch herauszufinden, wohin dieses Boot fährt. „Ich möchte nach Nyhavn“, sage ich vorsichtig, worauf der Kapitän strahlt: „Das kriegen wir hin!“ Nette Leute, diese Dänen. Ich darf dann auch schon aus dem Wind ins Warme an Bord, während Kapitän und Schaffner aus dem Warmen in den Wind gehen, Zigarettenpause.

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Zum Preis einer Busfahrkarte schippert das Boot uns nun am Sydhavn vorbei, wo auf einer Hafen- und Industriebrache Wohnhäuser mit zum Teil sehr ausgefallener Architektur entstanden sind. Alle mit riesengroßen Fensterflächen zum Wasser, mit Balkonen, auf den Holzmöbel stehen. Das alles würde richtig südlich wirken, könnte ich ignorieren, dass die jungen Bäume vor den Gebäuden vom Sturm fast zu Boden gedrückt werden.

Die neuen Gebäude machen alter Backsteinarchitektur Platz und ich sehe einen so schockierenden Anblick, dass ich fassungslos hinstarren muss, während mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Es ist um die null Grad, der eisige Wind peitscht Menschen und Bäume gleichermaßen und da steht jemand am Ufer, in Badesachen und springt kopfüber ins Wasser. Freiwillig! Zieht ein paar Bahnen in einem abgegrenzten Bezirk, bis ich ihn aus den Augen verliere, weil sich der schwarze Monolith der Königlichen Bibliothek ins Blickfeld schiebt.

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Der Kapitän hält Wort und setzt uns in Nyhavn ab, wo gerade Kopenhagens erster Weihnachtsmarkt eröffnet wird. Nun bin ich so gar nicht der Glühwein-Typ, aber heute morgen finde ich Glühwein richtig praktisch, also die Buden. Ich mache so etwas wie Wechselduschen: Fünf Schritte im Windschatten eines Glühweinbüdchens, hmmm warm. Fünf Schritte weiter: eiskalter Wind  fegt vom Wasser her. Fünf Schritte weiter: hmmmm warm. Eiskalt, warm, eiskalt.

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Und dann wird es auch langsam Zeit, denn mein letztes Ziel, die Ausstellung in der Zisterne, spielt mit dem Licht. Entsprechend sind ihre Öffnungszeiten: im November von 11 bis 15 Uhr. Ich sehe vor Amalienborg gerade noch einen Bus wegfahren und suche auf meinem Stadtplan die beste Möglichkeit zum Söndermarkenpark zu kommen. Von hier aus am besten zur Carlsberg-Station und  dann über den Gamle Carlsbergvej zum Park. Ganz einfach. Aber es reicht, dass ich eine heftige Carlsberg-Allergie entwickle. Zum einen fährt im Bus eine Gruppe mittel-alter Engländer mit, die sich offensichtlich schon tatkräftig auf die Brauereibesichtigung eingestimmt haben.  Ich steige mit ihnen aus und werde mit ihnen von einem alten, angetrunkenen Mann angehauen, der irgendetwas über Carlsberg erzählen will. Zum Glück bleiben die Engländer stehen und ich komme unangequatscht los, ich habe eh nicht mehr viel Zeit, bis die Ausstellung schließt. Also geht es im Joggingschritt die Banevolden hoch in den Gamle Carlsbergvej. Die Brauereikutsche, die mir entgegenkommt, finde ich ja noch hübsch, dass ein paar Meter weiter der kostenlose Shuttle-Bus seine Ladung über meinen Weg kippt eher störend. Ich arbeite mich durch die aufgeregten Besucher zum Ende der Straße und traue meinen Augen nicht. Der Park liegt keine 50 Meter vor mir, auf der anderen Seite einer großen Straße, aber direkt vor mir ist alles abgesperrt und aufgerissen. Carlsberg baut dort einen Parkplatz aus. Ich versuche, rechts dran vorbeizukommen und stehe vor einer gigantischen Baugrube. Carlsberg investiert hier in „the beer expierence of the future“.  Bevor ich vor lauter Zorn einen Carlsberg-förmigen Aussschlag bekomme, mache ich kehrt, laufe den ganzen Weg zurück, durch eine weitere Busladung und durch die Parallel-Straße. Finde tatsächlich den Zugang zum Park und zwei Helfer. Ich weiß nicht wieso, aber die beiden älteren Herren, die ich nach dem Weg frage, wollen mich fast nicht gehen lassen, geben mir falsche und irreführende Informationen, kurzum sind eher hinderlich als hilfreich. Dass es keine japanische, sondern eine chinesische Ausstellung sei, ist noch harmlos. Darauf falle ich nicht herein. Mich aber in die falsche Richtung zu schicken, ist dumm und zeitraubend. Mir gar vorzuschlagen, doch lieber das Schloss zu besichtigen auch nicht gerade zielführend. Wenigstens lässt er zum Schluss fallen, vor dem Schloss gäbe es noch so eine unterirdische Ausstellung. Halleluja.

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Vielleicht könnt Ihr Euch vorstellen in welch einer genervten und abgehetzten Verfassung ich kurz danach vor der Zisterne stehen, um einzutauchen in eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen Kopenhagens. Nur so ein Tipp: es war nicht 100% Zen…

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Aber dann: Hiroshi Sambuichi hat in der unterirdischen Anlage von 1859 mit Spiegeln, Netzen, Wassernebeln ein Reich geschaffen, das der Illusion lebt. Die kalküberzogenen Säulen und Spannbögen der alten, aufgegebenen Anlage stellen den Rahmen, den Sambuichi mit japanischer Gartenarchitektur füllt. Durch die künstliche Wieder-Flutung des Bodens wird ein großer Wasserspiegel erschaffen, echte Spiegel, geschickt platziert, werfen Sonnenlicht in das Dunkel. Unter dem Notausgang, der Treppe, die nach oben führt, profitieren Moose vom Lichteinfall. Künstliche Wassernebel-Vorhänge vor einigen der Spiegel erschaffen Regenbögen. Überall tropft und tröpfelt es, ein magischer Ort mit kleinen Abzügen in der B-Note. Das Holz der Stege knarrt geräuschvoll bei jedem Schritt und Stöckelschuhe (nicht meine, ganz bestimmt nicht!) hallen unangemessen laut in den Räumen.

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Trotzdem geht es mir richtig gut, als ich wieder an das Tageslicht komme. Vergessen mein erschöpfter „Dann nehme ich mir eben ein Taxi“-Trotz mit dem ich auf dem hektisch-anstrengenden Hinweg die Rückfahrt zum Hotel geplant hatte. Die Zisterne liegt neben dem Zoo und der ist gut angebunden. Nicht nur das: diese Haltestelle hat endlich mal einen Streckenplan und ich sehe, dass ich gar nicht zum Hauptbahnhof und der S-Bahn zurück muss. Drei Haltestellen auf dieser Linie weiter kreuzt die Linie 3A, und mit der sind es nur noch sechs Haltestellen bis zum Hotel.

Fahren nach Zahlen, das kenne ich, das kann ich!


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