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Nächstes Mal die Weinprobe

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Die Busse für die Konferenz-Exkursion warten auf der Piazza Veneto. Drei Ziele gab es zur Auswahl. Monsieur ließ mich aussuchen, wohlwissend, dass barocke Königsresidenzen gleich ausfallen. Wine-tasting war verlockend, aber das haben wir morgen im Castello Razzano und die Sacra di San Michele ist reinste Romanik. Muss ich noch mehr sagen?

Wir starten in Turin bei Nieselregen, auf dem Parkplatz der Sacra di San Michele gießt es in Strömen. Aber das ist noch nicht alles. Wir laufen im Regen die paar Hundert Meter hoch zum Einlass des Klosters. Der Wind macht sich einen Spaß den Regen ein bisschen waagerecht zu treiben, damit auch die mit den Schirmen nass werden. Vor dem Einlass stehen wir dann etwas tropfend herum, bis unsere Führerin uns – im strömenden Regen – eine kleine Kostprobe dessen gibt, was uns die nächste Stunde begleiten wird. Das Kloster sei ein Ort der Stille, deshalb sollten auch wir still werden und in uns hineinlauschen – in Stille. Ob leises Zähneklappern noch als Stille gilt? Schließlich dürfen wir ein paar Außentreppen erklimmen und kommen damit endlich, endlich! in das geschlossene Treppenhaus der wirklich beeindruckende Scalone dei morti. Außer der Erklärung, dass die Totentreppe Totentreppe heißt, weil rechts die Toten in Sarkophagen ruhen, erhalten wir wenig Informationen. Wohl aber das ganze Selbsthilfe-Seminar-Programm. Die Treppe sei ein Bild für unser Leben, jeder Schritt nach oben ein Erfolg, jeder Blick zurück eine Bestätigung des Geleisteten. Aber dieser Weg zum Licht – die Tür am Ende der Treppe – sei nur möglich in der Stille. Und weil es hier so eine Art besondere Energie gebe. Rechts und links von mir fangen Mundwinkel an zu zucken und ich höre aus den Bemerkungen, dass so ein bisschen Romanik Physiker nicht stört bei der Diskussion, wie man diese Energie für ihre Experimente einspannen könnte.

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Am Ende der Treppe erhalten wir noch einmal nachdrücklich die Aufforderung nun hinauszutreten aus der Treppe des körperlichen Strebens ins Licht des spirituellen Lebens. Wohin wir hinaustreten ist erst einmal strömender Regen, denn das Dach des romanischen Paradieses musste nach einem Erdbeben in den 1980er abgerissen werden. Nun, ich bin nie davon ausgegangen, dass das Streben nach spiritueller Erleuchtung einfach sein wird, nur dass es so nass ist, damit habe ich nicht gerechnet. Wir erhalten noch mehr Licht- und Stille-Metapher im Regen, ergänzt von Erklärungen zu den Holzschnitzereien an der Tür: rechts eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals, links eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals. Die eine grinst, die andere nicht. Die eine ist das Gute, die andere das Böse. Da muss man schon sehr genau hinschauen.

Als wir endlich in die Kirche eintreten dürfen, werden wir noch einmal auf die Stille hingewiesen, die schwarzen Figuren im Chor werden erklärt – und das war es dann mit der Führung hier oben. Kein Wort zu den wirklich wunderbaren Fresken an den Wänden. Nur ein Hinweis auf die bella terrazza und das Panorama hinter einer Seitentür.

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Die Kirche selber kann trotz all meiner Verärgerung über diese Art von Führung ihre Ausstrahlung wirken lassen. Außerdem verliebe ich mich sofort und hoffnungslos in die Tiere, die sich um Johannes den Täufer versammelt habe. Immer wieder muss ich zu diesem Fresko zurückkehren. Immer wieder zaubert es ein Lächeln auf mein Gesicht.

Aber irgendwann treibt unsere Führerin ihre Gruppe wieder zusammen, nachdem wir alle ein eher zynisches Lachen zum Thema Terrasse und schöne Aussicht hatten und führt uns in die Ruinen der Klostergebäude, zum Turm der Bella Alda, die hier lieber in den Tod sprang als sich von zwei Maraudeuren vergewaltigen zu lassen. Allerdings fingen zwei Engel ihren Fall auf und ließen sie sanft landen. Natürlich glaubte ihr zuhause keiner die Geschichte, weshalb sie es am nächsten Tag beweisen wollte – und spektakulär scheiterte. Vor mir diskutieren zwei Physiker, dass dies zwar ein durchaus wissenschaftlicher Denkansatz – Wiederholbarkeit des Experiments – sei, sie aber die erste Prämisse nicht akzeptieren können.

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Unsere Führerin bastelt aus Aldas Schicksal eine Lehre zu Bescheidenheit und Demut und das alles, während wir schutzlos im Regen vor den Ruinen stehen. So ist es kein Wunder, dass, als sie mit einer weiteren Botschaft des Lichts und der Stille schließt, niemand mehr Fragen stellen mag.

Wir trotten im Regen den Weg durch die Ruinen zum Eingang zurück und Monsieur murmelt endlich, was er – wie ich schon lange gespürt und erwartet habe – wohl bei jedem regennassen Schritt gedacht hat: „Nächstes Mal nehmen wir die Weinprobe!“


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