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Vom Winde verweht

Oder: Ardenner versus Kirstin. Die Ardenner retten den Tag. Die durchaus erträgliche Nicht-Leichtigkeit ihres Seins hilft uns gegen das Sturmtief Kirstin.

Und die Thüringer Klöße von gestern Abend. Wir sind nämlich gestern in die lokalen Spezialitäten eingetaucht, erst ein Glas „Rotkäppchen“ (lauwarm, „Tschuldigung, die Kühlung ist kaputt und der Techniker kommt erst morgen.“), um den erfolgreichen Start des Fahrradabenteuers zu würdigen, dann die Klöße. „Zum Glück haben wir die große Portion bestellt, das beschwert,“ ruft Monsieur mir gegen den Wind zu.

Das mit dem Layout, das üben wir noch mal, ja? Das mit dem „h“ auch, ok?

Wir haben das Losfahren lange hinausgezögert. Gestern Abend ist Monsieur noch mal losgezogen, durch Mühlhausen und kommt zurück mit: „Du, die haben in der Marienkirche eine sakrale Kunstausstellung zu Einhörnern und Drachen.“ Er hebt beim letzten Wort so ein bisschen die Stimme an, macht den Satz zur Frage. Dabei steht da schon außer Frage, dass ich das sehen will. Kunst, da kann man so viel lernen – ich meist das Falsche – und außerdem ist Kunst hier und heute gut als Ausrede gegen Sturm und Regen. Als erstes lernen wir, dass das mit dem Plural so eine Sache ist. Sie haben nämlich von jedem tatsächlich genau zwei, Einhörner und Drachen. Das ist zwar vom grammatikalischen Standpunkt aus durchaus korrekt und ausreichend, vom Besucherstandpunkt aus aber ein bisschen unbefriedigend. Gut, bei dem einen Drachen kann man lernen, dass es mehr als nur den Standardansatz – Lanze in Flanke – gibt. Bei diesem Standbild haut der heilige Georg dem Drachen seinen Schild voll in die – fängt auch mit F an. Das ist gut zu wissen, falls man mal einem Drachen begegnet und zufällig nur einen Ritterschild dabeihat.

Die zwei Einhörner, ein weißes, ein braunes, sind eigentlich eher traurig. Das braune ist ein eindeutiges Fake, Rehkopf mit angeschraubtem Horn, und das weiße, das tut mir einfach nur leid. Erstens: Knickhorn würde es besser treffen und zweitens: das arme Tier kommt wegen des überlangen Knickhorns gar nicht mit dem Maul auf den Boden, ist also, dünn und mager, kurz vorm Verhungern. Und Maria, deren Jungfräulichkeit das arme Tier beweisen soll, kommt wohl auch nicht auf die Idee, es zu füttern. Armes Einhorn, kein Wunder, dass es ausgestorben ist.

Sehr spannend finde ich dagegen die Maria und dem Einhorn beigestellten Jagdhunde, die alle wie ein kleines Banner den Namen der Tugend tragen, die sie verkörpern sollen. Die „Veritas“ ist mit einem dicken Würgehalsband fast geknebelt. Die „Misericordia“ sieht aus wie eine unendlich sorgenvolle Bulldogge. Kann man sicher auch wieder viel lernen, wird aber wahrscheinlich eh das Falsche sein.

Nach so viel Kunst – und Geschichte vorher im Bauernkriegsmuseum – haben wir dann wirklich keine Ausrede mehr. Die Strecke ist – erst einmal aus Mühlhausen heraus – richtig schön. Es begegnet uns – bis eigentlich Ortsgrenze Langensalza – ein einziges Auto. Kühe, Schafe, Gänse gibt es deutlich mehr. Die Unstrut ist hier gelegentlich hinter hohen Deichen versteckt und das setzt uns auf diesen Deichen dem Sturm aus. Ab und zu lupft eine Böe die Ardenner an und schiebt sie zur Seite. Und auf der einen schmalen Gitterstegbrücke über die Unstrut, da bin ich bei den Böen wirklich dankbar für das Geländer rechts und links. Ansonsten beutelt der Sturm die Pappeln am Ufer, er wirbelt die Weiden durcheinander, lässt Kastanienbäume uns mit den Früchten bombardieren.

Die Ardenner müssen lernen, größere Äste auf den Wegen zu umfahren, über kleinere preschen sie hinweg. Bei ganz großen Ästen quer, da steigt Monsieur dann ab und zieht sie vom Weg.

Da der Sturm aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint, bläst er auch – selten – von hinten. Wir kommen also sehr gut voran und Monsieur lobt meinen flotten Fahrstil. Ich finde den auch gut. Darf nur nicht vergessen, bei jedem kleinen Pausenstopp – Jacke an oder Kühe fotografieren oder Jacke wieder aus oder Gänse fotografieren oder an einer Apfelwiese mal kurz – ach nein, noch nicht, schade… – unauffällig von Turbo auf Eco zurückzuschalten, damit mir Monsieurs gute Meinung erhalten bleibt.

Wir machen kurze Abstecher zu Dörfern am Weg, auf der Suche nach einem Kaffee, werden aber nicht fündig, die Straßen wie ausgestorben. Meist glucken um eine kleine knuppelige Kirche ein paar Handvoll Fachwerkhäuser, in den Außenbezirken oft erstaunliche Neubaugebiete. Ab und an sehen wir eine tote LPG mit verfallenen Gebäuden und vor sich hin rostenden Fahrzeugen im hüfthohen Gras.

Gegen die Pflasterstraßen in den Dörfern habe ich mir gestern noch rasch so ein Lesebrillenband gekauft. Zwar bin ich dadurch in meinen Augen augenblicklich um 20 Jahre gealtert, aber die Idee, dass die Leute denken: Guck mal, sooo alt und fährt noch Rad, tröstet etwas darüber hinweg.

Heute sind es – mit den Abstechern – keine dreißig Kilometer und wir erreichen recht früh Bad Langensalza. Die Pension ist noch geschlossen, aber das ist kein Problem, schließlich ist Langensalza Bad und Kurstadt, also – für mich – das natürliche Umfeld für Grass‘ „kuchenfressende Pelztiere“ und deren Habitat, die Konditorei. Pelztiere sehen wir zwar keine, aber die Kuchenauswahl im „Schwesterherz“ lässt keine Wünsche offen, wenn auch Monsieur beim Nachsatz Frischkäse zu Schoko zusammenzuckt und auf die Eierlikörtorte umschwenkt.

So gestärkt können wir die Fachwerkschönheiten Langensalzas erkunden, das neben viel Schönem auch einiges Fremdartige zu bieten hat.

Den Vogel allerdings – und das im wahrsten Sinne des Wortes – schießt dann unsere Pension ab. Toilettenpapier mit rosa Flamingos drauf. Nicht nur das: rosa Flamingos mit Sonnenbrille. Und die quatschen mich auch noch von links hinten an: Come to the beach with me.

Wenn das nicht exotisch ist! Befremdlich ist es auf jeden Fall…


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