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Kultur erfahren

Im Rheintal, zwischen Bingen und Koblenz, können wir Kultur erfahren, mehrfach. Das beginnt mit dem RheinRadWeg und endet noch lange nicht mit den Fähren. Diese behaupten bedeutungsschwer integraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes zu sein. Was sie damit verschleiern und beschönigen wollen, ist die Tatsache, dass es auf der ganzen Strecke zwischen Koblenz und Mainz nicht eine einzige Brücke über den Rhein gibt.

Dafür gibt es auf jeder Rheinseite eine Menge Burgen zu bewundern, aber da müssen wir erstmal hinkommen. Der rechtsrheinische Weg führt von Koblenz flussaufwärts bei Lahnstein zuerst durch ein Industriegebiet vom Fluss weg, weil eine große Mühlenruine der 1890er den Uferweg als Privatbesitz beansprucht. Normalerweise kann man kurz durch den daneben liegenden Brauerei-Biergarten ausweichen, nur eben nicht heute, Mon- und somit Ruhetag. Endlich auf dem Uferweg teilen wir ihn uns anfangs noch mit Kinderwagen und Joggern, hinter der Lahnbrücke kommt ein Stück mit Schrebergärten links und alten Männern mit noch älteren Hunden. Zwei davon spielen Straßensperre. Der alte Mann ruft sie zur Seite und der Schäferhund gehorcht auch. Der andere Hund, der rundgemopste, grauschnäuzige, tiefergelegte steht auf seinen krummen Beinen weiterhin in der Mitte des Weges und schaut uns aus trüben Augen verständnislos an. „Der ist nicht alt,“ verteidigt ihn sein Besitzer, „der ist nur scheu!“ – „Ich auch!“, lacht Monsieur und kurvt um die moppelige Straßensperre herum.

Der nächste Lacher kommt von mir – vor Braubach, als Monsieur vorschlägt, „mal kurz“ zur Marksburg hochzufahren – und ist dann eher sarkastisch gemeint. Das Schöne ist ja, wir sind keine Touristen, wir sind von hier. Das heißt, alles, was touristisches Pflichtprogramm wäre: Marks- und jede andere Burg, Stolzenfels, Deutsches Eck, haben wir in unserer Jugend zum Überdruss gehabt – da schauen wir schon gar nicht mehr hin. Das erspart uns dann hier und heute einige nicht unerhebliche Höhenmeter, denn bis auf die Pfalz bei Kaub haben diese romantischen Rheinburgen immer die ganz unromantische Eigenheit auf höchst steilen Bergrücken zu liegen.

Der Radweg bietet uns eine große Vielfalt von ganz unterschiedlichen Erfahrungen: verträumte Orten mit Fachwerkhäuschen und das Gebrause der vielbefahrenen Bundesstraße direkt neben uns. Bekannte Weinlagen – wir winken kurz vor Boppard unserem Lieblingswein zu – und die hässliche Industrieanlage, die das Rhenser Mineralwasser abfüllt. Rheinromantik mit tief liegenden Frachtschiffen, die tuckernd an uns vorbeiziehen und das ohrenbetäubende Getöse, wenn ein Güterzug nur eine Straßenbreite von uns entfernt vorbeidonnert. Außerdem bietet er die Erkenntnis, dass wir eine Risiko-Sportart betreiben. Die Gefahr geht natürlich nicht von mir als Radfahrerin aus – ich weiß, dass einige jetzt grinsen, schämt Euch! -, das Risiko geht vom Gegen- in diesem Fall vom Querverkehr aus. Das, vor denen hier gewarnt wird, ist heute Morgen eher unmotiviert und überschaubar, da riskieren wir – mit kurzem Fotostopp – die Durchfahrt.

In Filsen gibt es die längste Bank am Rhein und ein Rüdiger-Rehberg-Ufer, weil der Abenteurer hier auf einem einfachen Floß den Rhein überquert hat. Ganz so abenteuerlustig sind wir – und die Ardenner erst recht – nicht und so warten wir auf die Fähre nach Boppard, zusammen mit zwei Bremer Radfahrern und einem Wohnmobil. Die Fähre dockt an, das Wohnmobil rollt los – und handelt sich einen ganz gepflegten Anpfiff vom Kapitän ein. Er – der Fahrer – hätte erst loszufahren, wenn er – der Kapitän – ihm das Zeichen dazugäbe, ob er das verstanden hätte, kommt im gröbsten Tonfall vom Kapitän, gleich zwei Mal. Und dann blafft er uns an, warum wir nicht auf die Fähre fahren würden. Ohne sein Zeichen? Haben wir nicht gewagt. Der Bremer hinter uns spekuliert kurz, ob er gegen den Ton protestieren soll, aber wir sind uns einig, dass Aufmüpfige wahrscheinlich zum Rudern verdammt werden würden – mit Peitsche und Trommelschlag.

Endlich tuckern wir los und Monsieur zeigt mir auf der anderen Rheinseite das Karmeliterkloster, dessen exquisite Glasfenster er bewundern durfte, im The Cloisters, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art, New York. Vor Ort, in Boppard selber, können wir Sankt Severus bewundern und den trockenen Humor des Kellners des kleinen Cafés auf dem Marktplatz. Die Kirche bietet Ausmalungen in den Originalfarben des Mittelalters, wunderschön in ihrer Farbenpracht. Aber – in meinen Augen – viel bemerkenswerter ist die „Geflügelsammlung“ über den Gewölbebögen: geflügelte Schlangen, geflügelte Drachen, geflügelte Fabelwesen, ungefähr alles, was man sich – was ich mir – nie mit Flügeln hätte vorstellen können.

Der Kellner bringt uns ein wohlverdientes Weizenbier zum Flammekuchen, einmal quer über den halben Marktplatz, wo wir schön unter Sonnenschirmen des Cafés sitzen und die Fachwerkhäuser bewundern. Hinter uns beschwert sich jemand über das schlechte Wetter, dass es morgen wieder regnen soll. „Also ich,“ meint der Kellner, „finde Regen super.“ Blickt zum Café, blickt zu den Tischen. „Sitzen alle drinnen. Hab‘ ich nicht so viel zu laufen.“

Wir müssen uns noch entscheiden, ob wir die Untere, die Mittlere oder die Obere Marktgasse nehmen für die Suche nach Stadtmauer und Römerkastell, dann geht es wieder den Rhein entlang. Mit ein paar Umleitungen kommen wir unter Stolzenfels durch bis nach Koblenz-Oberwerth. Wir trudeln durch die gutbürgerlichen „besseren Wohnviertel“ der 1880er, wo Herr Goethe Herrn Bach kreuzt, kurz bevor Herr Uhland dazu stößt. Beschließen ganz spontan, doch nicht über die alte Eisenbahnbrücke nach Hause zu fahren, sondern etwas richtig Touristisches zu tun. Keine Viertelstunde später stehen wir am Deutschen Eck und bewundern den Blick. Wie all die anderen Touristen.


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