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Streik!

Herbstlich nasses Laub raschelt unter dem Gewicht der Ardenner, letzte Regenreste tropfen von oben auf die Helme. Vor uns verschwindet der Weg im geheimnisvollen Dunkel undurchdringlich scheinender Wälder. Klingt klasse, nicht wahr, ist aber nur der Stadtpark Sömmerda auf seinen letzten Metern.

Das mit dem Gewicht der Ardenner ist eine freundliche Umschreibung für eine Frage, die uns die letzten Tage beschäftigt hat. Vorgestern, in Bad Langensalza z.B. habe ich schüchtern angefragt, ob ich eventuell, möglicherweise, vielleicht, etwa noch einen dritten Kloß zu meiner reichhaltigen Soße bekommen könnte. Kurz drauf wurden mir zwei(!) weitere Klöße gebracht, die ich – ohne rot zu werden und mit viel Genuss – verspeist habe. Schließlich hatten wir an dem Tag kein Mittagessen und die anderthalb Stücke Kuchen pro Person im „Schwesterherz“, ach, das zählt ja fast gar nicht. Gestern gab es ein Mittagessen und trotzdem wieder Klöße zum Abendbrot. Halt, das stimmt nicht ganz, Klöße gab es für Monsieur, bei mir waren es Semmelknödel (drei an der Zahl) zu den Pfifferlingen. In Sahnesoße…

Deshalb bewegt uns die Frage, ob die paarundvierzig Kilometer der Tagesetappen wirklich ausreichen, diese Kaloriensünden abzuarbeiten. Wir werden am Ende der Reise ein Resümee ziehen – und bis dahin weiter die thüringische Küche genießen. Auch wenn wir wahrscheinlich „Dorade mediterran: Makrelenfilet mit Paprika und Reis“ nicht enträtseln werden können.

Hinter Leubingen lernen wir ein neues Wort kennen: Flutmuldenkante. Auf deren Krone läuft inzwischen der Weg und ich bin beeindruckt, liegt doch die Unstrut brav und unschuldig gute sechs bis acht Meter unter uns. Noch beeindruckender ist die Tatsache, dass rechts von uns, landeinwärts in etwa fünfzig Meter Entfernung massive und hohe alte Erddämme laufen. Hätten wir der Unstrut gar nicht zugetraut, solche Flut-Eskapaden.

Von der Unstrut geht die Lossa ab, der wir durch ein, zwei Dörfer folgen, idyllische Ausblicke auf das Flüsschen inklusive. Kurz hinter Eltzleben passiert das Unerwartete: nicht ich werde von anderen überholt, nein, ich setze an und ziehe zügig an dem durchaus sportlich wirkenden Mann vorbei. „Hast du gesehen?“ rufe ich Monsieur zu, „ich habe einen anderen Radfahrer überholt.“ – „Und der hat noch nicht mal gestanden!“, kommt von Monsieur ein Daumen hoch. Hmmm, ich nehme das jetzt mal als ein Kompliment.

In Gorsleben lockt uns ein „Radler-Stopp“ in den Ort. Der Stopp ist zwar geschlossen, dafür stehen wir kurz darauf vor einer äußerst faszinierenden alten Hofanlage. Nebendran eine Kirche, von hoher Mauer umgeben, daran eine etwas makabre Sonnenuhr. Zeiger ist nämlich die Sense des Sensenmannes, der uns dann auch noch im mittelalterlichen Text ermahnt, dass unsere Stunde jederzeit kommen kann. Wir nutzen daher die Gunst der Stunde, um nach Heldrungen weiterzufahren.

Da hatte ich so ein Bild vor Augen, wie die Ardenner mit verhängten Zügeln über die Zugbrücke der Wasserburg sprengen, bevor wir uns und ihnen eine Pause gönnen. Aber da legt Corona die Lanze ein, postiert sich vor der Brücke und sagt: hier kommt keiner rein. Um das Ganze noch deutlicher zu machen, sind die schweren Flügeltore verrammelt und das kleine Seitentor auch. Also begnügen wir uns mit einmal drumherum fahren statt einfach mitten hinein. Beeindruckend ist die Anlage auch von außen.

Unsere kleine Rundreise hat uns abgebracht vom Hauptweg und als wir an einer Kreuzung in die Karte schauen, rollt ein Wagen heran. Ob er helfen könne, will der alte Mann wissen und bestätigt uns dann den kleinen Zickzack-Haken, den wir eh geplant hatten. Bevor er wegfahren kann – Ortskenntnisse und so – frage ich ihn noch schnell, ob es hier ein Restaurant gäbe. Da wirft er lachend die Hände in die Luft und macht eine verneinende Gebärde, bevor er losfährt.

Weshalb wir dann recht früh in Artern ankommen, weshalb Artern dann eine kleine Überraschung für uns bereithält. Unser Hotel ist nämlich nicht unten im Ort, sondern oben auf dem 191 Meter hohen Weinberg. Die Straße ist so steil, dass mein Ardenner beim Schalten plötzlich stehen bleibt und dann rückwärts rollt. Panik! Irgendwie bekomme ich den Ardenner wieder an den Zügel gestellt, metaphorisch, und dann ist es im niedrigsten Gang und mit höchster Unterstützung nur ein bisschen schwierig, da hoch zu radeln. Jedenfalls schaut der junge Mann, sein Rad schiebend, den ich überhole, so bewundernd, dass ich entschuldigend „Angebermodus!“ über die Schulter rufe. Hundert Meter weiter, etwas flacher, schießt er dann grinsend an mir vorbei „Eigene Muskelkraft!“

Im Hotel erhalten wir ein Zimmer im zweiten Stock – wegen der schönen Aussicht. Natürlich ohne Lift. Wir hieven die Fahrradtaschen und die eingetroffenen Koffer die Treppe hoch, öffnen die Tür und sehen die Aussicht – auf den riesigen Baum direkt vorm Fenster.

Macht aber nichts, denn von der Terrasse, natürlich zwei Treppen tiefer, ist die Aussicht da: auf Artern, seine zwei mittelalterlichen Kirchen und das neobarocke Rathaus mit der Bismarck-Figur im Erker. Die Kirchen werden eh geschlossen sein und für ein neobarockes Rathaus mit Bismarck-Figur im Erker fahre ich nicht nochmal den Berg zum Hotel hoch. Also rufe ich einen Streik aus und lasse Monsieur allein losziehen. Kunst (wenn man das denn so sehen will), kann ich auch von der Terrasse aus haben. Mit dem Kyffhäuser-Denkmal. Doch, doch, ihr müsst nur ganz genau hinschauen. Doch, doch, da rechts auf dem Berg. Genau! Richtig!


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