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Eine Scheibe abschneiden

Artern, eigentlich Monsieur, hält noch eine letzte Überraschung für uns parat: eine „Abkürzung“, die 12 Treppenstufen beinhaltet und einen steilen Trampelpfad eine Böschung hoch. Alles Teil eines Wanderwegs, für die Ardenner aber eher schwer, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber kaum sind wir wieder auf dem rechten Pfad (klingt sehr tugendhaft, nicht wahr), wird es wunderschön. Die weite Landschaft um uns herum, das Schnurren der Räder, das Rauschen der Pappeln als einziges anderes Geräusch, wir sind allein auf der Welt. Deshalb haut es mich vor Schreck fast aus dem Sattel, als von hinten ein Hallo! kommt, bevor ein Rennradfahrer an mir vorbeischießt.

In Schönewerda biege ich links ab, Monsieur schließt auf. „Willst du wirklich in den Ort? Oder hast du nur das Schild nach rechts übersehen?“ Da muss ich natürlich erst mal bis zur Kirche weiterfahren, geschlossen, klar doch, bevor ich ihm meinen Fehler zugestehe.

In Bottendorf ist er es dann, der uns abbiegen macht. Von unten, von der Unstrut aus, sieht man einen Burgturm. Den wollen wir erforschen, in der Hoffnung, dass es da vielleicht eine Burgschänke o.ä. gebe. Wir fahren hoch in den Ort. Dort gibt es alles: eine Burgstraße, eine Straße Zum Burggraben, eine andere Zur Burg – nur eben nicht den Turm. Irgendwann stehen wir auf Steinplatten auf einer Wiese vor der Kirche, umgeben von hohen Mauern. Wahrscheinlich duckt sich der Turm dahinter und wartet, bis wir wieder weg sind. Monsieur dreht und fährt los, da passiert es: es haut mich der Länge nach hin. Typisch Paonia, nicht dramatisch mit 35km/h aus der Kurve fliegen, nööö, fast im Stand beim Wenden einfach umkippen. Außer meinem Stolz kommt niemand und nichts zu Schaden, allerdings dauert es einen Moment, den Ardenner zum Aufstehen zu überreden. Monsieur, der von alldem nichts mitbekommt, wartet unten am Radweg auf mich. „Du hast eine Burg gut bei mir,“ meint er.

Die kann ich dann noch nicht einmal einlösen, denn wir dürfen die nächste Burg gar nicht anfahren. Wendelstein, hatte ich Monsieur Angst gemacht, da geht es richtig den Berg hoch. Aber zuerst kommt die Grenze. Wir verabschieden uns von Thüringen und rollen nach Sachsen-Anhalt. An der Unstrut, lange vor dem gefürchteten Berg, steht dann die Straßensperre mit der Umleitung. Die Straße ist nicht nur garniert mit den entsprechenden Verbotsschildern, es stehen, hintereinander gestaffelt, mehrere Reihen rotweißer Absperrungen. Hier meint es jemand offensichtlich richtig ernst mit dem „Ihr kommt hier nicht durch!“ Also nehmen wir statt des Lieserpfad-Ansatzes über den Berg hinüber den Unstrut-Ansatz unten durchs Tal bis Memleben, Klosterruine und Kaiserpfalz. Das stand schon lange vorher so angeschrieben. Im Ort selber prangt über zwei Hauswände „Klosterruine und Kaiserpfalz“, auf den Hinweisschildern, dem Besucherzentrum, den Eintrittskarten, überall verkündigen sie „Klosterruine und Kaiserpfalz“. Sogar auf dem Faltblatt zum Besuch steht noch Klosterruine und Kaiserpfalz. Innen drin sind sie dann etwas kleinlaut, weil, also, ja, nämlich, eigentlich, das gar nicht stimmt, das mit der Kaiserpfalz. Deren Lage hier ist nämlich gar nicht gesichert. Das hat der Herr Schinkel sich bei einem Besuch ausgedacht, als er die Ruinen der schon im Mittelalter abgebrochenen (und in der Klosterkirche recycelten) großen Kirche als Palastruine erkannte und sie flugs zum Beweis für die Existenz der Kaiserpfalz an diesem Ort deklarierte.

Schön ist es trotzdem, das Gelände, wir sitzen im Schatten romanischer Bögen bei einem kleinen Imbiss, Stärkung für die letzten Kilometer und den Höhepunkt – in mehrfacher Hinsicht – des heutigen Tages.

Nicht Nebra ist unser Ziel, unser Hotel liegt kurz davor in Wangen. Wir hatten noch hin und her überlegt, ob erst Hotel, dann Museum oder erst Museum und dann Hotel. Erweist sich als überflüssig, das Hotel liegt am Fuß der Rampe zur Arche Nebra. Also nehmen wir den Ardennern die Satteltaschen ab und gönnen uns eine kleine isotonische Stärkung, bevor es steil den Berg hoch geht, erst einmal am Museum vorbei zum Fundort der Scheibe. Der Turm dort wirkt leider ziemlich furchtbar und völlig fehl am Platze. Die ganze Symbolik, die Ausrichtung zur Sonnwende kann mir leider nicht darüber hinweghelfen, dass man einen potthässlichen Betonklotz mitten in eine Waldlichtung mit frühzeitlicher Ringwallanlage geknallt hat. Also macht Monsieur ein paar Fotos und dann sausen wir die mühsam erklommenen Höhenmeter wieder hinunter zum Museum.

Das Museum ist dann eine ähnliche Erfahrung wie in Bramsche mit dem Varusschlacht-Museum. Sie haben eigentlich nichts, was sie zeigen können, aber das verkaufen sie ganz gut. „Seit 3600 Jahren kann sich die Welt hier eine Scheibe abschneiden, Sachsen-Anhalt“, wirbt die Landesregierung direkt vor der Tür. Im Inneren erfahren wir viel über andere Sonnenobservatorien und bekommen im Planetarium die Symbolik und Bedeutung der Scheibe aufgedröselt.

Seltsame Objekte mit Glaslinsen erlauben Blicke auf das Herstellungsverfahren, die Sicheln und Kreise der Scheibe drehen sich in einem riesigen Mobile, wie zugekifft wirkende hyperaktive Schamanen springen in optischen Theatern umher und erzählen so viel so schnell, dass ich nach ein paar Augenblicken nicht mehr zuhören mag. Wissen wird trotzdem an mich herangetragen, denn es laufen drei oder vier Führungen um mich herum. Am schönsten finde ich den eher privaten Abschluss einer Führerin, nachdem sie die abenteuerlichen illegalen Wege der Scheibe aufgezeigt hatte. „Und nu? Letztens waren sie im Fernsehen, die zwei. Job weg, Ehe kaputt und pleite dazu – neee, das hättense sich nich träumen lassen damals. Wennse des gewusst hätten, hättense se liegen lassen, die Scheibe.“ Wäre aber auch irgendwie schade gewesen, nicht wahr?

Zutiefst beeindruckt radeln wir bergab zum Hotel. Es ist wieder ein historisches Haus, wir sind wieder im zweiten Stock untergebracht und es gibt wieder keinen Aufzug. Aber ein sehr netter Mensch hat unsere Koffer schon die 56 engen Holzstufen hochgetragen und in unser Zimmer gestellt. Toller Service, da könnten die anderen Hotels sich mal eine Scheibe abschneiden.


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