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Osterblumenstrauß

Oder: Oups, he did it again.

Es war nicht wirklich eine Überraschung, was Herr Macron da verkündete, am Mittwoch. Ein bisschen frech fand ich nur, dass er uns nicht klipp und klar zugestand, wie schwierig das Eingesperrt-Sein sei, sondern vielmehr betonte, wie weniger schlimm das ja nun alles sei, verglichen mit März oder November 2020. Nicht ein, nicht zwei – nein zehn Kilometer Länge hat unsere Hundeleine nun, da sollen wir doch froh und dankbar sein. Und nicht eine Stunde Ausgang hätten wir, nein, wir dürften uns so lange draußen aufhalten wie wir wollten, allerdings – aufgepasst! – um 19 Uhr, da sollten wir wieder zuhause sein, Ausgangssperre ist nämlich immer noch.

Das Ganze gilt ab Samstag, 24 Uhr, eigentlich, uneigentlich aber ab Ostermontag, denn irgendwie müssen die Leute, die schon in Osterferien sind schließlich nach Hause kommen dürfen.

Achja, den Entschuldigungszettel vom letzten Mal, in dem wir akribisch auf- und unterschreiben mussten, wer wir sind, wo wir wohnen und warum, bitte schön, wir eigentlich und seit wann dieses Zuhause verlassen hätten, den bräuchten wir dieses Mal auch nicht, dafür sollten wir dann doch bitte ein „justificatif de domicil“ dabei haben. Wer Frankreich kennt, weiß, dass es die Strom- oder Telefonrechnung tut, die hier als hochoffizielle Anmeldebescheinigung Dienst schiebt.

Wir sind ja sehr gut- und langmütig, aber diesmal dachten wir: Nein! Bevor uns Herr Macron unseren traditionellen Osterspaziergang, die Blümchen-Guck-Wanderung auf dem Vuache, deutlich mehr als zehn Kilometer entfernt, klaut, da büxen wir aus und verlegen das Ganze vor auf Freitag.

Der Vuache ist nicht so richtig hoch, er kommt mit Anstrengung auf 1101 Meter. Da wir aber in Chaumont parken, bei 600 Meter, kommt da doch so einiges zusammen, wie etwa 400 Höhenmeter auf den ersten anderthalb Kilometern. Das Ganze auf einem Weg, der eher einem trockenen Sturzbach ähnelt. Monsieur findet, das sei ein sehr schöner Weg, ich dagegen empfinde es als eine üble Schinderei, die so gar nichts mit Spaziergang zu tun hat. Als wir auf der traditionellen Picknickwiese ankommen, habe ich zum Glück gar keine Luft, um meinem Unmut eben diese zu machen.

Ein leckeres Sandwich und einen Apfel weiter sieht die Welt ein bisschen besser aus. Das Alpenpanorama ist zwar nicht zu sehen, sehr diesig, tut trotzdem das seine, um die Laune zu verbessern.

Richtig gut gegen schlechte Laune sind die kleinen, gerade gekeimten Bucheckern. Niedliche kleine Ballerinchen, tanzen sie zu Füßen der alten Bäume und können sicherlich gut „Wenn ich mal groß bin“ träumen.

Kurz darauf sind wir am Waldrand und damit beim Grund für diese Wanderung: tausende von Hundszahnlilien, Osterglocken, Lerchenspörnen (?), Scilla und Gelbsternchen rollen einen bunten Teppich zu unseren Füßen aus. Ein wahrer Osterblumenstrauß. Die Grundfarbe legt die Vinca mit ihren dunkelgrünen Blättern, deren Blüten sich hier nicht mit ihrem hellen Blau begnügen, hier weben sie Blütensterne in dunklem Purpur und blassem Lila dazwischen. Diesmal liegt es nicht an der – inzwischen moderaten – Steigung, dass wir nicht weiterkommen, diese Schönheit muss gebührend bewundert und festgehalten werden. Die Blütenpracht wird abgelöst durch weite Bärlauchflächen. Es dauert ein paar Momente bis mir klar wird, woher meine plötzliche Lust auf Garnelen mit Aioli oder Lammkeule mit Kräuterkruste kommt.

Irgendwann erreichen wir unser Ziel, den überaus unbeeindruckenden Tumulus, der die 1101 Meter hohe Bergkuppe krönt. Dieser Steinhügel wird von Jahr zu Jahr höher und es gibt Gerüchte, dass der Vuache vor dieser Aktion nicht über die 1096 Meter hinausgekommen wäre.

Für den Rückweg nehmen wir dann nicht den Sturzbach, sondern laufen im weiten Bogen bis nach Cortagy. Breite Holzabfuhrwege verlassen wir zugunsten romantisch-moosüberwucherter alter Pfade. Ich bilde mir da immer gerne ein, dass hier schon seit Jahrhunderten die Bauern mit ihren Eiern oder ihrem Käse zum Nachbardorf gelaufen sind.  Monsieur hebt einen vom Sturm abgerissenen Mistelzweig auf, danach wird es sogar noch romantischer.

Als uns Mutter Natur am Waldrand auch noch mit Morcheln überrascht, bin ich fast versucht, Herrn Macron dankbar zu sein, dass er uns quasi den Freitag aufgedrängt hat. Am Sonntag wären die Pilze bestimmt nicht mehr da gewesen. Wie gesagt, fast. Ganz so weit würde ich dann doch nicht gehen.

Nach fünf Stunden, elf Kilometern und vielen, vielen Bildern kommen wir wieder am Auto an.

Bärlauch und Morcheln haben wir gefunden, wo ich zuhause Eier finde, weiß ich.

Das Abendessen ist gesichert.


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