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Flügel aus Bleikristall

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Wenn ich das gerade einmal umrechne – eine Minute hoch, eine Minute runter, das Ganze für acht Euro -, komme ich auf 240€/Stunde. Dafür hätte ich gestern mehr als 30 Minuten Ferrari bekommen und die Strecke wäre nicht so eingeschränkt gewesen. Aber ich will nicht meckern. Der Mole Antonelliana ist von innen deutlich hübscher als von außen, was zugegebenermaßen nicht schwer ist. Die Fahrt in die Spitze des Mole ist durchaus die acht Euro wert. Ein gläserner Aufzug schwebt in der Mitte des riesigen Kuppelbaus in die Höhe, verschwindet dann durch die Öffnung und setzt mich in der Turmspitze ab. Einmal da angekommen, stehe ich mit ein paar anderen Tapferen im Nieselregen und bewundere, wie der Nebel die Stadt verzaubert.

c02Alles sehr schön, aber eben auch nichts, was man nun lange ausdehnen möchte. Zumal das von mir erwartete Café hier oben nicht existiert. Also bin ich eine Viertelstunde später wieder in der Halle und kämpfe mich durch gleich mehrere völlig aufgedrehte Grundschulklassen, da dies auch der Eingang zum Kino-Museum ist. Bis ich mich mit Monsieur treffen will, habe ich noch eine Stunde Zeit, zu wenig für die Königliche Residenz, zu viel, sie im Café zu vertrödeln. Die Alternative mit „im Park im Sonnenschein“ geht leider nicht wegen LSIP sowie mangelnder Kooperation eben dieser Sonne.

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In den Arkaden der Via Po hingen große Plakate der Fondazione Accorsi-Ometto zu Reisebildern zum Italien der frühen 1800, gemalt von einem Herren Giovanni Migliara. Ich mag solche Bilder, frühindustrielle Stätten, Ruinen, bevor sie wieder rekonstruiert wurden, alles sehr romantisch, ja gelegentlich auch idyllisch-kitschig. Tut doch ganz gut, sich ab und an in dieser Welt zu verlieren. Und dankbar zu sein, dass ich nicht in dieser „guten alten Zeit“ lebe, in der ein schmerzender Zahn und dessen Ziehung zum öffentlichen Spektakel auf dem Marktplatz wird.

In wenigen Schritten bin ich auf der Via Po und beim Museum. Damit beginnt eines meiner skurrilsten Museumserlebnisse. Die Dame gibt mir mein Ticket und informiert mich, dass das Museum nur mit Führer zu besichtigen sei. Mein Einwand – kein Italienisch – wird weggewischt und ich erhalte einen Ordner in Englisch in die Hand gedrückt. Ich soll also mit der italienischen Führung mittrotten, mir aber die Informationen im Hefter zusammensuchen. Okay, ist machbar. Sie schickt mich, rasch, rasch, über den Hof, rasch, rasch, die Treppe hoch, wo ein Herr mir, rasch, rasch, eine prunkvoll gequastete Kordel aushängt und mich, rasch, rasch, einer Großfamilie aufdrängt. Die Führerin, weit jenseits des Pensionsalters, schließt aus der Mappe und meiner Größe richtig „Tedesca?“ und strahlt. Ich habe endlich Zeit mich umzuschauen und kann ein Erschaudern gerade noch unterdrücken: Glasvitrinen voller Wegguckerchen der exquisitesten Art. Ein Miniatur-Bechstein-Flügel aus Bleikristall mit vergoldeten Füßen etwa. Und immer, wenn etwas entfernt mit Deutschland zu tun hat – und da schließt sie großzügig Österreich-Ungarn mit ein -, zeigt die Führerin strahlend lächelnd auf mich und verneigt graziös ihr Haupt. Ich lächle zurück, obwohl mir eher mulmig zu mute ist. Eine knappe Stunde habe ich, zwanzig Minuten sind inzwischen vergangen und wir sind erst im zweiten Raum, umgeben von – kleine Verbeugung in meine Richtung – Meißner Porzellan der Sorte „Upps, ach das tut mir jetzt aber leid!“ Der nächste Raum wird noch schlimmer: vergoldete Tabakdosen, Läusekämme aus Elfenbein und ich frage mich, wann wir endlich zu den Reisebildern kommen und wieviel Zeit – wenn überhaupt – ich haben werden, diese zu genießen.

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Ich bin von Erziehung her eher höflich und von Natur aus eher schüchtern, das ist ein schweres Handicap in solchen Situationen. Außerdem redet die Dame ohne Punkt und Komma, nur unterbrochen durch die gelegentlichen strahlenden Referenzen in meine Richtung. Es fallen „degli Habsburgii“ und mit besonderem Strahlen in meine Richtung „Sissi“. Ja, Ginebra, ich weiß, war ja sozusagen vor meiner Haustür, wo sie ermordet wurde. Als aber nun die Familie mit der Führerin eine Diskussion anfängt, die sich für meine nicht existenten Italienischkenntnisse wie eine Abwägung der Rolle des Walbeinkorsetts in der Ermordung der Kaiserin anhört, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und stammle etwas von „Mostra temporana“ und deute auf meine Uhr. Ach herje, ist das plötzlich ein Geflatter von Händen und Armen. Sie ist völlig untröstlich ob des Missverständnisses, bringt mich zurück zum Eingang – weit waren wir ja eh nicht gekommen – und übergibt mich dem Herrn. Es stellt sich heraus, dass die Zeitausstellung genau in diesem Raum beginnt. Hätte der Herr mich nicht so resolut hinter die Purpurkordel befördert, könnte ich jetzt schon fertig sein mit meinem Kunsterlebnis. Allerdings hätte ich dann nie erfahren, dass es Mini-Flügel aus Bleikristall gibt. Mit vergoldeten Füßen.


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