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Juste votre sourire, madame

Das war die Antwort, als ich gestern einen Tisch vorbestellen wollte. Mit dem ganzen Eiertanz in Frankreich um verschärfte Bedingungen, Einlassbeschränkungen, „pass sanitaire“, QR-Codes war ich etwas verunsichert. Was ich denn nun vorzeigen müsse? will ich wissen. Stille, dann Lachen und „Juste votre sourire, madame, juste votre sourire.“ Nur mein Lächeln, das kriege ich hin.

Fällt dann am nächsten Morgen nicht ganz leicht. Nein, nicht wegen der Uhrzeit, das Früh-Aufstehen haben wir uns geschenkt. Neun Grad auf den Jurahöhen um acht Uhr, da macht Radfahren wirklich keinen Spaß. Für elf Uhr verspricht MétéoFrance Aufheiterungen und 18  Grad. Allerdings scheint das niemand dem Jura mitgeteilt zu haben. Es herrschen wolkig-windige 14 Grad, als wir die Ardenner hinter Lajoux vom Fahrradträger hieven. Unter „Velo & fromage“, „Fahrrad & Käse“ bieten verschiedene Departements Fahrrad- oder Wanderrouten an. Fromage können wir, velo üben wir eifrig, weshalb wir uns den „Boucle 8“ vom Departement Jura ausgesucht haben, natürlich in der Paonia-Spezial-Version. Der Boucle 8 bietet auf 73 Kilometer rund 1455 Höhenmeter. Das ist schon etwas hart, aber nicht der wahre Grund meiner Extra-Tour. Start- und Endpunkt der Fahrt ist Saint-Claude und da verweigere ich mich. De Stadt liegt in einem tief eingeschnittenen Tal mit vielen engen Serpentinen rauf und runter. Das ist bei dem hier üblichen Fahrstil schon im Auto nicht schön zu fahren, als Radlerin wäre ich da wahrscheinlich kurz vorm Nervenflattern. Saint-Claude wird also gestrichen, was den Schwerpunkt der Tour auf die Hochtäler zwischen Lajoux und La Pesse legt. Hochtäler, von denen eines nicht ohne Grund „Bellecombe“ heißt.

Es ist wenig los auf den Straßen. Ab und an kreuzen wir andere Radler, alle mit diesem etwas schiefen „Ja, es ist saukalt, aber ich bin trotzdem glücklich“ Grinsen im Gesicht. Die haben es etwas leichter mit der Orientierung. Wir fahren nämlich die boucle 8 verkehrt herum, das heißt, an jeder Kreuzung zeigt ein nettes Schild mit der 8 in die Richtung, aus wir gerade gekommen sind. Das ist schön und gut als Bestätigung, dass wir bis dahin alles richtig gemacht haben, aber nicht wirklich zielführend. Zuhause habe ich mir einen kleinen Spickzettel mit all den kleinen Örtchen, durch die wir fahren müssen, geschrieben und zusammen mit Monsieurs Lebensgefährtin ist es dann kein Problem, die richtige Strecke zu finden. Außerdem kennen wir diese Täler eigentlich ganz gut, allerdings mehr vom Langlaufen als vom Wandern. Und da sah doch einiges ganz anders aus. Wir kommen auch vorbei an La vie neuve: das eher unscheinbare Haus hat uns vor Jahren nach dem Langlaufen in einem schlimmsten Schneesturm für eine Nacht Unterschlupf gewährt und uns wahrscheinlich dadurch das Leben gerettet. Erzähle ich Euch ein andermal, diese Geschichte.

In Les Moussières lockt die  „Fromagerie du Haut-Jura“ mit ihren großen Käserädern. Während die Käsefrau mir Stück um Stück vom Morbier oder Tomme de Montagne abschneidet, brummelt Monsieur was von Quantenmechanik und Undankbarkeit der Menschheit. Ich kann gerade keinen direkten Zusammenhang zwischen Käse und Quantenmechanik erkennen, da deutet er auf die dünne Laserlichtlinie, mit der das hochmoderne Schneidegerät anzeigt, wo es gleich den Mousseron schneiden wird. Ahjaaa!

Mit knapp einem Kilo Käse – „Zwei Scheiben Gouda, aber bitte hauchdünn geschnitten,“ funktioniert in Frankreich nicht – verlassen wir die Käserei.

So, den „fromage“-Teil des boucle hätten wir schon mal erledigt. Monsieur grummelt zwar immer noch, wie gemein er es findet, dass die Menschheit nicht weiß, welche Dienste ihr die Quantenmechanik leistet, muss sich aber kurz darauf mehr auf die Gesetze der klassischen Mechanik konzentrieren. Der Velo-Teil des boucle führt uns – schiefe Ebene, Beschleunigung usw –  steil bergab. Bis zu der Stelle, wo es – natürlich! – genauso steil wieder berghoch geht.

Vor La Pesse machen wir in der Auberge des Erables mit einem Lächeln Pause. Das Tagesgericht – Bohneneintopf mit Chorizo und Muscheln zu Reis – spricht uns nicht so an, also gibt es einen richtig guten Burger mit Fritten.

Wir verlassen den boucle 8 und folgen ein paar von Monsieurs Wir könnten doch auch-Zusatzschleifen und sogenannten Abkürzungen. Auf kleinen und kleinsten Sträßchen geht es wieder zurück durch Orte, die fast alle einen Artikel tragen, wie Les Molunes oder Les Bouchoux oder Les trois Cheminées. Die Bauernhöfe hier, hingestreut in die sanften Hügel, finde ich wunderschön, die Dörfer tun sich etwas schwer Charme zu entwickeln. La Pesse zum Beispiel überrascht mit einem Hahn auf dem Kriegerdenkmal. Ein Hahn, so naturgetreu und nicht stilisiert dargestellt, dass sicherlich das Prachtexemplar des Bürgermeisters hier verewigt wurde. Kann aber die Blechverschalung der Kirche auch nicht rausreißen.

Es wird langsam wärmer und freundlicher. Als wir die Ardenner am Auto auf den Träger hieven, kommt sogar die Sonne heraus. Das sorgt für einen spektakulären Blick auf den Mont Blanc, als wir auf dem Col de la Faucille die letzte Jurakette überqueren.

Irgendwo auf dem Rückweg fangen wir noch zwei Baguette ein, damit ist das Abendessen klar.

Aber zuhause gibt es erstmal ein kühles Weissbier. Am Wochenende hatten wir sehr lieben Besuch aus Bayern, der als Gastgeschenk keine Blumen oder Pralinen mitbrachte, sondern einen Kasten Weissbier. Sehr vernünftiger Ansatz, das!

Übrigens: Nächste Woche wollen wir uns an der Velo&fromage Tour du Jura ab Dole versuchen. Da gibt es dann statt Morbier und Mousseron Mont d’Or und Comté.

Auch gut, sehr gut sogar!


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