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Die – vielleicht – vier Belvedere

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Gut, es könnte sein. Die Möglichkeit besteht natürlich, auch wenn ich es für wenig wahrscheinlich halte. Vielleicht waren wir wirklich zu dumm, die vier Belvedere zu finden, die diese Wanderung anpreist. Von den restlichen vier der Cinq chalets mal ganz zu schweigen. Dreieinhalb Belvedere könnte ich anbieten, das ist doch auch schon ganz nett. Wobei wir bei dem einen Aussichtspunkt einen Abzug in der B-Note geben müssen, zwar ist die Aussicht schön, aber nicht da, wo sie laut Karte sein soll.

Die Wanderung ist mit dreizehn Kilometern etwas länger als unsere „normalen“ Bergwanderungen, dafür gehen die Höhenmeter es gelassener an, ganze 300 Meter sind es, die Hälfte davon auf den ersten zwei Kilometern. Der Rest der Wanderung geht dann mehr oder weniger eben um den großen Felskessel bei Giron herum. Das ist einer der Vorteile, wenn man in einer Gegend wandert, die vom Ski Nordique lebt, dem Skilanglauf und Schneeschuhwanderungen: steile Abfahrten sind selten. Als Bonus kommt das Fehlen der im Sommer eher hässlichen und störenden Seilbahn- und Sessellift-Infrastruktur hinzu.

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Also stapfen wir erstmal bergauf, den Schildern mit den Schneeschuhen folgend, bis zu einer Wiese, die den Namen „Cinq Chalets“ trägt. Von diesen fünf Chalets steht nur noch eines, und das in einem Zustand, den französische Immobilienmakler mit „beaucoup des possibilités“ – viele Gestaltungsmöglichkeiten – umschreiben würden. Die Wiese selber bietet nicht mehr viele Möglichkeiten, die Blumenvielfalt zu bewundern, alles fein säuberlich zu Heuballen zusammengepresst.

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Am Ende der Wiese geht es in den Wald und um eine scharfe Ecke. Da ist er dann, der erste Aussichtspunkt. Zumindest auf der Karte, in der Realität stehen wir vor 15 Meter hohen Tannen. Da scheint mir schon länger keiner mehr die Aussicht bepunktet zu haben. Macht nichts, ein paar hundert Meter weiter bietet eine Wiese einen schönen Ausblick auf Juraketten und Felsabbrüche. Der erste „richtige“ Ausblick kommt dann auf einer großen Wiese mit dem prosaischen Namen „L’Achat“. Ein weiter Felskessel schwingt sich im Halbkreis und bietet wirklich viel Schönes für Auge. Leider ist der Soundtrack etwas störend. Drei Gemeindearbeiter sind dabei die Wanderwege frei zu sensen. An und für sich löblich, da sie aber mit Motorsensen arbeiten, die wie ausgesprochen schlecht gelaunte Hornissen klingen, eher nicht so der stillen Meditation der Naturschönheiten zuträglich.

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Wir laufen weiter und biegen bald von den Wiesenwegen in den Wald ab. Bis hierhin waren die Wege breite Holztransport- oder Feldwege, gut fürs Tempo. Im Wald haben wir dann diese weichfedernden Pfade unter den Füßen, die einfach ein Genuss sind. Der Pfad führt uns zu einer „Ferme“ und von dort sind es nur ausgewiesene fünf Minuten zum nächsten Panorama. Das ist zwar da, wo es sein soll, aber verlangt schon ein sehr selektives Schauen auf die Berghöhen um uns herum. Die große Industrieanlage im Tal ist einfach nur hässlich. Monsieur hebt fragend eine Augenbraue und ich schüttele den Kopf. Das war der Platz, den wir – auf der Karte – fürs Mittagessen ausgesucht haben. Da laufen wir doch lieber zu der sehr französisch zusammenrestaurierten Ferme zurück mit ihrem Drachenzahn- (oder Panzersperren?)-Wall.

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Nach einer langen Picknickpause führt der Weg uns aus den Lichtungen wieder tief in den Wald. Wir sind dankbar für Sonnenschein und Blumen. Die Messlatte zur Schneehöhe macht uns doch etwas Angst. Anscheinend werden Schneemengen unter 1,30 Höhe nicht für des Messens wert befunden.

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Der Waldweg stößt auf eine kleine Landstraße, auf der, dramatisch hingeworfen, ein Mountainbike liegt, daneben sitzt ein kleiner Junge. Wir fragen ihn natürlich sofort, ob es ihm gut gehe – Ja!, ob er ganz allein sein – Nein!, ob er gestürzt sei. Da packt er seinen ganzen Stolz zusammen: „Madame, ich stürze doch nicht mehr!“ Kurz darauf kommen uns auf der Straße seine Eltern auf Rädern entgegen. Ob wir einen kleinen Jungen gesehen hätten, wollen sie im hektisch-besorgten Vorbeibrausen wissen und sind schon durch, bevor unser Ja! kommt.

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Das kurze Stück auf der Straße führt uns zum Aufstieg zu la Roche fauconniere, dem Falken-Felsen. Der Weg ist wieder wunderschön und endet tatsächlich an einem Aussichtspunkt. Und welch eine Aussicht! Zum Beispiel auf die „Achat-Wiese“ gegenüber vom Anfang der Wanderung. Dass es am Falkenfelsen keine Falken gibt, darüber will ich jetzt mal nichts sagen. Nicht dass ihr noch denkt, ich wäre eine kleinliche Nörglerin.

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Ein kurzes Stück Asphalt und zwei Kilometer Waldweg bringen uns zum Parkplatz. Ein paar Schritte vor dem Auto piepst mein Fitbit, dass wir nun 13 Kilometer und 4:30 Stunden unterwegs seien. Da dreht sich Monsieur um und grinst: „Das wundert sich sicher, wem du es heute Morgen ausgeliehen hast.“

giron

 

 


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