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Weniger Meer ist manchmal mehr

Traski hat uns ja schon über Granitblöcke klettern gemacht, er hat uns durch Dünen stapfen lassen und über Holzstege, heute hat er sich etwas Neues ausgedacht. Heute stehen die Flüsse im Vordergrund. Meer gibt es natürlich auch, nur eben weniger. So ganz sicher sind wir uns nicht, ob wir überhaupt los wandern sollen, Nieselregen liegt in der Luft, die Vorhersage ist nicht die Beste. Allerdings deutlich besser als gestern, während Monsieurs Solo, weshalb wir es wagen.

Es stellt sich schnell heraus, dass wir uns um den Regen nicht hätten sorgen müssen, er lässt nach. Dafür übernehmen Bäume – von oben – und Farne – von der Seite – die Aufgabe uns nass zu machen. Wir folgen der Ria de Porto, der langgestreckten Flussmündung, deren Sandbänke bei Ebbe von Muschelsammlern abgegangen werden.

Monsieur – ganz der Gentleman – schüttelt mir die Äste frei und räumt mir die Spinnweben aus dem Weg, wir sind wohl die ersten hier heute Morgen.

Irgendwann treffen wir wieder auf die Küste, den Leuchtturm von Lagos vor uns. Ebbe ist heute für 12:39 angekündigt und da wollen wir am anderen Ende des Strandes sein, wieder wegen eines Flusses. Der kleine Rio de Lago fließt dort ins Meer und bei Ebbe könnte man ihn dort durchaus durchqueren, ohne ihm erst mehrere Hundert Meter weit ins Landesinnere folgen zu müssen, wo es eine kleine Brücke gibt.

Wir beäugen den Fluss, nun gut, das Flüsschen, und stellen ein seltsames Phänomen fest: das Bächlein fließt im breitadrigen Delta, aber nur wenige Zentimeter tief über den Sandstrand. Doch alle paar Sekunden schwillt es plötzlich an, als habe jemand weiter oben einen Stöpsel gezogen, ein Wehr geöffnet. Ein kräftiger Wasserschwall prescht heran, wirbelt den Sand durcheinander, schafft Untiefchen, Siele, jedenfalls Wasserstände, die höher liegen als die Oberkante unserer Wanderstiefel. Also doch lieber zurücklaufen und über die Brücke? Natürlich siegt unsere Faulheit – und Monsieurs wissenschaftliche Neugier. Wir beobachten das ganze mehrere Minuten lang und setzen beim „Jetzt!“ mit viel Gelächter, wenn auch nicht ganz trockenen Fußes über auf die andere Seite.

Nach so viel Abenteuer haben wir uns eine Pause verdient in einem kleinen unscheinbaren Café, wo uns zu den Getränken erst Sardellen auf Toast und dann kleine Fischpastetchen hingestellt werden. Das Café liegt in einer Seitengasse, so dass wir wieder zurück auf die Hauptstraße und damit die hochoffizielle Wegführung des Camino de Santiago müssen. Traski hat uns schon informiert, dass wir nur wenige Kilometer gemeinsam laufen werden, denn, so stellt er nicht ohne Herablassung fest, dieser Weg führt ausschließlich über asphaltierte Straßen. Was er nicht sagt, was aber natürlich mitklingt, ist, dass seine Vorschläge für den weiteren Weg natürlich viel schöner sein werden. Wie der durch das hochromantische Mühlental, mit durchnummerierten Mühlen in verschiedensten Stadien des Zerfalls bzw. der Restaurierung, das ganze auf eigentlich lauffreundlichen Holzstegen, die aber heute durch Regen und Laub spiegelglatt und gar nicht so einfach zu navigieren sind.

Kurz vor Muxia treffen wir den Santiago-Weg wieder mit seinen blaugelben Bornen, die angeben, wie weit es noch zur Stadt, genauer gesagt zum Heiligtum, zum Santuario de la Virgen da Barca ist. Das liegt aber am ganz anderen Ende der Stadt, so dass wir erst im Hotel den Rucksack loswerden wollen. Dummerweise hatte ich mir im Internet neben dem Namen auch die weiße Fassade des Hotels eingeprägt. Ungeschickt nur, dass sie seitdem einen Portico und Eingangsbereich in hochglänzendem schwarzen Granit davor gesetzt haben. Führt zu zusätzlicher Lauferei, bis uns auffällt, dass da was mit den Hausnummern nicht stimmt.

Zum Santuario de la Virgen da Barca laufen wir, nicht weil es uns wirklich interessiert, eher so aus dem „wenn wir schon mal da sind“-Grund. Die uralte kleine romanische Kirche auf dem Weg dahin ist eh mehr unser Geschmack, aber verschlossen. Vor dem Santuario tobt das Verkehrschaos, gleich 3 Polizisten müssen den Verkehr regeln, denn wir sind ausgerechnet in eine Heilige Woche geraten und just um diese Uhrzeit findet die Messe statt, deren Besucher schon aus der Kirche heraus auf den Vorplatz quellen.

Vor der Kirche liegt noch das Felsenboot, mit dem Maria angekommen ist und steht das Denkmal für die Freiwilligen, die in einer schier unermesslichen Welle der Solidarität halfen, die Küste von den Folgen einer Ölpest („Prestige“, 2002) zu reinigen.

Auf dem Rückweg hangeln wir uns von Lokal zu Lokal, die alle erst um halb neun oder noch später aufmachen, bis wir eines finden, wo uns – und anderen – auf der Terrasse mit einem Glas Wein und diversen Tapas die Wartezeit versüßt wird. Es wird uns wieder bewusst, dass wir dringend Spanisch lernen müssen, damit uns beim Eroski-Center oder nun auch beim Eroski-Bringdienst nicht die falschen Ideen kommen.

Das Lokal bietet gehobene galizische Küche und ein Wunder. Das Spanferkel auf der deutschen Kartenversion verwandelt sich auf mirakulöse Art und Weise in eine Lammschulter auf der englischen Karte. An solche Wunder glaubt Monsieur natürlich genauso wenig wie an schwimmende Felsenboote, aber hier ist die Lösung in der einfachen Mehrheit zu finden. Mit Hilfe des Wirtes (spanische) und meiner (französische Karte) schlagen die Lämmer das Spanferkel 3:1. Unschlagbar zart ist es dann auch noch.


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