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Tut denn das not?

Die erste Stunde reden wir uns das Wetter noch schön. „Nordische Landschaften“ steht im Roadbook für heute, „erinnert an das schottische Hochland“, klar, dass da das passende Wetter Nebelschwaden mit leichtem Nieselregen ist. Aber so authentisch? Tut denn das not? Monsieur behält die Wettervorhersage im Auge und wiederholt wie ein Mantra: „Der richtige Regen kommt erst um drei Uhr.“ Da sind wir schon mit etwas Glück – und wenn die Wege so bleiben – fast am Ziel. Die Wege bleiben so – zumindest bis kurz vors Cabo Touriñán – das Wetter natürlich nicht. Alle „also“s und „eigentlich“s von Monsieur können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Drei-Uhr-Regen schon da ist, begleitet von heftigen Sturmböen. Wirklich? Tut das not?

Wir kämpfen uns vor auf die Spitze des Caps, wo mehrere Landrover parken. Während wir noch diskutieren, ob wir den Küstenpfad an den Klippen entlang wagen wollen bei diesem Wetter oder nicht doch lieber die sichere und zumindest etwas windgeschütztere Straße nehmen sollen, steigt ein gutes Dutzend Männer aus den Autos. Altersmäßig ist alles vertreten, von gerade erwachsen bis hin zum Graubärtigen, alle in Wetsuits. Dann bleibt uns der Mund fast offen stehen und wir beobachten mit einer Mischung aus Faszination, Respekt und zunehmendem Horror, wie sie die Klippen hinabklettern, um unten im gischtenden Meer zwischen den Felsen nach Muscheln zu suchen.

Etwas kleinlaut trauen wir uns dann den Klippenpfad zu bis zum Leuchtturm an der Westseite des Cabo Touriñán. Es gibt noch ein paar Touristen außer uns – schließlich ist der Faro berühmt dafür, den westlichsten Schatten Europas zu werfen – aber die meisten verschwinden nach einem kurzen Blick in den stürmischen Regen schnell wieder in ihre schützenden Autos. Wir trotzen dem Wetter und schauen und schauen und schauen. Aber so sehr wir uns auch anstrengen, die Freiheitsstatue in knapp 5200 km Entfernung können wir nicht erkennen. Muss wohl am Nebel liegen.

Das Wetter ist jetzt richtig garstig, meine Laune auch. Klatschnass durch Regen zu trapsen ist nicht meine Vorstellung gewesen von Wandern. Viel sehen von der Landschaft kann ich auch nicht, erstens wegen des Nebels und zweitens, weil mein Blick fest nach unten auf meine Füße gerichtet ist, damit der Regen mir nicht ins Gesicht bläst. Noch habe ich ein paar trockene Flecken an mir, etwa die wenigen Quadratzentimeter unterhalb der Kniescheiben, aber da kümmern sich dann die kopfhohen Farnwedel drum. Voller Faszination sehe ich, wie der Regen sich noch ein bisschen steigert und das Wasser an den Hosenbeinen entlang erst in die Socken und dann in die Wanderstiefel läuft.

Monsieur hört auf zu fotografieren, weil er seinem Handy das Wetter nicht zumuten will.

Unsere Tagesroute haben wir längt aufgegeben. Bei diesem Wetter zum beliebtesten Surferstrand zu laufen, um von dort wieder zurück in die Hügel zum Landgasthof zu trotten – ach nein, das muss nicht sein. Also kürzen wir ab über kleine Querstraßen durch winzige Dörfer. Ich sehe einen Pfirsichbaum, voller Früchte, die Hälfte liegt zertreten am Boden, und greife zu. Die Idee zu picknicken hatten wir sowieso schon lange aufgegeben. Eine Pfirsichhälfte habe ich schon im Mund, da warnt Monsieur: „Du, da kommt der Bauer.“ Ich kann nur entschuldigend grinsend, inflagranti ertappt. Der Bauer sieht mich, schüttelt den Kopf und zieht mich um die Ecke, zeigt auf einen noch größeren, noch voller hängenden Baum und macht eine einladende Geste.

Die Kilometer ziehen sich auf den Straßen und irgendwann hat Monsieur genug von der Begleitmusik. „Wenn du nur halb so viel Energie ins Laufen stecken würdest, wie ins Schimpfen“, meint er streng, „wären wir schon längst da.“ Von da an mosere ich nur noch leise und zähle die Doppelschritte, alter Trick.

Irgendwann taucht das kleine Dorf vor uns auf, unser Landgasthof ist natürlich das allerletzte Haus am oberen Ende. Die Wirtin öffnet auf unser Klopfen und schlägt mit „Oh dios“ die Hände zusammen.

Wir kippen erst das Wasser aus den Wanderstiefeln, bevor wir auf nassen Socken eintreten.

Bis dahin hatte ich gedacht, nach sechs, sieben Stunden Wandern, verschwitzt, dreckig, sandig unter eine kühle Dusche zu treten und danach frische saubere Klamotten anzuziehen, sei das höchste der Gefühle. Aber das ist gar nichts gegen das Gefühl, völlig durchnässt und verfroren unter eine heiße Dusche zu treten und danach trockene, wirklich ganz und gar trockene Kleider anziehen zu dürfen.

Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft sitzen wir trocken und warm in der Gaststube, einen großen Pott Kaffee und ein Stück Walnusskuchen vor uns.

Draußen reißt plötzlich die Wolkendecke auf, der Regen hört auf und die Sonne kommt durch. Es ist 15 Uhr.


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