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Abenteuerspielplatz

Gestern, zum Nistplatz der Luftwaffe, da ging die Luftwaffenstraße in ordentlichen Serpentinen hoch auf 1800 Meter. Das kennen wir aus den Alpen, das können wir. „Normale“ Sträßchen in Madeira betrachten Kurven als völlig überflüssig und streben schnurstracks den Berg hoch, im senkrechten Winkel zu den Höhenlinien und ebenso – gefühlt – senkrecht nach oben. Unser kleines Mietauto ist ein bisschen schwach auf der Brust, so rührt Monsieur meist in den ersten beiden Gängen herum. Gelegentlich packt uns die Angst, dass der kleine Wagen mit einem Seufzer aufgibt und wir einfach nur noch rückwärts wieder bergrunter rollen.

Diese winzigen Straßen werden gesäumt von einem Feuerwerk an Blumenpracht. Von rechts und links nicken Agapanthen in blau und weiß, unterstützt von den Schneebällen weißer Hortensien, überschattet von den Blütenkerzen des Natterkopfes. Ein Fest für die Augen, Abblenkung vom Steigungswinkel des Sträßchens vor uns, das uns zum Wanderparkplatz – „Bist du dir da ganz sicher?“, fragt Monsieur mehrmals – führen soll. Nach dem winzigen Sträßchen ist der riesige Parkplatz, mit offener Schranke und Leuchtschrift „libre“, eine große Überraschung.

Wir sind nicht die Ersten und schon gar nicht die Einzigen, die ihre Wanderschuhe anziehen. Zwei Wege starten hier, einer die „Levada für alle“, ein breit angelegter, Kinderwagen-geeigneter Spazierweg und der andere unser Abenteuerspielplatz für heute, die Levada Caldeirão Verde. Im 18. Jahrhundert aus dem Felsen geschlagen, lässt sie uns heute staunen – und gelegentlich erschaudern – ob des schieren Durchhaltevermögens, das solch ein Projekt erforderte.

Der Anfang ist englischer Parkweg vom feinsten. Breite Waldwege, über die Jahrhunderte alte Baumriesen das Netz ihrer knotigen Wurzeln weben, wunderschön. Es wird zunehmend enger und dann kommt, was Levada-Wandern etwas speziell macht. Wir kleben an der nackten Felswand. Links das Bett der Levada, über uns der gewölbte Fels, aus dem es gehauen wurde und rechts ein paar Hundert Meter nichts. Dazwischen ein Stahlseil, gespannt zwischen grünen Pfosten. Das Nichts ist hübsch begrünt mit Orchideen und Farnen, aber nichtdestotrotz sehr beeindruckend leer. Der Steg der Levada ist etwa 35 Zentimeter breit, gerade weit genug, um zwei Füße (Schuhgröße 41, zugegebenermaßen) nebeneinander zu setzen. Auf den Teilstücken, an denen ein Pfad neben der Levada verläuft, laufen wir auf dem Rand, ohne Probleme und ohne Schaudern. Aber da, wo das Geländer andeutet, dass nur es zwischen uns und Hunderten von Metern Nichts ist, da sind wir doch ganz dankbar für diese psychologische Unterstützung.

Aber die Strecke bietet noch mehr Abenteuerspielplatz. Etwa in der Mitte des Weges kommen die Tunnel. Man solle eine Taschenlampe mitnehmen, war der erste Tipp. Damit das Tunnelabenteuer etwas lustiger wird, steht in den Tunneln Wasser. Manchmal nur kleine Pfützen, manchmal große Pfützen und manchmal weiß ich nicht, wie tief das Wasser ist. Das ist nämlich der zweite Tipp: die Lampe nicht auf die Füße richten.

Damit das Tunnelabenteuer noch spannender wird, variiert nämlich die Deckenhöhe, von bequemen zwei Metern Höhe auf knappe 1,60m und allem, was so dazwischen liegt. Natürlich ohne Vorwarnung, weshalb man die Lampe auf die Decke richten soll, um alle kantigen Felsvorsprünge rechtzeitig zu sehen. Wir kommen unbeschadet durch, aber beim Rückweg sehe ich an einer Felsnase ein Büschel Haare kleben. Das tut schon vom Hinsehen weh.

Zuviel Abenteuerspielplatz sind die zwei Wasserfälle, die die Levada kreuzen. Im donnernden Wasserfall auf glitschigen, moosüberwachsenen Steinen zu balancieren, das traut uns – zum Glück – niemand zu. Da gibt es dann kleine „Umleitungen“, die eine über 52 Treppenstufen (der größte Höhenunterschied für heute) rauf und runter durch das Bachbett unterhalb des Wasserfalls, die andere eine bequeme kleine Brücke über den Bach. Apropos Brücke, die gibt es auch für das Wasser. An einer Stelle führt eine „Wasserbrücke“ das Levada-Wasser quer über einen anderen Bach. Wie gesagt, man kann nur bewundern, welche Mühe und Arbeit in diesen Wasserleitungen steckt.

Nach gut zwei Stunden sind wir am Ziel, dem „grünen Kessel“ mit Bergsee und Wasserfall. Aus der Ferne sieht es aus wie der Brutfelsen einer Vogelkolonie. Auf jedem Felsvorsprung hockt ein Wandervogel (oder natürlich auch eine Wandervogelin), die Beine ausgestreckt, das Gesicht der Sonne zugewandt. Die meisten mampfen fröhlich etwas Mitgebrachtes und genießen glücklich und still das majestätische Schauspiel. Bis irgendein Idiot seine Drohne auspackt und alle anderen damit nervt.

Der Rückweg ist vorgegeben, aber trotzdem spannend und anregend. Die Ausblicke auf das Tal sind anders, das Licht fällt im anderen Winkel auf die schroffen Spalten der Vulkanberge. Was gleich bleibt, ist die musikalische Untermalung. Die Levada selber fließt so gleichmäßig und still, die hört man kaum. Aber die Wasserharfe der aus den moosgrünen Hängen fallenden Tropfen bildet eine stete Begleitung, gelegentlich schwillt sie an, wenn wir unter einer kleinen willkommenen Dusche durchmüssen. Die Wasserfälle steigern dann das sanfte Lied zu einem mächtigen Crescendo.

Es geht uns richtig gut, als wir wieder zum Parkplatz zurückkommen, wo wir mit Erstaunen sehen, dass nun die Schranke geschlossen ist und Autofahrer Parktickets in die Säule stecken. Ein „Parkranger“ sieht unser Problem und winkt uns in sein Office. Bis 12 Uhr sei der Parkplatz kostenfrei, ab Mittag müsse man bezahlen, meint er und händigt uns ein Ticket für die verbleibende Zeit aus. Was er nicht sagt, was aber deutlich in der Luft steht, ist, dass echte Wanderer natürlich so früh losgegangen wären, dass sie vor zwölf Uhr schon wieder zurück wären.

Das haben wir uns jeden Morgen überlegt, aber bis jetzt war es immer so kalt gewesen, dass uns zehn Uhr immer noch früh genug erschien.

In unserem heutigen Hotel angekommen – mit beheiztem Pool, eine Wohltat für müde Muskeln – wird uns mitgeteilt, dass Corona-bedingt Frühstück in zwei Schichten serviert wird und der frühe, der Acht-Uhr-Termin schon ausgebucht sei.

Sieht so aus, als ob das morgen wieder nichts wird mit dem früh loskommen.

Glück gehabt.


2 Kommentare

  1. Gabi München sagt:

    Der erste Absatz könnte von mir sein. Unser Auto damals nannten wir Schnauferl und ich hatte auch immer Angst, dass wir gleich rückwärts runter rollen.

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