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Bergwertung – andersrum

Sachzwang? Ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber nachdem Monsieur mit unserer zeitweiligen Mitbewohnerin abgeklärt hat, dass ein drittes Fahrrad durchaus in den Kofferraum meines Kombis passt, sind wir ja nun fast schon gezwungen, etwas zu unternehmen. Wo es schon mal hinten drin ist.

Zum Glück hatte ich da ja schon etwas vorbereitet, wenn auch nur für zwei Räder auf dem Fahrradträger.

Also fahren wir in die Schweiz, hoch zum Col de Marchairuz, hinter dessen Scheitelpunkt sich die Combe des Amburnex ausbreitet. Ein wunderschönes Jura-Hochtal mit satten Almwiesen, uralten Bruchsteinmauern und – ganz wichtig – dem ein oder anderen bewirtschafteten Chalet. Die Combe hat den kurzfristigen Vorteil, dass sie erst mal im sanften Schwung bergab läuft. Der Plan ist, ihr etwa eine Stunde zu folgen, eine schöne Almbeiz für die Mittagpause zu finden. Dann kommt der langfristig nicht zu leugnende Nachteil des deutlich anstrengenderen Rückwegs bergauf.

Radfahren wird zur Idylle. Nun gut, da gibt es diese Schilder. Schilder, in drei Sprachen. Sie warnen Wanderer und Radfahrer davor, dass wegen der Gegenwart von Wolfsrudeln die hier frei und wild lebenden Kühe kampfbereiter wären als ihre Artgenossen. Diese Aussage ist auf so vielen verschiedenen Ebenen beunruhigend, dass wir sie erst mal ignorieren. Das geht so lange gut, bis dann die vierbeinigen Straßensperren kommen. Herden von kastanienbraunen oder schwarzglänzenden Kühen, die unser Herannahen durchaus interessiert betrachten, erst im allerletzten Moment nonchalant aus dem Weg treten, der Klügere gibt nach, ihr versteht. Bis auf die Mutterkuh, deren Kälbchen gerade frühstückt. Da sind wir diejenigen, die einen ganz weiten Bogen um die zwei schlagen.

Wir kommen zu der Stelle, wo links die Veloroute 7 bergab nach Nyon führt und es rechts hoch zum Chalet des Pralets geht. Der Weg rechts ist geschottert, mit weiteren Straßensperren – und deren Hinterlassenschaften – versehen, das Chalet und das Rösti einfach und „währschaft“. Der Blick auf die kuscheligen Fellknäuel auf der Wiese unten drunter begeistert nicht nur die Familien, die ihre Kinder kaum vom Zaun wegbekommen können. Nein, nein, wir haben uns nicht nach Tibet verfahren, die Yaks weiden wirklich auf Schweizer Jurawiesen.

Wir sitzen in der Sonne, genießen die Pause und fangen langsam an, uns vor dem steilen und anstrengenden Rückweg zu fürchten. Bis wieder einer mit so einer „Wir könnten doch“-Idee kommt. Die Veloroute 7 kreuzt in Genolier die Veloroute 50 nach Genf. Die kennen wir und wissen, dass sie in Crassier auf die Voie Verte nach Divonne stößt. Von Divonne aus gibt es die französische Voie Verte bis fast nach Hause. Die sind wir bisher immer nur andersrum gefahren, aber ich glaube, das kriegen wir hin. Zwei Frauen schauen Monsieur begeistert an. „Wir fahren nach Nyon, du zurück zum Auto und kommst uns dann irgendwo abholen.“ Monsieur lässt mir ja viel durchgehen, aber hier sagt er einfach nein. Wenn wir fahren, dann will er bei dem Spaß dabei sein.

So kommt es, dass wir kurz darauf die Jurahänge hinuntersausen, fast so schnell wie die Tour de France Bergwertung bergauf – nur eben andersrum. So etwas könnte mich richtig euphorisch machen – der Rausch der Geschwindigkeit, gewissermaßen -, wenn ich nicht so viel Furcht vor meinem eigenen Tempo hätte. Die paar Kilometer mit dem frischen Rollsplitt – das hätte nun wirklich nicht sein müssen – bremsen mich dann völlig aus. Wie schon mal erwähnt: das ist keine Angst, das ist einfach viel zu viel Phantasie meinerseits. Ich kann mir nur zu lebhaft vorstellen, was da alles passieren kann.

Trotzdem ist es berauschend schön. Wir „rasen“ bergab durch Jurawälder, wir sausen durch Weinberge, durch Wiesen und Felder. Der heftige Wind beutelt uns gelegentlich, Bäume werden durchgeschüttelt, Getreidefelder bewegen sich wie Brandung. Bauern mähen Gras, umkreist von Raubvögeln in großer Höhe. Bevor das ganze aber zu idyllisch-kitschig werden kann, kommen in Gingins von meinem Vorderrad schlapp-schlapp-schlappende Geräusche.

Dann heißt es nicht mehr, wieviel Kilometer oder wieviel Stunden sind es noch? Die Einheit, mit der wir messen, ist eine andere. Mit wieviel Aufpumpstopps kommen wir nach Hause? Es werden fünf, viel weniger als befürchtet.

Zuhause, da müssen wir dann gleich nochmal los, um mein Auto oben im Jura abzuholen. Ganz einsam und verlassen steht es auf dem Wanderparkplatz im hellen Licht des frühen Abends. Weit und breit ist kein Wolfsrudel zu sehen. Noch nicht…


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