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Adopt a gargoyle!

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Nein, ich möchte das nicht! Habe ich auch laut und deutlich gesagt. Trotzdem steuert Monsieur erstmal auf den Nordturm mit dem Treppenaufgang zum Dach des Domes zu. Angeblich weil es da die Tickets gibt. Bevor er aber irgendetwas sagen kann, hält uns ein Soldat auf und bedauert, dass der Zugang zum Domdach noch gesperrt sei, Raureif, Glatteis, jedenfalls zu gefährlich. Hah! Und Karten gäbe es hier auch nicht, sondern nur auf der anderen Seite des Domes, Doppel-Hah! Da, wo im Südturm auch der Lift hoch zum Dach fährt. Dreifach – ach, lassen wir das.

Wir spielen das Wartespiel. Der Platz vor der Domtreppe ist weitläufig abgesperrt, Gitter leiten – nicht existende – Schlangen zur Treppe. Kein Mensch ist zu sehen, aber Morgen ist ein wichtiger Mailänder Feiertag und da erwarten sie wohl den Ansturm der Massen. Jedenfalls muss man weit vorne durch eine erste Kontrolle, nachdem man das andere Wartespiel im Ticketcenter des Domes durchgespielt hat. Ich schicke Monsieur los ins Ticketcenter – reicht ja, wenn einer sich in der Schlange langweilt – und genieße den Sonnenschein vor den Absperrgittern. Bewundere die Controlletti, die gleichbleibend höflich in drei Sprachen immer wieder wiederholen: nein, ohne Ticket kommt man hier nicht rein, nein das Ticket gäbe es nicht hier, ja, dahinten das Haus mit den blauen Fahnen… Und wieder jemand, der das Wartespiel mitspielt.

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Monsieur kommt mit den Tickets und wir dürfen zum nächsten Level des Wartespiels aufsteigen, die Treppen hoch und vor dem Portal abwarten, bis alle vor uns durch die Sicherheitskontrolle sind. So Auge in Auge mit der Domfassade fällt mir auf, dass da für einen grundkatholischen Dom doch erstaunlich viel nacktes Fleisch zu sehen ist. Putten halten ihre nackten Popöchen und andere Körperteilchen in den eisigen Wind, heldenhafte Damen und Herren in Gewändern, die eher an griechische Tempelfriese erinnern, feiern die reine Körperlichkeit. Alles von großer heiterer Schönheit, bis man zum Portal selbst kommt. Die Monsterputten, die da auf mich herabschauen, könnten nahe Verwandte von Chucky, der Mörderpuppe sein. Gruselig! Der Typ vor mir hält die Kontrolle auf, weil er es nicht schafft, eine so einfache Ansage wie die, alle metallischen Gegenstände aus den Taschen zu nehmen, zu befolgen. Ich schüttele den Kopf über so viel Schusseligkeit, bis ich dann mit roten Ohren das Eurostück aus der Jackentasche fischen muss, das wohl vom letzten Einkaufswagen noch darin wohnt. Und dann dürfen wir endlich den Dom betreten. Direkt vor mir eine Spendenbox für den Erhalt des Daches. Manche Leute spenden ja für herrenlose Tiere, ich spende für die Wasserspeier. Das sind meine absoluten Lieblingstiere. Pflegeleicht, anspruchslos, haaren nicht, dingsen nicht in anderer Leute Gärten, wie gesagt, ideale Haustiere. Ich kann nur bewundern mit welch selbstloser Sturheit sie ihren Job erledigen, jahraus, jahrein und das bei jedem Wetter! Jeder sollte so einen herrenlosen Wasserspeier adoptieren. Monsieur sieht mir dabei zu, wie ich mein Geld versenke und schaut sich um: „Wo kann man spenden, um die schrecklichen Bilder abhängen zu lassen?“

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Der ganze Raumeindruck der Kathedrale geht flöten durch die riesigen Schinken, die zwischen den Säulen zu den Seitenschiffen hängen. Aber ich fürchte, da hat Monsieur keine Chancen. Also lassen wir Sichtachse Sichtachse sein und gehen weiter zum Chor. Die Glasfenster sind dann eine Herausforderung. Ich verliebe mich sofort in das unglaubliche Blau. Die Vielfalt der Szenen aus dem Neuen Testament sind überwältigend, muten bei aller kunstvollen Gestaltung aber fast wie ein Bibel-Comic an. Im Chor steht dann eine Kopie der Marienstatue, die die oberste Spitze des Domes schmückt. Ich bin heute etwas respektlos-lästerlich unterwegs und würde in einem anderen Kontext die Sternen bekränzte Damen ja für die Schutzheilige der EU halten, aber hier kommt kein Zweifel an ihrer Identität auf.

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Monsieur brummelt immer noch über sein fehlendes Raumerlebnis, höchste Zeit, dass ich ihn ablenke. Also geht es in den Untergrund, wo die Fundamente so vieler Kirchen sich überlagern, zerschneiden, kreuzen, dass wir jegliche Orientierung verlieren. Als wir wieder auftauchen aus dem Labyrinth, geht es uns besser, aber wir sind immer noch ein bisschen grummelig-lästerlich. Es fehlt das Aaaah-Erlebnis. Da trifft es sich, dass das Dach inzwischen freigegeben ist. Der Südturm ist immer noch gesperrt, aber im Nordturm gibt es neben der Treppe auch einen Aufzug, was Monsieur natürlich wusste. Also fahren wir hoch zu den Terrassen und da ist dann Schluss mit Grummeln und Lästern. Da sind dann nur noch reines Staunen und Freuen. Und Wasserspeier. Der eine zieht die Leffzen zu einem schiefen Begrüßungsgrinsen hoch, der andere wackelt kurz mit dem Ohr.

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Hier tobt sich die schiere überbordende Gestaltungsfreude aus. Die formvollendeten gotischen Spitzen und Bögen sind das eine, aber die Freude am Detail ist, was mich berührt. Wer kommt denn auf die Idee, hier oben in eine Ecke zwischen Spannbogen und Türmchen einen steinernen Rebstock zu pflanzen? Doch nur jemand, der Freude an seiner Arbeit und ihren Herausforderungen hat. Ich bin begeistert.

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Monsieur grinst nur. Er weiß, was mich ein gutes Hundert Treppenstufen weiter oben erwartet. Von der im Schatten liegenden Nordterrasse in den glänzenden Sonnenschein des Daches hochzusteigen, bringt dann diesen Ahhh-Effekt, dieses Gefühl, dass etwas tief in dir weit und licht wird. Dieser Ahhh-Effekt kann auch nicht gestört werden durch die Selfie-Spezialisten und Duckface-Grimassierer, die den Dom nur als schmückendes Beiwerk zur Selbstdarstellung nutzen. Das Einzige was wirklich nervtötend ist, ist der Sänger, der sich vorm Rinascente seiner Tätigkeit hingibt. Bewaffnet mit einer Verstärkeranlage, die selbst das Dach des Domes noch umtost mit seinen Darbietungen. Er foltert John Lennons Imagine, er foltert Leonard Cohens Halleluja, er quält sich und uns mit Elvis Presley- und Sinatra-Songs.

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Das ist dann auch der Grund, weshalb wir vom Domplatz fliehen, nachdem wir dann doch zu Fuß die fast 300 Stufen nach unten genommen haben. Der eigentliche Plan, auf der Dachterrasse des Rinascente, Auge in Auge mit den Wasserspeiern, einen Apéro zu nehmen, verliert jegliche Anziehungskraft durch diese Folter.

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Stattdessen gönnen wir uns eine kurze Siesta, um dann mit einem Ausflug zu den Navigli auch Monsieur etwas Neues zu bieten in Mailand. Angeblich soll es da einen Weihnachtsmarkt geben. Gibt es nicht, dafür aber schön geschmückte Kanäle mit jeder Menge Lokalen. Die alle etwas der „tourist trap“ gleichen, in wir gestern Abend getrappst sind. Wäre abzusehen und vermeidbar gewesen, wird unter Lebenserfahrung und „passiert uns nicht noch mal!“ verbucht. Dafür gibt es heute Abend lokale Spezialitäten im Casa Lodi, einer Empfehlung unserer Führerin Lorella. Das Essen ist köstlich, die Bedienung freundlich, die Chefin ein wenig, aber nett verpeilt (sie verrechnet sich zwei mal zu unseren Gunsten und wischt unseren Einwand jedes Mal weg). Zum Schluss beugt sich ein Herr im feinen Zwirn vom Nebentisch, bietet uns von seinem Wein an und fragt, wie wir denn von diesem Lokal erfahren hätten, das wäre doch selbst unter Milanesen ein Geheimtipp.

Also, merkt es Euch: Casa Lodi, Via Cappellari.

Aber sagt es bloß keinem weiter, ja?

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