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Apfelschimmel mit dunkelgrauer Mähne

 

c9Maria Lidia rehabilitiert Monsieur. Das sei doch genau der Zweck und das Ziel des Gässchens-Gewimmels der Hafenvorstadt gewesen: Angreifer zu verwirren und in die Irre zu führen. Jedenfalls in den alten Tagen, als die Seefahrer- und Piratenstadt Genua gelegentlich Besuch von anderen Seefahrer- und Piratenkollegen bekam, die das mit dem Mein und Dein etwas offener sahen.

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Heutzutage verwirrt die Altstadt nur noch harmlose Touristen, weshalb Maria Lidia von den Genova Greeters mir freundlicher Weise zur Seite steht. Maria Lidia ist Mathematikerin und sieht ihre ehrenamtliche Arbeit als einen guten Ausgleich zu ihrem Beruf. Sie kennt sich aus in dem Gewusel und begleitet mich einen Vormittag durch das Wirrwarr. Die alten Gässchen wimmeln von stimmungsvollen kleinen Läden und führen uns zu Plätzen, auf denen Kirchen thronen. Wir sind uns beide einig, dass Barock nicht so unbedingt sein muss, in einer reichen Stadt wie Genua aber kaum zu vermeiden ist. Die barocken Kirchen, die sie mir zeigt, haben aber alle so ein kleines Augenzwinkern. San Pietro in Banchi etwa, auf einem Platz, auf dem das Volk eine Kirche, die reichen Händler aber Banken bauen wollte. Als Kompromiss gibt es die Kirche sozusagen im zweiten Stock und unten, ebenerdig, die Banken. Da die Geldwechsler somit nicht im, sondern unter dem Tempel ihre Geschäfte betreiben, müsste es sogar Bibel-konform sein. Oder Chiesa San Matteo, die über ihren Kreuzgang gleichzeitig als Eingang zu den Wohnhäusern dient, die spätere Jahrhunderte auf die gotischen Bögen gebaut haben.

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Wir zickzacken durch das Gewirr der Gässchen, weil sie mir hier noch ein Jugendstil-Schaufenster oder dort eine uralte Apotheke zeigen will. Gässchen, die so eng sind, dass der Müllwagenfahrer sicher mit angehaltenem Atem hindurch fährt.

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Auf dem Rückweg wird es prunkvoller. Wir besichtigen die Rolli-Paläste, vielmehr das, was man halt so besichtigen nennt, wenn man mit einem Greeter unterwegs ist. Nicht die Roten, Weißen oder anderen Museumspaläste, die mit den Eintrittskarten und den Sonderausstellungen.

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Unsere Eintrittskarte ist Marias Lächeln und ihr rapides Italienisch. Das verschafft uns Eintritt zu den Bankpalästen (No photo, please!) und hochpreisigen Design-Stores (Photo? Yes, please!) und einen kleinen Überblick, wie vielfältig die Paläste im Inneren ausgeschmückt sind, von Gotik bis hin zu Art Nouveau, je nachdem, wann der Hausherr zum letzten Mal den Drang zum Renovieren verspürte.

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Die Rolli-Paläste gehören dabei keineswegs – wie ich anfangs naiv vermutete – einer Familie Rolli. Nein, sie standen auf Listen – den Rolli – der hochrangigen Familien, aus denen die eine ausgelost wurde, bei einem allfälligen Besuch des Herrn Principe oder Fürsten die Ehre des Gastgebens zu haben. Nun würde es einen heutzutage ja eher mit Angst und Schrecken erfüllen, Angela oder Donald zugelost zu bekommen, aber das Potential zum Networken ist klar erkennbar.

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Nach gut zwei Stunden endet unsere Führung nicht vor, sondern im ersten Lädchen, das Maria Lidia mir gezeigt hat: der schönsten Pasticceria Genuas.

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Gestern habe ich neue Vokabeln gelernt. Die waren so nicht im Internet-Kurs vorgesehen, aber im Reallife: AVVISO di GRAVE MALTEMPO, Attendono NUBIFRAGI, sagt der Wetterdienst des Hotels, ihre Großbuchstaben, nicht meine. Freundlicherweise halten sich die Nubi morgens mit dem Fragi zurück, bis ich wieder im Hotel bin. Aber nach einer ausgedehnten Siesta trete ich dann hinaus in den Maltempo, bewaffnet mit einem Schirm und dem Wissen, dass das nächste Museum nur ein paar Minuten weit entfernt ist. Der Weg dahin führt durch einen verwunschenen Park mit seltsamen Gebäuden, künstlichen Höhlen und mit durch Schilder angekündigten „cascate“ und „belvedere“. Das Belvedere tut sich im Nubifragi schwer  damit zu überzeugen und der Kaskade wurde das Wasser abgedreht.

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Der Weg zieht sich an festungsähnlichen Mauern entlang und endet endlich vor einem Gebäude, dessen Front mit Shoji abgedunkelt ist. Meine Zweifel, die mich auf dem seltsamen Weg beschlichen haben, werden einerseits beruhigt – es existiert hier ein Museum zur ostasiatischen Kunst -, andrerseits durch das dunkle abweisende Äußere wieder entfacht. Aber es wird noch seltsamer. Ich schaue durch die Glastür ins Dunkle und erspähe eine Szene, die entfernt an Dornröschen erinnert. Rechts in der Halle rasten auf Plastikstühlen zwei ältere Herren, im Schlummer sanft einander zugeneigt. Im Glaskasten der biglietteria sitzen drei Frauen, die Köpfe in unterschiedlichsten Winkeln im Schlafe nach hinten gelegt. Als ich vorsichtig die Türe aufdrücke, schrecken vier Menschen aus dem Schlaf hoch, eine Frau schläft weiter (und sie schläft immer noch, als ich dreißig (!) Minuten später die hohen Hallen wieder verlasse). Eine der aufgeschreckten Frauen kreuzt fein säuberlich auf meiner Museumscard dieses Museum durch und zeigt mit der Hand nach rechts. Dann besinnt sie sich, läuft mir hinterher und schaltet tatsächlich das Licht in der Halle an.

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Es ist eine exquisite Erfahrung der Leere. Um einen Bechstein-Flügel gescharrt, stehen Buddhas und Fu-Hunde, Bronzeglocken und große Becken. Die ganze linke Wand wird verdeckt von leeren weißen Raumteilern, hinter denen sich eine leere weiße Wand versteckt. Gelegentlich sehe ich einen Nagel herausragen, an dem noch ein Stück Draht hängt. Hmmm, meine Phantasie scharrt schon wieder mit den Hufen, skizziert eine Krimi-Konzept von korrupten Angestellten, die die Ausstellungsstücke nach und nach verkaufen und – um das zu vertuschen – gezwungen sind, eventuelle Besucher still und leise verschwinden zu lassen. Der große verwunschene Park bietet da sicher genug Möglichkeiten. Da ich damit aber den Museumsangestellten, die sicher alle grundehrliche und anständige Menschen sind, ein schlimmes Unrecht antue – von meiner potentielle Rolle mal ganz zu schweigen -, nehme ich meine Phantasie an die Kandare. Das geht auch eine Zeitlang gut, an den Samuarai-Rüstungen und Lackutensilien vorbei, doch dann wird es schwierig. Da ist über die Treppe eine Kette gespannt, aber dahinter sehe ich es ganz genau: Vitrine um Vitrine – leer. Die versprochenen Tuschezeichnungen, die Drucke, wo sind die?

Unten an der Kasse zeige ich der wachen Frau im Katalog, was ich sehen wollte. Sie zuckt mit den Schultern, hebt die Hände und überschüttet mich mit einem Schwall Italienisch, der so natürlich nicht in meinem Kurs vorkam. Dann lächelt sie mich strahlend an. Meine Phantasie piaffiert da schon eine ganze Weile, ich kann sie gerade noch im Zaum halten. Das geht natürlich gar nicht, ehrsame Menschen irgendwelcher Vertuschungsmanöver zu verdächtigen. Wahrscheinlich gibt es eine ganz einfache Erklärung: Restaurierung oder Leihgabe für eine Sonderausstellung anderswo. Alles ganz einfach zu begründen.

In meiner Phantasie ist meine Phantasie übrigens ein Apfelschimmel mit dunkelgrauer Mähne und wenn wir wieder im Hotel sind, werde ich mal ein ernsthaftes Wörtchen mit ihm reden müssen. Beziehungsweise mit ihr…

 

 


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