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Frei nach Erich Kästner

 

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… leben wir heute gefährlich.

Erst erzählen wir der Jüngsten, dass sie sich schon immer gewünscht hat dahin zu fahren.

Da diverse Landesregierungen, Fluggesellschaften und ein Virus sich zusammentun, um das Erreichen ferner „Schon – immer“-Traum-Ziele zu verhindern, versuchen wir es halt mal eine Nummer kleiner mit den „Da könnten wir doch auch mal“-Zielen in der Nähe. Birgt natürlich eine gewisse Gefahr von hochgezogenen Augenbrauen, gezuckten Schultern oder einfach nur ungläubigem „Das?“ in sich.

Unser Ansatz geht aber gut aus, auch wenn das Ziel wohl nicht zu den 100 romantischsten Zielen Frankreichs zählen wird. Es hat eher diesen desolaten Charme aufgelassener Industrieanlagen.

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Wir sind zig Male auf dem Weg in den Süden über das „Viaduc de la glacière“ an dieser alten Eisfabrik vorbeigefahren, den Mont Lozère, Burgund oder die Provence vor Augen, den Satz „Da könnten wir doch auch mal …“ im Hinterkopf. Heute ist es soweit. Der strahlende Sonnenschein ist einerseits ausflugstauglich, andrerseits so gar nicht dem Ziel angepasst. Hier bräuchte man treibende Nebel oder heulenden Schneesturm, um das Potential der aufgelassenen Ruine voll auszukosten. Schön ist es trotzdem.

Wir stromern eine Stunde durch die Anlage, steigen – wo es nicht abgesperrt ist – in und um alte Mauern und stehen dann am Parkplatz da mit dem angefangenen Ausflugstag. Das nächste Ziel, die „Pertes de la Valserine“ ist uns klar, aber auf dem Weg locken die „Marmites de Géant“, die Kochtöpfe eines mythischen Riesen, Wasserstrudel in der Semine. Vor ein paar Wanderungen, von Giron kommend, hatten wir den Stopp schon einmal angedacht, aber damals hatten unsere müden Beine uns überstimmt. Heute finden wir den Einstieg und können bald das gigantische Rad einer alten Sägemühle bewundern, finden aber die Wasserspiele eher etwas unterwältigend. Das kommt dann – wir waren einfach noch nicht weit genug gegangen – nach der nächsten Brücke.

Der Parkplatz für die Pertes zeigt uns dann, frei nach Erich Kästner, wie lebensgefährlich das Leben ist. Mit großen gelben Warnschildern wird uns Wanderern drastisch vor Augen geführt, welch eine gefährliche Risikosportart wir ausüben. Was uns nicht alles befallen kann: Steine und Äste können auf uns herabstürzen. Der ebenfalls angedrohte Sturz von glaçons beeindruckt mich allerdings wenig, da ich das Wort eher mit „Eiswürfel“ statt -zapfen übersetze und das natürlich sofort in den überhaupt nicht bedrohlichen Kontext von eisgekühlten Getränken wie Aperol Spritz und ähnlichem setze.

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Wir setzen uns tapfer den weiteren Risiken von brutalen und gewalttätigen Fluten aus, den abrupten Felsabstürzen und gefährlichen Steilwänden. Es ist kaum zu glauben, dass wir lebendig an den Ufern des Flusses ankommen, gemeinsam mit den anderen Wanderern, Picknick-machern, im Wasser-Planschern. Die größte Gefahr, der wir uns aber an diesem Nachmittag wirklich aussetzen, sind die Moskitos, die unser Picknick, die Füße im Wasser, umschwirren.

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Die Valserine verschwindet hier schäumend immer mal wieder zwischen meterhohen Kalkwänden und taucht brodelnd ein paar Schritte weiter, dafür aber viel tiefer wieder auf.

Eine Felswand mit spitzer Nase ist natürlich Napoleons Kopf und die Stelle, an der die Felsen nur zwei Handbreit auseinander sind, die „natürliche Brücke“, die Pilger auf diesem alten Pfad schon vor Jahrhunderten nutzten. Für uns Risikosportler ist die Stelle inzwischen mit Geländern und Lattenrosten gesichert, nur für den Fall, dass die gelben Warnschilder nicht abschreckend genug waren.

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Ein Wanderweg an der Valserine entlang führt schon zur Planung der nächsten Wanderung. An der „Pont du Moulins des Pierres“ vorgestern hatten wir der Voie du Tram zuliebe nämlich mit einem kleinen Bedauern auf den schmalen Pfad verzichtet, der ins Tal der Valserine hinabstieg. Zu lang, zu steil, zu kompliziert mit dem ÖPNV.  Hier und jetzt eröffnet sich ein weiteres „Da könnten wir doch auch mal“.

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Mit deutlich leichterem Rucksack steigen wir durch die verwunschen, moosbewachsenen Wälder hoch zum Parkplatz. Plötzlich kommen uns zwei Polizisten entgegen, auf dem Wanderweg zur Valserine, in voller Montur. Ich bin so perplex, dass ich sie lachend frage, was sie denn da unten im Tal kontrollieren wollten. „Oh, Madame,“ strahlt der eine freudig-aufgeregt zurück, „il y a beaucoup des choses, qui sont interdit là-bas! – Es gibt Vieles, das da unten verboten ist.“

Wie gesagt, gefährlich, gefährlich, das Leben!

 

 

 

 

 


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