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Über’n See, über’n See

Richtig gut gemacht haben sie es, die Ardenner. Dabei war die Fülle an neuen Herausforderungen gar nicht so einfach zu meistern.

Fängt an an der End-Haltestelle der Linie 18 der TPG, der Transports Publics Genèvois. (Uralter Schülerwitz, den alle Genfer Eltern mindestens einmal in ihrem Leben hören: „Mama, sag mal TPG rückwärts.“ Das ergibt dann etwas wie „J’ai pété – Ich habe gefurzt.“ und bringt Sechsjährige dazu sich vor Lachen schier auszuschütten.)

Vor der 18 steht der Tramführer, beäugt die Ardenner und will wissen, weshalb wir nicht – zu Fuß sozusagen – nach Genf radeln, ginge doch alles bergab. Das stimmt natürlich nicht, in Meyrin geht es erstmal richtig bergauf und außerdem haben wir noch weitere 60 Kilometer geplant. Da sieht er es ein, beglückwünscht uns noch zu unserer weisen Entscheidung, mit der schönsten Tram Genfs – seiner natürlich – zu fahren und öffnet uns die Tür mit der ausfahrbaren Einstieghilfe.

Die Ardenner meistern das mustergültig, nur uns ist nach fünf Stopps unter der stickigen Maske so heiß, dass wir fast bereuen, nicht selbst zu radeln. In Cornavin, am Bahnhof ist es nicht schwierig, sich zu orientieren. Alles, was bergab, Richtung See, geht, ist richtig. Wir fädeln uns auf der Pont du Mont Blanc ein, Genfs erster Brücke über den See, die es zu jeder Tages- und Nachtzeit schafft, ein Verkehrschaos zu kreieren. Am Ende der Brücke ist die Unterführung zur anderen Straßenseite wegen See-Hochwasser gesperrt und wir gurken über ein paar Ampeln und Überwege, bis wir endlich im Jardin Anglais auf die Veloroute 46 treffen: Tour du Lac Leman. Die Strecke auf breiten Fahrradwegen ist eigentlich sehr schön, links liegt der See mit seinem Yachthafen, seinem Strandbad und dem Jet d’Eau, allerdings auch sehr laut, direkt neben der vierspurigen, stark befahrenen Ausfallstraße. Kurz darauf fangen die Villen im Hang an, die des amerikanischen UN-Botschafters leicht an der erhöhten Dichte bewaffneter Schutzleute zu erkennen. Der wunderbare Blick über den See kommt allerdings mit Lärm und Abgasen, da hält sich der Sozialneid doch sehr in Grenzen bei mir.

In Collonges biegen wir links nach Hermance ab, kleine baumbestandene Sträßchen. Leider ohne Seeblick, der liegt versteckt hinter hohen Mauern und noch höheren Hecken. Ab und zu ist ein Loch in der Hecke oder die Mauer etwas niedriger und wir erhaschen einen Blick auf behäbige alte Villen in schattigen Parks, eine jede mit ihrem eigenen Uferstück und Bootsanleger. Natürlich ist es schade, dass es keinen Radweg direkt am Ufer gibt. Andrerseits kann ich auch verstehen, dass man nicht unbedingt Sonntagsnachmittag beim Kaffeeklatsch Hunderte von Radfahrern „Bonjour, madame, bonjour, monsieur“ an seiner Terrasse vorbeiziehen sehen will.

In Hermance selber geschieht plötzlich ein Wunder: die Veloroute 46 verwandelt sich schlagartig in die ViaRhôna, ziemlich genau an der Staatsgrenze. Ab da sind wir in Haute-Savoie unterwegs und die 60 Kilometer bis zur Schweizer Grenze am anderen Ende des Sees tauchen in der Schweizer Tourenbeschreibung nicht auf, was dem unbedachten Planer sicher ein paar unangenehme und anstrengende Überraschungen bieten wird. Die Via Rhôna folgt dem Fluss vom Aletschgletscher bis ins Mittelmeer, wenn auch gerade hier der Fluss ziemlich gut versteckt ist in den Wassermassen des Sees.

Wir sind aber nicht so anspruchsvoll, wir wollen nicht zum Gletscher, wir wollen nur bis Yvoire. Schaffen wir trotzdem nicht, weil wir in Nernier stranden. Yvoire ist so ein bisschen wie Rüdesheim, sehr touristisch, sehr voll und, was essen angeht, eher auf schnelle Abfertigung als auf Genuss ausgelegt. Das wissen wir aus langjähriger Erfahrung, weshalb ich ein Lokal im Nachbarort Nernier ausgesucht habe. Nernier war im Mittelalter fast genauso groß und wichtig wie Yvoire, bis der Burgherr die eher kurzsichtige Idee hatte, Genfer Handelsschiffe auf dem Weg vom oder ins Wallis anzugreifen und auszuplündern. Als den Genfer Ratsherren das zu bunt wurde, schickten sie statt der Handels- Kriegsschiffe. Seitdem gibt es in Nernier keine Burg mehr und auch keinen Burgherren, dafür ein niedlich verträumtes Örtchen. Wir stehen vor dem eher unscheinbar wirkenden Lokal, zwei alte Herren sitzen am Bistrotisch davor und genießen ihren p’tit blanc. Das Lokal bietet nur Menu an, das ist mir eigentlich zu viel, ich hätte lieber nur eine „plat du jour“. Da räuspert sich der eine Herr und spricht mit ganz zauberhaftem Akzent: „Das Ässen ist sähr gut ‘ier. Sie sollten es värsuchän. Und ‘inten ‘aben sie eine wunderschöne Garten mit die Terrasse.“ Monsieur nickt und meint, dass er sich durchaus ein Menu zutraue und damit ist die Sache entschieden.

Die Terrasse ist wirklich traumhaft schön unter den uralten Bäumen. Am Nachbartisch schiebt gerade eine ältere Damen mit einem Stück Baguette den allerletzten Rest Soße zusammen. Als unser Fisch kommt, verstehen wir das und ahmen sie nach. Mit dem Lamm fragt der Wirt eine Deutschlektion an: „Wie ‘eißt in Deutsch: „Attention, les plats sont très chauds. ?“ und für den Käsegang wird einfach eine Platte mit riesigen Brocken Tomme de Savoie und lebhaftem Weichkäse, halbwegs unterwegs zum Nachbarn, vor uns hingestellt. Teller und Besteck dazu, der Rest ist unsere Sache. Zur Zitronentarte möchten wir nicht nur einen Kaffee haben, sondern auch den Fahrplan der Fähren. Dass wir nach diesem opulenten Mal noch rechtzeitig Yvoire erreichen, erscheint uns wenig realistisch. Da rollen wir doch lieber nur die paar Hundert Meter bergab zur Mole von Nernier, wo das Schiff sieben Minuten später anlegen soll.

Die Compagnie Générale de Navigation sur le lac Léman (CGN) hat wundervolle große Passagierschiffe, herrliche altmodische Raddampfer, aber das, was hinter Yvoire um die Ecke kommt ist ein – nun ja Boot. Wir machen die Ardenner bereit, hoffen, dass sie ohne zu scheuen über die Gangway rollen werden. Wer dann scheut, ist der Kapitän, der uns fluchend und schimpfend informiert, dass sie a) Hochwasserfahrplan haben und deshalb b) nur die kleinen Boote fahren können (bei den großen Dampfern wird bei Hochwasser die Gangway so steil, dass ein sicheres Ein- und Aussteigen nicht gewährleistet werden kann – was man nicht alles lernt bei der christlichen Seefahrt!), die deshalb c) keine Fahrräder mitnehmen, obwohl das so nicht den rätselhaften Piktogrammen zu entnehmen ist.

Er verzurrt zwei Fahrräder draußen auf der Reling und dann fahren wir über’n See, über’n See. Nur Monsieurs Ardenner darf im Kapitänskabäuschen sein Hinterteil unterstellen. Vorne blockiert er zusammen mit einem Kinderwagen nun recht effektiv jegliches Durchkommen aus den Sitzbereichen des „Colvert“, weshalb Monsieur und die Kinderwagenfamilie in Nyon als Erstes aussteigen dürfen und mein Ardenner brav bis zum Schluss wartet, bis der Kapitän Zeit und Platz hat, auf der Reling herumzuturnen und die Verzurrungen zu lösen.

Nyon ist ein zauberhaftes Städtchen, was vielleicht der Grund ist, dass Monsieur ein paarmal durch die Gässchen hin- und her zickzackt und schließlich vor der Burg landet. Die Veloroute 46 läuft etwa 30 steile Stufen tiefer parallel dazu. Zum Glück ist die Treppe gesperrt, so dass wir gar nicht erst auf ein „Lass uns doch einfach…“ kommen.

Einmal aus Nyon heraus geht es auf geteerten Feldwegen durch sommerlich weite Landschaften bis hin zu der großen Straße, die nach Crassier führt.

Und wie wir von da nach Hause kommen, das wisst ihr ja.


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