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Das Ende der Welt

Das Ende kommt dann überraschend schnell auf uns zu. Ein Blick in den neblig-kalten Nieselregen draußen, ein Blick auf unsere immer noch nassen Wanderschuhe und wir steigen ganz rasch zum Gepäck ins Taxi. Der Taxifahrer grinst, er scheint solch spontane Entscheidungen zu kennen.

Das neue Hotel rühmt sich als Spaniens westlichste Spa, aber das war wohl vor Corona. An Ba-Wü’s Wellness-Oasen wollen wir gar nicht denken, aber so ein ganz kleines bisschen hatte ich die gestern schon im Kopf als Motivationshilfe: „Nur noch einmal schlafen und dann gibt es Sauna und Whirlpool und Honig-Koriander-Peeling…“ Was man sich halt so zusammenträumt, wenn man durchfroren und trostbedürftig ist.

Wir öffnen dann auch die Tür mit der Aufschrift „Spa“, dahinter ein mittelgroßer gekachelter Raum, zugerümpelt mit kaputten Gartenmöbeln und anderem Abgestellten. Draußen gibt es einen Pool, nicht sehr verlockend bei 16° und Nieselnebel, mit Liegen, deren Polster regennass glänzen. Ach menno!

Da bleibt uns wirklich nichts anderes übrig als die nassen Wanderschuhe anzuziehen und uns aufzumachen zum Ende der Welt, zum Kap Finisterre. Wäre ja auch dumm, das jetzt nicht noch durchzuziehen, wo wir schon eh fast da sind…

Wir nehmen den Traski-Weg an der Westkante des Kaps entlang, drei Kilometer unberührte Einsamkeit. Auf den ersten hundert Metern sehen wir noch etwas, den Mar do Fora Strand etwa,

danach sind wir in den Wolken, im Nebel, jedenfalls ohne Möglichkeit die Regel: rechts das Meer, links das Land visuell zu überprüfen. Akkustisch, ja, das geht immer noch, so wie die Brandung unten gegen die Klippen donnert. Ab und an zeigt die Wanderkarte einen Mirador an, aber alles, was wir dort bewundern können ist der Blick in nebliges Nichts. Kurz übersteigen wir die 200er Höhenlinie, bevor wir zu dem kommen, was Höhepunkt des Tages, Höhe- und Endpunkt der Wanderwoche sein soll.

Kurzum, es ist schrecklich. Schon kurz bevor unser Weg auf die Straße stößt, sehen wir die Automassen, die Wohnmobile, die Autobusse. Das Wegstück ist rechts und links zugemüllt und auf der Straße zum Leuchtturm drängen sich mir viel zu viele Menschen. Dabei ist es ein verregneter Freitagmorgen in der Nachsaison.

Vor dem Camino-Stein mit der magischen Angabe „0,00km“ drängeln sich vierzig, fünfzig Menschen in einer Schlange. Sie warten geduldig ab, bis die am Anfang genug Fotos von sich und dem wichtigen Meilenstein gemacht haben und rücken eins weiter auf. Nicht ohne Aufstöhnen, wenn den drei Mädels an der Spitze beim Weggehen auffällt, dass sie doch noch nicht genug Selfies geschossen haben und noch einmal alle anderen warten machen.

Ein einsamer Didgeridoo-Spieler steht verloren im Nebel und lässt seine melancholischen Melodien über uns waschen.

Am modernen Leuchtturm vorbei schieben wir uns vor auf den kleinen Felsvorsprung, der den alten Leuchtturm trug und mit einem Kreuz auf einem der letzten Felsen das Ende der Welt markiert. Hier herrscht eine etwas andere Stimmung. Es gibt auch die gelangweilten Touristen, die sich wenig beeindruckt umschauen, aber die meisten Leute hier strahlen vor Freude ihr Ziel erreicht zu haben. Einige singen leise vor sich hin, ganz viele inszenieren einen einzelnen abgelatschten Wanderschuh dramatisch vor Fels- oder Leuchtturmkulisse und sind tief versunken im Versuch das beste Foto zu schießen. Aber alles in allem ist es mir hier einfach viel zu voll und dann geht uns auch noch Traski verloren. Plötzlich ist er weg, verschwunden, nicht mehr da, ohne uns die Möglichkeit eines Abschieds zu geben. Schade, aber wir müssen das wohl als typisch Traski akzeptieren, auch wenn wir das Gefühl eines Abschlusses sehr vermissen.

Wir drehen dann auch recht bald um. Der Didgeridoo-Spieler steht immer noch verloren im Nebel und Monsieur wirft ihm etwas in den Hut. Da wird er lebendig, bietet uns an, uns in seine Vibrationswolke aufzunehmen, eine Auramassage an uns durchzuführen. Ich sehe förmlich, wie Monsieurs Nackenhaare sich hochstellen und rette uns mit einer „Ach, dafür ist es viel zu kalt!“-Ausrede.

Auf dem Weg – entlang der Asphaltstraße – nach Fisterre selber sind wir wieder recht allein, nur ein halbes Dutzend Wanderer kreuzt unseren Weg. Der Ort selber hat ein paar nette Ecken, besonder die mächtige Igrexa de Santa María das Areas gefällt uns sehr. Aber es springt nicht so recht ein Funken über. Nachdem wir die Bekanntschaft von Fisterres frechster und unmotiviertester Kellnerin machen dürfen, kämpfen wir uns den Hügel hoch zu unserem Hotel. Den Nachmittag verschlumpfen wir bis zum Abendessen im Wintergarten mit Meerblick. Zum Nachtisch bestellt Monsieur zwei Glas Sekt, kleines feierliches Anstoßen und Abschluss der Wandertage. „Sekt nur als Flasche,“ kommt wenig hilfreich vom Kellner und so findet der letzte Tag auch irgendwie nicht den rechten Abschluss.

Am nächsten Morgen bringt uns ein Shuttle des Hotels (eine Stunde Taxi von Tür zu Tür, statt drei Stunden Busfahrt mit dreimaligem Wechsel Hotel-Taxi-Bus-Taxi-Hotel) zu unserem Airporthotel. Das ist zwar praktisch gelegen, aber so charmant, dass wir eine halbe Stunde später im Bus nach Santiago-Zentrum sitzen. Noch einmal durch die alten Gassen, noch einmal um die Kathedrale, noch einmal auf der Praza do Obradoiro zwischen den dort lagernden Pilgern hindurch laufen und zum guten Ende den kleinen Platz mit dem kleinen Lokal finden und genau die Tortilla und Pimentos de Padron bestellen wie am ersten Abend.

Da haben wir dann das Gefühl des Abschließens, des Angekommen-Seins: wir sind wieder da angelangt, wo wir vor fast zwei Wochen gestartet sind. Der gleiche Platz – und doch mit ganz anderen Erfahrungen und Erinnerungen im Gepäck.


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