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Von Hin- und Wegguckerchen

 

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Fast hatte ich ja Monsieur im Verdacht, da etwas gedreht zu haben, gestern am Nachmittag. Ich laufe zum Palazzo Madama – chiuso. Dumm, aber nicht weiter schlimm, gehe ich halt weiter zur Mole Antoniella. Auch geschlossen. Also, das fand ich schon ein bisschen auffällig. Was inzwischen offen hatte – ihr ahnt es – ist Monsieurs: Da musst du mal hin. Schöne Kuppel, muss ich zugeben und sehr licht und hell. Und dann stand ich kurz vor halb fünf vor dem königlichen Palast: fünf Museen – ein Ticket. Und das ist ein Muss. Ich darf nicht heute einen Teil und morgen den Rest besichtigen, nein, es gilt: alles oder nichts. Für alles war es mir zu spät, aber so ganz nichts, das wäre ja auch schade, also habe ich besichtigt, was frei zugänglich war, hinten links im Hof, kurz vor den königlichen Gärten. Es war eines der schönsten Museumscafés, die ich je besucht habe – und das waren einige.

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Heute Morgen stehe ich um drei vor zehn vor dem Palazzo Madama und darf miterleben, wie eine eher zierliche Angestellte mit den massiven, schmiedeeisernen Flügeltoren kämpft. Dann wuchtet sie noch zwei Mülleimer mit Aschenbecher vor die Flügel, blickt sich noch einmal um und nickt uns zu: wir dürfen eintreten. Für 20 € erhalte ich Eintritt zu drei Ausstellungen, zwei davon wollte ich sehen, die dritte gibt es als Bonus dazu. Ich fange mit Steve McCurrys „Lesen“-Fotoausstellung an, die es natürlich nicht schwer hat, mich zu begeistern. Menschen (fast) jeden Alters aus den verschiedensten Kulturen, in den unterschiedlichsten Situationen, alle vertieft in ein Buch. Dazu an den Wänden Zitate zum Zauber des Lesens. Einziger Misston ist das sehr laute Video-Interview mit dem Fotografen, das den ganzen Raum beschallt.

 

Gut, das war die erste Ausstellung im Hof des Palazzo mit glasüberdachtem Durchblick zu den römischen Grundmauern. Die Dauerausstellung ist dann recht chronologisch gehalten, was mich aber nicht darin hindert, mit dem Aufzug ein paar Jahrhunderte zu überspringen. In der Gotik sitzt und tobt abwechselnd eine Grundschulklasse. Es ist faszinierend, wie konzentriert und leise die Kleinen sind, wenn die Führerin etwas erklärt. Umso lauter sind sie auf den Wegstücken zwischen den Etappen.

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Im Lapidarium verliere ich sie an andere Abenteuer und bin allein im Depot. In alten Glaskabinetts und modernen Edelstahlvitrinen wird gezeigt, was sie nicht zeigen. Von Inka-Masken über kitschigste Porzellanfiguren und Hunderten von Teeservices bis hin zu alten Wälzern. Hat so einen Hauch von Kellerregal: Das haben uns die Schwiegereltern aus dem Urlaub mitgebracht. Aufstellen/aufhängen mögen wir es nicht, es wegzuschmeißen trauen wir uns nicht…

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Dafür ist es im Burggarten einfach nur herrlich. Vier Leute kümmern sich um Gemüse und Kräuterbeete und pflegen die Obstbäume und Zierpflanzen dazwischen. Richtig idyllisch, nur das eine Schild, das finde ich bei aller Abneigung gegen Rauch und Rauchen doch ein bisschen hart. In zwei Sprachen steht da, dass Rauchen im Garten generell verboten, der einzige Ort, an dem es erlaubt der Schweinestall sei.

War mir übrigens schon in der Gotik und Renaissance aufgefallen: alle Erklärungen nur auf Italienisch, aber die Verbote: Do not touch/cross, die gibt es zweisprachig.

Der Burggarten bietet in einem Castelloturm eine sehr willkommene Errungenschaft der Moderne. Mit dem Lift geht es hoch zum Dach des Turmes, wo ich nicht nach angreifenden Ritterheeren, wohl aber nach den Alpen Ausschau halte. Allerdings scheint Turin der Meinung, zwei Tage Sonnenschein sei genug, so hüllen sich Stadt und Umgebung in wolkigen Dunst.

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Die Etage darunter bietet Wegguckerchen vom Feinsten. Fast lebensgroße Meißener Kampfhunde – allerdings mit abgebrochenem Fangzahn – und Teller der Sorte, die ich ignorant und arrogant, eher für den Polterabend aufheben würde. Und ja, ich weiß, das ist Kunst, aber wie ein norddeutscher Freund fragen würden: Tut das denn not?

Im Stockwerk drunter wird es barock und überraschend. Das ist nämlich die Ausstellung, die ich eigentlich gar nicht sehen wollte, aber sozusagen im 3für2-Deal geschenkt bekommen habe. Es geht um Madame Reale, die diesen seltsamen Vorbau an das Castello angebastelt hat. Langsam kann ich nachvollziehen, dass eine Prinzessin vom französischen Hof nicht so recht zufrieden war mit dem dunklen, kalten und zugigen Castello, dass sie ein bisschen Flair in die Burg, eigentlich vor die Burg bringen wollte. Nebenbei war sie auch noch eine gewiefte Politikerin, die, früh verwitwet, die Regentschaft für ihren kleinen Sohn übernahm und diese gegen eine Menge Intrigen von Seiten ihrer Schwäger verteidigte. Das Einzige, was nicht so recht passt, war die Tatsache, dass sie dann nicht loslassen konnte, ihrem Sohn die Ehepartnerin vorschrieb und bis zum Ende ihrer Tage ihm in die Regierungsgeschäfte reinredete. Der Sohn konnte als Witwer doch noch ehelichen, wen sein Herz ausgesucht hatte, eine Dame, die – ihrem Auftreten und Bauvorhaben nachzuschließen – der Schwiegermama gar nicht so unähnlich war.

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Das Prunkstück der Ausstellung sind dann auch zwei Gemälde, fast gleich überwältigend groß. Sie zeigen beide Frauen, in ziemlich kriegerischer Pose und prachtvoller Kleidung auf wild aufbäumendem Pferd.

Und es ist wirklich schwer zu entscheiden, wer den schlimmeren „bad hair day“ erwischt hat: Ross oder Reiterin.


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