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Kabarett

Ab heute sind wir ja keine Wandersleut‘ mehr, ab heute sind wir „nur noch“ Touristen.

Die dann halt so tun, was Touristen halt so tun. Von Örtchen zu Örtchen trödeln, wobei uns die meisten nicht so recht gefallen.

Auf der Schnellstraße kommen wir endlich mal gut voran. Für touristische Zwecke ist sie allerdings völlig ungeeignet, da sie zu 80% durch Tunnel geht – schnurstracks und damit die einzige Möglichkeit zum Überholen bietet. Das wird auch eifrig genutzt, meist von Einheimischen, die von langsam daher trödelnden Touristen genervt sind. Die restlichen 20% der Schnellstraße sind Kreisel im Freien, an denen unser Navi verzweifelt versucht uns und sich wiederzufinden. An diesen Kreiseln biegen wir ab zu den Küstenorten, wo zwar Katzen Polizeischutz genießen, die geschlossenen Hotels aber eher gepflegte Tristesse ausstrahlen. Zum Glück gibt es keine hässlichen Bettenburgen an der Küste. Die einzige, ziemlich scheußliche Riesenanlage – mit einem eigenen Pier ins Meer – entpuppte sich beim Näherkommen als Zementwerk mit eigener Verladestation. Wobei das scheußlich stehenbleibt.

Ganz anders in Câmara de Lobos, wo ein Dorffest ansteht und jede Seitengasse ihre Nachbarin ausstechen will mit fröhlichem Schmuck. Das ganze Dorf ist eine kleine Kunstausstellung, dazu kommen noch die traditionellen Bilder vom Hafen mit bunten Fischerbooten – was will man als Tourist mehr?

Vielleicht noch ein bisschen Nervenkitzel auf Europas höchster Klippe, wo man – so man sich traut – auf den gläsernen Sky-Walk treten und 589 Meter tiefer das Meer bewundern kann. Allerdings ist der Sky-Walk ein paar Meter breit und hat ein sehr hohes Glasgeländer. Da kommen nach unseren 45 Zentimeter breiten Levadas, mit ihren Abgründen ganz ohne Geländer nicht so richtig die Schauder auf.

Wir fahren dreimal durch Funchal, weil unser Navi nicht schnell genug ist, uns die erste Straße hinter dem Tunnel (schmal, steil, gepflastert, ich hielt die für eine Garagenausfahrt) anzuzeigen.

Abends schlendern wir am Kai zum Hafen und von dort in die Altstadt. Unser Wanderführer hat uns ein kleines Lokal empfohlen, das sich aber als Sandwich-Bar entpuppt. Das nebendran sieht ganz gut aus, ist aber noch geschlossen und das nächste hat eine interessante Karte. Kaum bleiben wir stehen, kommt eine junge blonde Frau angeschossen und meint, sie hätte die Karte auch auf Englisch, kann gerade noch die fotokopierten Blätter wieder einfangen und zeigt auf einen Tisch. Normalerweise mögen wir diese Art von Anmache überhaupt nicht, aber sie wirkt so sympathisch verpeilt, dass wir annehmen.

So beginnt unser Kabarett-Abend.

Monsieur bestellt einen trockenen Madeira, ich Aperol-Spritz. Apero, ja das kenne sie, aber Spritz, nie gehört, was das denn sei. Ich solle doch mal in die Bar gehen und selber nachschauen.

Gut, Aperol haben sie nicht, aber Pernod. Ich gebe genaue Anweisungen, drei Eiswürfel, Wasser daneben zum Selber-Mixen und setze mich wieder. Was kommt, ist ein Longdrink-Glas, halb voll mit Pernod, die mit gelieferte Menge Wasser reicht kaum zum Verdünnen. Unser Essen ist schnell gewählt, etwas Fischiges und etwas mit vielen Armen, Monsieur fragt nach der Weinkarte. Die Schwarzhaarige, die als Kellnerin die Blonde unterstützt, strahlt uns an: „Das ist mein erster Tag heute, ich weiß gar nicht, ob wir so etwas haben.“ Monsieur hebt eine Augenbraue.

Wenig später kommt die Chefin und meint, sie hätten roten und weißen und rosa Wein im Glas, alle sehr süß. Monsieurs andere Augenbraue geht hoch, er fragt nach Weißwein in der Flasche. Ja, da hätte sie drei verschiedene, aber ob die gut wären? Sie kommt mit drei Flaschen Weißwein, meint dieser sei der teuerste, aber den würde sie uns zum selben Preis geben wie die anderen. Im Weggehen ruft sie uns noch zu „Wein ist schließlich Wein, Hauptsache ist doch der Alkohol!“ Das ist der Moment, an dem ich mich unauffällig nach der versteckten Kamera umschaue.

Wir wählen den Wein, dessen Etikette wir wieder erkennen. Der wird mit viel Aplomb geöffnet und Monsieur zum Verkosten eingeschenkt. „Is good?“, fragt sie mit Begeisterung.

Monsieurs Antwort grenzt an hohe Diplomatie: „Er ist hervorragend gekühlt.“

Das Essen ist übrigens sehr gut und der weitere Abend genauso unterhaltsam.


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