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Joseph Grün

Unsere italienische Freundin überraschte uns am Anfang unserer Freundschaft mit ihrer überschwänglichen Begeisterung für Henrico Boëllo. Wie sehr sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Deutsch gut genug sei, dass sie die Werke dieses berühmten deutschen Schriftstellers – und noch dazu Literaturnobelpreisträgers – im Original lesen könne. Irgendwann haben wir uns zusammengerechnet, wen sie meinte und revanchierten uns mit Komplimenten zum noch viel berühmteren italienischen Komponisten Josef Grün.

Josef Grüns Werke schätzen wir sehr, die Musik zumindest, Opernlibretti darf man meist nicht zu sehr auf ihre literarischen Qualitäten abklopfen, vom Frauen- und Gesellschaftsbild wollen wir gar nicht erst anfangen.

So sehr wie wir Joseph Grün auch schätzen, dass er der Erfinder der „Grün-Straße“ ist, glauben wir dann doch nicht.

Diese Grünen Straßen, die „voies vertes“, sprießen in den letzten Jahren in Frankreich förmlich aus dem Boden. Eine der ältesten läuft am Westufer des „lac d’Annecy“, eingebettet in die Savoyer Alpen. Die alte Eisenbahnstrecke wurde zum Fahrradweg umgebaut und bietet Radelspaß mit Blick auf blaues Wasser, majestisches Alpengrau und weiße Schneekappen. Das Ganze bei frühlingshaften 18°, was einer der Gründe für diesen Radausflug war. Der andere ist leider nicht so schön. Unser Departement hat eine Inzidenz von 323, bei 325 schließt Herr Macron die Haustür ab und legt die betroffenen Departements an eine 10 Kilometer lange Hundeleine. Was sicherlich in den nächsten Tagen alle weiteren Ausflüge unterbinden wird.

Aber bevor wir das Westufer entlangradeln können, müssen wir erst auf dem Ostufer bis zum Ende des Sees kommen. Das heißt sogar „Bout du lac“, obwohl es genaugenommen der Anfang ist, denn der See hat seinen Ausfluss in Annecy selbst, mit dem Thiou, dem wohl kürzesten Fluss Frankreichs. Nach noch nicht mal vier Kilometern mündet er in den Fier. Aber er schafft es tatsächlich, sich auf diesen knapp vier Kilometern noch einen Nebenfluss einzuverleiben, den Ruisseau des Trois Fontaines, das Drei-Brunnen-Bächlein. Wusste ich vorher alles noch nicht.

Und da soll mal einer sagen, dass Radfahren nur etwas für die Kondition tut.

Das Ostufer ist nicht so gut ausgebaut, gelegentlich muss man sich mit LKWs und Bussen die sehr schmalen Sträßchen teilen, es ist halt nicht einfach mit der Infrastruktur, wenn rechts der See und links der Berg ist. Dafür gibt es den Blick aufs Wasser und wunderschöne alte Häuser, von großbürgerlicher Sommerfrische-Villa bis zu urigen Bauernhöfen.

In Talloires machen wir Mittagspause, les pieds dans l’eau, fast, ganz so warm ist es doch noch nicht. Schauen mit Wehmut zur Auberge und Cottage des Père Bise hin, dem wir einige schöne Erinnerungen und eine Erkenntnis zu verdanken haben. An einem der eher ungeraderen Hochzeitstage sitzen wir bei einem vorzüglichen Menü und einem ausgesuchten Glas Wein auf der Terrasse direkt am See, schauen hoch zu den Zweieinhalbtausendern des Tournette Massivs über uns. Wissen grinsend, was das Gegenüber denkt: dass wir in den ersten Jahren mit einem Butterbrot da oben gesessen und mit einer gewissen selbstgefälligen Herablassung auf die bequemen Feinschmecker da unten herabgeschaut hätten. Dass wir aber heute völlig neidfrei und voller Großzügigkeit dieses Bergerlebnis anderen gönnen können. Wir scheinen im Alter sehr viel Toleranz erworben zu haben.

Heute gibt es dank Corona Butterbrot aus der Brotdose, auf einem Bootssteg, sehnsüchtig beäugt von einem Schwanenpaar. Der Schwanenhals schießt dann zwar vor Richtung Brotdose, aber zum Glück ist Monsieur schneller.

Nach knapp drei Stunden sind wir wieder am Parkplatz, 39,7 Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, 41 mein Tacho.

Da weiß ich doch, wem ich lieber Glauben schenke…


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