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Eigentlich sollte ich

Eigentlich sollte ich „Eigentlich sollte ich…“-Sätze gar nicht erst schreiben.

Die klingen schon vom ersten Wort an nach verpasster Chance, nach „hätte ich doch“ und „wäre ich bloß“.

Das stimmt natürlich und auch wiederum nicht.

Eigentlich sollten wir jetzt in Bordeaux sein, ein Geburtstagsgeschenk einlösen, das wir Anfang Juni, im ersten Überschwang des aufgehobenen Hausarrests verschenkt haben. Drei Tage Bordeaux, Kultur und art de vivre, Klimt-Widerschein im Wasser eines Marine-Hangars, Bummeln, kleine Bistros, Museen und natürlich Wein.

Hatten wir auch fest vor, bis die zweite Welle über Frankreich fegte und die Covid-Neuerkrankungen auf über 10 000 pro Tag anstiegen. Bis alle Autoritäten vor nicht notwendigen Reisen warnten, bis uns die Rückkehr aus Aquitanien (auf der roten Liste der Schweiz und der BRD) jeden potentiellen Grenzübertritt  unmöglich gemacht hätte.

Na gut, dann setzen wir uns mit unserer Freundin eben auf unsere Terrasse und öffnen eine Flasche Bordeaux, hat ja auch viel Schönes.

Fahren statt ans Meer zum Wandern in die Alpen, wobei die ersten paar Hundert Höhenmeter freundlicherweise von einer Seilbahn übernommen werden sollten. Dachten wir.

Das allerdings wird nicht passieren. Schon ein Blick aus dem Fenster zeigt uns Genf in Wolken gehüllt, selbst der Salève, direkt hinter der Stadt, ist kaum auszumachen. Und der Mont Blanc? Welcher Mont Blanc? Hier gibt es keinen Mont Blanc zu sehen.

In die Alpen zu fahren, wenn die Alpen ein einziges „Eigentlich sollten hier“ sind – ach, nein danke.

Also besinnen wir uns ganz weise auf „weniger ist mehr“ mit dem Jura. Um die Dôle ein bisschen ärgern, denken wir den Mont Tendre an, genau zwei Meter höher und damit höchste Spitze auf der Schweizer Seite der Kette. Allerdings ist das auch so ein „eigentlich könnten wir“, denn wir wollen so lange auf dem „Chemin des Crêts“ laufen, wie wir Spaß dran haben, ehrgeizige Ziele haben wir nicht. Großartige Erwartungen an Alpen-Panorama und Fernsicht auch nicht. Das führt dann dazu, dass wir auf dem Weg, der anfangs juraseitig läuft, die weiten Blicke über sanfte Jurawälder durchaus genießen. Der leichte Dunst wirkt wie ein Weichzeichner und die treibenden Nebelfetzen ignorieren wir einfach.

Schön ist der Aufstieg und ärgerlich. Es ist ja schon schlimm genug, dass es in den Bergen meist bergauf geht. Aber, dass dann in langen Anstiegen immer mal steile Abstiege kommen, die die ganzen mühsam erarbeiteten Höhenmeter wieder dahinschwinden machen, das macht mich ziemlich missmutig. Völlig frustriert bin ich, als nach einem wirklich steilen Aufstieg am Chalet groß die Zahl 1414 prangt, denn losgegangen sind wir bei 1480 m. Bevor ich jedoch zu sehr herummosere, schaut Monsieur genauer hin und kann mich beruhigen: 1414 ist nicht die Höhe des Chalets, das ist die Notrufnummer der Bergwacht, wir sind auf gut 1580 Metern Höhe. Blick hat man vom Chalet aus in Richtung Alpen auch nicht, höchsten ein schattenhaftes Ahnen, dass da hinten, in der Ferne, in den weißen Wolkenwänden vielleicht ein paar Bergmassive versteckt sind. Wir gönnen uns Nahsicht und beobachten eine junge Kuh, die mit ihrer Zunge und viel Geschick mitten aus der Silberdistel die süße Blüte herausholt. Den stachligen Blätterkranz drumherum lässt sie stehen.

Ein paar An- und Abstiege weiter kreuzen wir ein asphaltiertes Sträßchen, das sich hoch zum nächsten Crêt schwingt. Im Schatten des Waldrandes parkt ein großer Geländewagen, ein Paar steigt aus. Er breitet eine Plastikplane aus, sie nimmt eine Spitzhacke aus dem Kofferraum. „Hoffentlich verscharren die nicht die Schwiegermutter,“ flüstere ich Monsieur zu, leise, aber nicht leise genug. Der Mann schaut uns durchdringend an. „War nur ein Scherz,“ entschuldigen wir uns. „Das will ich meinen,“ sagt er und produziert eine doppelte so große Hacke aus den Tiefen des Wagens, „für die Schwiegermutter würde ich natürlich die hier nehmen.“ Da wir alle darüber lachen, ordnen wir das unter „nur Spaß gemacht“ ein.

Spaß und Freude an seiner Arbeit hat wohl auch der lokale Milchbauer. Das, was wir aus der Ferne für ein Wegkreuz oder einen seltsamen kleinen Altar gehalten hatten, entpuppt sich als Geschäftsidee. Die Ziegenkäse sind schon ausverkauft, aber Postkarten sind noch zu haben. Wenn jemand mit so viel Liebe und Begeisterung die Schönheit seiner Kühe festhält, dann hat er unsere Unterstützung verdient.

Es geht weiter über das asphaltierte Sträßchen, das irgendwie etwas deplatziert wirkt, hier zwischen den Jurawiesen. Des Rätsels Lösung kommt hinter der nächsten Kurve. „Vorsicht, Minen!“, warnt Monsieur und ich denke zuerst an Kuhfladen, bis ich sie selbst sehe. In Vierer-Reihen angeordnet, fünf Reihen tief hat die Schweiz dieses Sträßchen vermint. Wahrscheinlich für den Fall, dass französische Milchkühe einen Angriff auf die Schweiz planen. Die militärischen Bauten stehen ein paar Meter weiter. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir hier auf das „Top secret“-Weltraum-Programm der Schweiz gestoßen sind, Apollo 8 ½ vielleicht. Oder ob hier jemand irgendwie irgendwas kompensieren will.

Wie auch immer, wir haben genug gesehen für heute und machen uns auf den Rückweg. „Jetzt geht es nur noch bergab,“ motiviert Monsieur seine angemüdete Wanderin. „Bis auf das fiese steile Stück kurz vorm Parkplatz.“ – „Das ist noch eine Stunde hin,“ winkt Monsieur ab, „so lange im Voraus kann ich mich nicht fürchten.“

Ich habe sie natürlich geschafft, diese letzte Steigung. Zu wissen, dass am Ziel eine Blaubeertarte auf mich wartet, war dabei eine nicht zu unterschätzende Motivationshilfe.


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