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Mein neuer Lieblingssport

Geplant hatten wir das zum ersten Mal vor fast einem Jahr. Mitten in einer Hitzewelle mit Wasser-Spar-Appellen und „Alerte Sécheresse“-Schildern an jedem Dorfeingang schien uns eine kleine Paddelfahrt auf unserem departementseigenen Fluss Ain eine willkommene Abkühlung.

Es blieb Planung, weil just an unserem Morgen die EDF die größte Staustufe oberhalb von Pont-d’Ain flutete und jegliche Wassersportaktivitäten als zu gefährlich untersagt wurden.

Dann kam die zweite und die dritte Corona-Welle, von Winter und Schlechtwetter mal ganz zu schweigen, aber für diese Woche sah es gut aus.

Also stehen wir kurz nach zehn am Ufer des Ains, umgeben von Dutzenden von Kanus und Kajaks und sportlichen jungen Männern mit Rasta-Locken in Flipflops.

Wir wären absolute Anfänger, geben wir unumwunden zu. Das sei kein Problem, meint der Rasta-Schöpfige, der Fluss habe Hochwasser. Eigentlich hätte uns das misstrauisch machen sollen, vor allem weil er meint, dass das alles einfacher machen würde. Bei Normalwasser müsse man sich an genaue Vorgaben halten, nur rechts durch diesen Brückenbogen, nur links an jener bestimmten Felsformation vorbei. Aber bei dem Hochwasser lägen alle Felsen unter Wasser, wir könnten einfach in der Mitte durch die Stromschnellen.

Spätestens da hätte uns einfallen sollen, dass wir zuhause noch einen Kuchen im Ofen oder einen Topf auf dem Herd – oder was uns auch immer als Ausrede einfallen mag – haben.

Stattdessen steigen wir in das „Komfort-Kanu“, Komfort deshalb, weil es zwei Rückenlehnen hat. In der Mitte ist ein Sitzplatz ohne Lehne, geeignet – was wir sehen –, um den eigenen Hund mit eigener Schwimmweste unterzubringen.

Die erste Brücke kommt sofort und ist so schnell vorbei, genau wie die ersten Stromschnellen dahinter, dass wir gar keine Zeit haben uns zu fürchten. Nach der nächsten Brücke folgt ein langes, ruhigeres Stück, dass uns zeigt, dass wir das nicht so recht auf die Reihe kriegen, das mit dem gemeinsam und im Gleichklang und so. Es ist für Monsieur natürlich nicht einfach mit einer Rechts-Links-Legasthenikerin zu paddeln, die treffsicher instinktiv erstmal das falsche Paddeln zum Gegensteuern einsetzt.

Es muss zumindest für die Zuschauer auf den Restaurantterrassen amüsant anzusehen sein, wie wir von einer Seite zu anderen zickzacken, immer hektisch paddelnd gerade noch vermeiden im Schilf aufzulaufen. Ich beschließe, dass Kanufahren nicht mein neuer Lieblingssport werden wird, da gibt Monsieur genervt auf und schlägt mir vor, ihn doch allein paddeln zu lassen. Danach wird es recht idyllisch für mich, ich habe ja Zeit, die Entenfamilien, Reiher und anderes Flügelflagel-Getier zu beobachten. Allerdings auch Zeit mich vor den nächsten Stromschnellen zu fürchten. Die dritte nehmen wir ein bisschen rumpelig und sehr nass, dafür steuern wir bei der vierten auf das ruhige Wasser in der Mitte zu. Klappt hervorragend und führt damit zum Desaster bei der nächsten. Da ist nämlich auch in der Mitte keine Gischt zu sehen, also steuern wir dahin. Bis wir so nahe dran sind, dass wir den Grund dafür erkennen können – der weißgischtende Strudel liegt einen guten Meter tiefer unten – ist es natürlich zu spät zum Handeln und das Boot kippt kopfüber nach vorne. Eine Welle gischtet über uns zusammen, das Boot überschlägt sich und wir gehen unter. Mein erster panischer Gedanke unter Wasser ist nur: „Wo ist hier oben? Wo ist hier oben?“ gefolgt von „Wo ist Monsieur?“ In dem weißen Strudel ist nichts auszumachen, aber irgendwann schaffe ich es nach oben, bekomme Luft in die Lungen und gleich darauf spüre ich Monsieurs Hand in meiner. Die Strömung ist schnell und stark, unser Kanu ist schon unterwegs zur nächsten Kehre. Plötzlich sind drei andere Kanus um uns herum, mit „Alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe? Sind Sie verletzt?“ Ich höre Monsieur rufen: „Sauvez ma femme! Sauvez d’abord ma femme!“ (Hach!) und Hände greifen nach uns und ziehen uns zu den Kanus. Wenig später sitzen wir tropfnass am Ufer, die zwei Kanulehrerinnen und ihre vier Schüler genauso nass und aufgeregt wie wir.

Sie fangen unser Kanu ein, helfen uns beim Einsteigen und begleiten uns zur nächsten Anlege- und Abholstelle.  Einmal an Land, ziehen wir erstmal aus, was man noch schicklich ausziehen kann, um alles auszuwringen und über einen Gartenzaun zum Trocknen zu hängen. Da können wir langsam schon wieder über das Geschehene lachen.

Eigentlich hätten wir noch eine Stunde weiter paddeln sollen, aber mir ist nicht mehr so recht danach und wir lassen uns vom Veranstalter abholen. Einmal wieder zurück am Auto – alle Schürfwunden verarztet und in den vorsichtshalber mitgenommenen trockenen Ersatzklamotten, Monsieurs Idee, nicht meine, – beschließen wir als Belohnung schön essen zu gehen in diesem netten Örtchen, an dem wir vorbeigepaddelt waren.

Wird dann nicht ganz so ein Desaster wie bei der 5. Stromschnelle, kommt aber nahe heran. Der Ort und die Speisekarte – beides Mogelpackungen. Der „Schöne Hof“ ist ein öder Parkplatz und über das Essen schweige ich höflich.

Ja, das Essen ist schlecht, dafür ist unsere Kanu-Taufe gut ausgegangen. Besser so als umgekehrt.

Kaum auf dem Heimweg, auf der Autobahn, fragt Monsieur: „Und? Wann versuchen wir es wieder?“


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