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Gedopt

Unser Hotel in Mühlhausen war sehr schön, die Pension in Langensalza ist eher etwas speziell. Wir müssen uns abends festlegen, wieviel Brötchen wir morgens zum Frühstück haben wollen, vier, trotzdem liegen nur zwei im Brotkorb. Kein Problem, denken wir, bestellen wir gleich noch zwei nach. Nein, nein, das ginge nicht, sagt uns die Wirtin, wir hätten doch nur zwei geordert. Da kommt vom Nachbartisch: „Das waren wir, mit den zwei Brötchen. Wir haben uns schon über die vier Brötchen gewundert…“

Wir klappern ein letztes Mal über das Kopfsteinpflaster in Langensalzas Gassen bis zum Kurpark, da fährt es sich angenehmer. Kaum sind wir aus dem Ort wieder draußen, wird es verwunschen. Die Wege sind nicht mehr asphaltiert und der tiefe Sand an manchen Stellen bringt mein Zutrauen in meine frisch errungene Radfahr-Kompetenz ins Schlingern, im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür wird das Unstrut-Tal immer schöner. Weiden machen ihre eigene kleine Kunstausstellung, auch wenn einige Kirstin-Opfer zu beklagen sind. Störche staksen durch die Aue (Pluralbildung hier zugegebenermaßen an die Einhorn-Ausstellung angelehnt).

In Großvargula werden wir umgeleitet. Es stehen da wirklich offizielle große gelbe Verkehrsschilder mit der Aufschrift Umleitung Unstrut-Radweg. So verpassen wir die Ansicht des Wasserschlosses. Da aber dieses und andere Schlösser abwechselnd Internate oder Altersheime – und nicht zu besichtigen – sind, kommen wir touristisch unbeschwert weiter. Nur die eine Burgruine – das muss dann sein – wo sie schon mal da ist.

In Herbsleben bewundern wir Wehr und Mühle. Ein alter Mann mit noch älterem Hund gesellt sich zu uns und erklärt uns, dass die Mühle Strom produziere, „damals“ genug für ganz Hersleben – „Wir brauchten ja nicht viel“, heute fürs Netz.

Im nächsten Ort zieht der Gemeindearbeiter just ein paar Meter vor uns den von Kirstin er- und von ihm zerlegten Baum von der Trasse, vielen Dank auch.

Auf den asphaltierten Stücken geht es mit ein bisschen Unterstützung munter voran. Eine langgezogene Steigung locker und ohne viel Anstrengung hoch zu radeln, das ist schon etwas Feines und meilenweit entfernt vom mühsamen Keuchen von früher, in den Pedalen stehend, hin- und herschwankend. Erinnert ein bisschen an Lance Armstrong und Jan Ulrich, die bei der Tour de France „unseren“ Col de la Faucille hochradelten, locker, gelassen, dabei entspannt plaudernd. Aber die waren da gedopt. Wir sind höchsten high von den eigenen Endorphinen.

Monsieur macht mir ein Geständnis. Nein, kein romantisches, aber ein ehrliches. Er gesteht, dass er fest damit gerechnet habe, dass er nach dem ersten Tag alleine radelt, während ich mit dem Auto von Hotel zu Hotel hinterher reise. Da er aber so zerknirscht dreinschaut und sich genauso wie ich an meiner Freude erfreut, kann ich ihm das nicht übelnehmen. Mir bleibt ja immerhin die fröhliche Genugtuung, ihm das „Ich hab‘s ja gleich gewusst“ verbaut zu haben.

Aber alle Endorphine können gegen Mittag nicht so recht über ein kleines Hüngerchen hinweghelfen. An der Brücke in Ringleben steht ein Schild „Zum Engel“ in Hassleben. Na gut, hängen wir die paar Kilometer auch noch dran, auf Kopfsteinpflaster. Noch etwas, gegen das Endorphine auch nur begrenzt helfen. Früher, da dachte ich:  Kopfsteinpflaster, wie malerisch, wie romantisch altmodisch. Heute denke ich bei jedem einzelnen Pflasterstein: Oh-mein-ar-mer-Po! Und es sind viele Pflastersteine bis Hassleben und durch Hassleben hindurch zum „Engel“. Der dann zu hat, der Engel, denken wir. Tür zu, keine Stühle draußen, schade! Die hauseigene Landmetzgerei im Haus nebenan aber nicht. Also Planänderung: statt nett essen zu gehen, ein Wurstbrot auf die Faust. „Schon schade, dass drüben zu hat,“ sage ich zu der Verkäuferin, die abwinkt. „Gehen Sie nur hier durch in den Hof, wir haben auf.“

Im Hof stehen mehrere Tische, schon gedeckt und davor Stühle mit einer der genialsten Erfindungen – weichen Sitzkissen. Aaaah!

Die Dame kommt dann fröhlich mit der Karte und ihren Empfehlungen. Ich wollte ja schon immer das berühmte Würzfleisch probieren. „Bisschen Kartoffelbrei dazu?“ fragt sie, „frisch gemacht. Ist doch eh leckerer als Toast.“ Wo sie Recht hat…

Während wir essen, zieht es sich immer dunkler zu, so dass wir auf den Kaffee verzichten und die letzten Kilometer nach Sömerda in Angriff nehmen. Eine Herde Schafe als Straßensperre kommt uns noch kurz in die Quere, dann sind wir da.

Eine richtig schöne Etappe war das heute, 48 Kilometer mit allen Umleitungen und selbst gewählten Umwegen. Sehr stimmig.

Da ist es dann auch nicht so schlimm, dass mir unser Zielort, Sömerda, gar nicht so recht gefallen will.


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