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Geschenkt

Irgendwie, irgendwie war mir das schon komisch vorgekommen mit den Wochentagen. Irgendwie, irgendwie wusste ich, dass da irgendetwas nicht übereingeht.

Gestern Abend sitzen wir auf der Terrasse dieses sehr schönen Hotels und überlegen, ob wir nicht statt der drei Nächte in Funchal lieber noch eine hier anhängen und dafür Funchal auf zwei Nächte abkürzen sollen. Wahrscheinlich war es schon recht spät, als wir beschlossen haben, dann doch die drei Nächte Funchal stehen zu lassen und morgen hier auszuchecken.

Heute Morgen schaue ich noch schnell nach der Adresse des Funchal-Hotels und da begrüßt mich die Hotelseite freundlich mit: Hallo Paonia, wir freuen uns dich morgen bei uns…

Moment mal!

Morgen?

Hoppla! Und wo schlafen wir heute Nacht?

Wir fragen an der Rezeption nach, ob wir hier eventuell eine Nacht länger bleiben können, da strahlt die nette Frau uns an: „Aber Sie sind doch ohnehin bis morgen bei uns gebucht.“

So lösen sich manche Probleme wie von selbst.

Zu meiner Rechtfertigung muss ich sagen, dass mir immer bewusst war, dass wir ab dem 15.6. in Funchal sein werden. Nur irgendwie hatte ich völlig aus den Augen verloren, dass der 15. ein Diens- und nicht der Montag ist.

Somit habe ich uns einen weiteren Tag hier geschenkt (gebucht und bezahlt) und damit eine weitere Wanderung. Allerdings nicht die im Programm geplante.

Kleiner Exkurs: im Vorfeld zu dieser Reise hatten wir überlegt, ob wir wohl inzwischen alt genug wären für Gruppenreisen. Hat ja viele Vorteile: man lernt neue Leute kennen, kann sich austauschen und hat einen Reiseleiter, der solche Dummheiten wie oben abfedert.

Was uns abgehalten hat, war der gruppendynamische Zwang, früh morgens gestiefelt und gespornt in der Lobby zu stehen und gut gelaunt zu sein. Oder zumindest eine glaubhafte Version von guter Laune auszustrahlen. Fällt mir umso schwerer je früher es ist.

Und natürlich die Tatsache, dass man nicht schummeln kann. Für heute geplant war nämlich eine Wanderung bei Fontes. Ein Blick auf das Höhenprofil der Wanderung – 500 Höhenmeter steil hoch, einmal oben „Ah“ und „Oh“ und auf demselben Weg 500 Höhenmeter wieder runter – und mir war klar: das möchte ich nicht. Also haben wir geschwänzt und uns diese Wanderung geschenkt. Haben dafür als Tipp von zwei Wanderfrauen den Weg von Wanderparkplatz Bica da Cana zum Pinaculo gemacht.

Eine kurze Wanderung, die aber so viel zu bieten hat. Erstmal die Erfahrung, dass es auf 1500 Metern im dichten Nebel doch etwas kühl ist. Dann die Erkenntnis, dass ein Weg nicht unbedingt an einer Levada entlang führen muss, um links senkrecht ins Nichts zu fallen. Außerdem, dass Ginster und Margeritenbäume einen feinen, schelmenhaften Sinn für Humor haben und gerne die gesammelten Nebeltropfen in Blusenausschnitte abschütteln.

Der Weg führt verwunschen schön über Stock und Stein und Felsen durch moosbärtige Wälder und flechtenverhangene Gebüsche. Wasser ist in der Luft, auf den Ästen, rinnt in den Kragen. Das ist aber nur die Aufwärmübung, denn richtig nass wird es an der Levada. Die hat keine Quelle, ihr Wasser sammelt sie von den Felswänden über ihr. Überall tropft, rieselt und plätschert es, in die Levada, aber hauptsächlich auf den Weg. Wir laufen durch feinen Sprühnebel – so gut für den Teint -, da legt die Levada noch eins drauf mit gleich drei mal Dusche auf dem Weg auf kaum hundert Metern. Natürlich sind wir gerüstet mit Regenponchos, was bedeutet, dass wir beim platschenden Wasserfall zwar mit trockenen Schultern aber klatschnassen Hosenbeinen davonkommen. (Ich kann hier schon verraten: auf dem Rückweg genauso).

Das Ziel dieser Wanderung ist der Pinaculo, eine Lavaspitze vom letzten Ausbruch vor ein paar Tausend Jahren. Den finden wir im dichten Nebel aber nur eher zufällig, weil da ein Weg von der Levada wegführt. Wir sehen nicht wirklich viel von ihm und können also nicht so recht beurteilen, wie oder ob er überhaupt beeindruckend ist.

Nach einem zweiten Duschgang folgen wir links dem Klettersteig auf die Hochebene. Es ist stellenweise mehr Kletterei als Wandern und ich bin jedem Ginstersträuchlein dankbar, dass mir Halt und Unterstützung bietet. Das ist die Art Weg, die ich viel lieber bergauf als bergab nehme.

Auf der Hochebene bekommt der mannshohe Ginster Unterstützung von seinem stachligen Freund, den nicht umsonst so genannten Stechginster. Wir kämpfen uns durch das Gestrüpp, Sichtweite nur ein paar Meter, dafür wildromantisch treibende Nebelschwaden, einfach wunderschön.

Kurz vorm Wanderparkplatz geht rechts ein Weg ab, zum 100 Meter höher liegenden Aussichtspunkt Bica da Cana.

Aussichtspunkt? In dem Nebel?

Haben wir uns geschenkt.


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