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Wie romantisch!

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Als Monsieur das letzte Mal nach Mailand musste, wollte ich nicht mitfahren und argumentierte, Mailand sei mir nicht weit genug weg. Das war natürlich eine ziemlich dumme Ausrede und ganz schön frech. Ganz schön frech lässt Monsieur mir – meist – durchgehen, dumme Ausreden nicht und so bekomme ich drei Tage Milano geschenkt. Ein Geschenk, dass ich heute Morgen auspacken darf, allerdings so gegen halb sieben. Dafür gibt es Vollmond über den Schienen am Genfer See – wie romantisch! Hinter Sion gönnen wir uns ein zweites Frühstück im Zug: einen Latte macchiato, einen Espresso und ein Glas Wasser. Das ganze für lockere 15,90 CHF. Das ist das Schöne an der Schweiz: wohin auch immer man aus der Schweiz hinfährt, es wird billiger. Domodossola begrüßt uns mit Palmen im Schnee und einem beachtlichen Aufgebot an Zoll und Polizei, die sich sozusagen die Zugtürklinken in die Hand geben. Danach wird die Gegend langweilig, auch wenn man gelegentlich einen Blick auf die Alpenkette erhaschen kann, immer mit diesem kleinen Aha-Effekt, dass die Berge wie spiegelverkehrt erscheinen.

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Das Weltausstellungsgelände am Rande von Mailand verströmt gepflegte Tristesse und dann stehen wir in der monumentalen, Marmor gewordenen Schaumschlägerei von Milano Centrale. Ein Stein gewordener Stilmischmasch, was bei den Planern und Bauherren nicht wirklich verwundert. Weder Viktor Emanuel III noch Mussolini sind für ihren guten Geschmack bekannt, weshalb zeitgenössische Spötter das historisierend pompöse Gedöns als “ assyrisch-mailändischen Stil“ verhöhnten. Wir wollen da schnell weg, nur rasch eine 3-Tageskarte kaufen und dann die Tram zum Hotel nehmen. Teil eins schaffen wir mit der Erfahrung aus Frankreich, dass man im Zweifelsfall alles im Tabakladen bekommt – bingo, klappt. Nur die Tram, die gibt es da nicht. Nachdem wir zweimal durch die große Halle – und bei Monumentalbauten tendieren Große Hallen dazu, sehr groß zu sein – und einmal um den Vorplatz getigert sind, erfolglos, entscheiden wir uns kurzerhand für die Metro. Das führt zu einer ersten sonnigen Begegnung mit dem Dom und einer weniger sonnigen Begegnung mit dem Mailänder Straßenverkehr. Der Lieferwagen, der rückwärts einparkend Monsieurs Füße nur knapp verpasst, fährt vor Schreck dann unseren Koffer an. Gefährliches Pflaster, Mailand, das hatten wir schon gelesen, aber da ging es mehr um Taschendiebe, Bettler und Trickbetrüger. Die trauen sich aber im Augenblick vielleicht nicht auf die Straße, weil an jeder Ecke mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten stehen. Ich fürchte mich ja immer eher vor diesen real-existierenden Beschützern als vor einer abstrakten Gefährdung. Wer weiß schon, ob der Mann in Uniform mit der Waffe im Arm nicht einen nervenaufreibenden Ehekrieg oder ein genauso anstrengendes Neugeborenes zu Hause hat und seine Nerven blank liegen?

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Vor dem Castello werden die bewaffneten Soldaten noch durch Panzerwagen unterstützt. Das Castello ist eigentlich eher groß als schön, die Ecktürme sehen aus wie Wassertürme mit Ambitionen und der Wassergraben ist mit Gras, Kanonenkugelhaufen und streunenden Katzen gefüllt. Da eröffnen sich neue Bedeutungswelten für das Wort „Cat“-apult…

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Vor dem Sforza-Castello steht der Herr Garibaldi hoch zu Ross. Zu seinen Füßen laufen die Schienen der Tram. Der Tram von 1920, die uns in alten, zugigen Wagen, dafür aber mit sehr viel Stil auf dekorativen Holzbänken und mit Messinglampen zur Haltestelle Teatro della Scala transportiert. Hier gönnen wir uns keinen Kunstgenuss, sondern ein paar Straßenecken weiter im Hotel den Füßen eine kleine Pause.

Im Brera-Viertel hinter dem Hotel suchen wir ein Lokal, finden aber als erstes die Piazzetta Giordano dell’Amore. Mein Herz macht schon „Hach!“, da liest mein Kopf, dass es sich hier keineswegs um einen Garten der Liebe sondern um den schnöden Namen eines Bankers handelt. So kann man sich täuschen. Nix mit romantisch!

Der Abend ist dann der Schönheit der Kunst gewidmet bei einer Privatführung zu da Vincis Abendmahl. Wir haben hin und her überlegt, da die Führung sehr teuer ist, aber es ist die einzige Möglichkeit, in unseren drei Tagen Eintrittskarten zu bekommen. Wie unsere Führerin Lorella erklärt, versuchen täglich über 3000 Menschen Karten für die 1200 Eintritte zu bestellen, die sie zulassen. Das Ganze hat schon etwas von Hochsicherheitstrakt. Die 30 Menschen, denen erlaubt wird, während einer Viertelstunde mit ihrem Atem und anderen Ausdünstungen das Gemälde zu belasten, werden zwischen zwei Glastüren gesperrt. Erst wenn die hintere schließt, öffnet sich die vordere. Und diese Schleuserei läuft dreimal ab. Dann dürfen wir schauen und staunen und Lorellas Erläuterungen lauschen, bis nach 15 Minuten ein halbes Dutzend sehr durchsetzungsfähig aussehender Aufpasser alle wieder aus dem Raum jagen, während hinter der Schleusentür schon die nächsten warten.

Lorella führt uns noch ein bisschen in der Kirche herum, deren Gemisch aus gotischem Schiff und Renaissance-Rotunde zum Unesco-Gütesiegel führte – mit unfreiwilliger Hilfe der amerikanischen Luftwaffe. Die hatte gegen Kriegsende die Kirche getroffen. Während die Klostergebäude fast vollständig zerstört wurden – nur die Wand mit da Vincis Abendmahl blieb wie durch ein Wunder stehen -, war der Schaden an der Kirche eher aufklärerisch. Die Bomben zerstörten die an das gotische Schiff angebauten barocken Kapellen und erschütterten die Bausubstanz des Schiffes derart, dass der ganze barocke Stuck abfiel und die gotischen Fresken darunter wieder zum Vorschein kam.

c8Nach diesem Wunderwerk der Gotik und Renaissance tauchen wir dann ein in die Galeria, den Konsumtempel gleich neben dem Dom. Lorella erklärt uns, warum die Lokale dort so teuer seien. Man gehe dort nicht hin, um ein schönes Essen zu genießen, sondern um dabei gesehen zu werden, wie man viel Geld ausgibt. Richtig glücklich oder auch nur fröhlich sieht keiner der Gäste aus.

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Wir schlendern durch die riesigen Bögen der Galerie. Wenn ihr noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, das Täschchen kostet nur knapp 3000 €. Und da läuft man wirklich nicht Gefahr, dass die Schwiegermutter das gleiche hat.

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