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El islote

Unsere letzte Wanderung soll etwas Kleines, Kurzes sein.

Wir nehmen die ruta littoral als Ausgangspunkt, die einzige Wanderung, die man im Nationalpark ohne Führung, ob Bus oder zu Fuß, laufen darf. Für den Punkt „kurz“ machen wir ein paar Änderungen an der Streckenführung, starten am Ortsende von El Golfo, folgen der Küste bis zum Strand von El Paso und wenden uns dann landeinwärts.

Das bringt uns ganz nah an „neue“ Lavatunnel des 1730er Ausbruchs, an eingestürzte Tunnel, an die scharfkantige junge Lava.

Die fließt ab El Paso um die Islote Moron, ein Inselchen alter Lava, das aus dem Inferno von vor 200 Jahren herausgeragt hat.

Der Unterschied ist verblüffend: hier schwarz, scharfkantig, lebensfeindlich, auf der anderen Seite braun verwitterte Erde, darauf runde Euphorbien, schöne gleichmäßige Habkugeln. Monsieur betrachtet sie mit einer Mischung aus Neid und Respekt. Diese Formen laufen in Frankreich unter dem Begriff „moutonnement de buissons“, „Schäfchenherde-Büsche“. Das ist das, was Monsieurs Frau gerne in ihrem Garten sieht und was Monsieur mit der Heckenschere umzusetzen versucht. Hier hat Mutter Natur das ganze in natürlicher Eleganz übernommen, ohne dass auch nur eine menschliche Hand eingegriffen hat.

Am Horizont steht ein einsamer Park-Ranger und sucht mit dem Fernglas den Himmel ab. Nach Piraten? Adlern? Touristen? Wer weiß das schon. Wir hingegen wollen von ihm wissen, wie lange der alte Ausbruch her ist und er sagt 80 Millionen Jahre, genug Zeit selbst für Lava zu Staub und Erde zu verkrümeln. Wenig später hält sein Geländewagen neben uns, er kurbelt das Fenster herunter und meint „Zu viele Nullen, nicht 80 Millionen, achtzigtausend Jahre.“ Wir hätten den Unterschied eh nicht bemerkt.

Aber wo er gerade schon mal anhält, fragen wir ihn nach der seltsamen Drahtkonstruktion ein paar Meter zurück. Das wäre der Kaninchen-sichere Käfig zur Anzucht neuer Pflanzen.  Der Park versucht Pflanzen anzusiedeln, die zwar in die Gegend gehören, aber Kaninchen nicht schmecken. Um das herauszufinden, müssen die Pflanzen aber erstmal eine Chance haben, heranzuwachsen. Rundum geschützt mit Drahtgitter, auch nach unten. Mal sehen, was die Kaninchen sich dann einfallen lassen, wenn Karnickel-Junior mosert: „Ich mag das aber nicht!“

Drink am Meer gibt es im Las Salinas, gefolgt von köstlichen Tapas. Wir müssen uns stärken für eine letzte Schatzsuche.

Irgendwie hatte ich in meinem kindlichen Gemüt angenommen, den einzigen Olivin-Strand gefunden zu haben, aber ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass der schwarze Strand vor den Salinen DER Fundort für diese Steine ist. In der Tat, liegen dort zuhauf die goldgrünen Steine herum. Dummerweise eingeschlossen in Felsbrocken von beachtlicher Größe – und Schwere. Das wird selbst die toleranteste Airline nicht als Handgepäck durchgehen lassen. Die kleineren Steine sind natürlich auch schön, nur haben Wind und Wellen sie schon rund- und die kristallinen Strukturen abgeschliffen. Ein Kompromiss ist wohl nötig. So schlendern wir über den steinigen Strand, heben auf, begutachten, verwerfen, stecken in die Hosentaschen, bis die Hose zu rutschen beginnt. „Genug jetzt“, spricht Monsieur schließlich mit einem Anflug von Strenge, „und im Hotel muss jeder drei Steine wieder aussortieren.“ Es vergeht ein Augenblick, dann sagen wir beide, fast gleichzeitig: „Gut, dann nehme ich einfach noch drei mit!“

Im Hotel packen wir alle Steine – auch die drei zum Aussortieren – in die Wanderschuhe und stopfen ein paar alte Socken zum Abschluss drauf. Das Ganze kommt mit den Travelcubes in den Koffer und dann bleibt uns noch Zeit für einen letzten Drink an der Bar. „Auf’s Haus“, sagt Jason, „ist ja Ihr letzter Abend.“

Am nächsten Morgen zähle ich zweimal nach im Airport: auf der Anzeigetafel der heute startenden Flüge zeigt sich ein eindeutiger Trend. Von den 38 Flügen gehen 24 auf die britischen Inseln, je einer nach Paris, Amsterdam und Frankfurt, der Rest innerspanisch. Kein Wunder, dass wir mehr Englisch als Spanisch hören um uns herum.

In Madrid werden wir erst zu Gate J56 geschickt, bis fünf Minuten vor Boarding eine fast unverständliche Ansage uns zu Gate H4 schickt, am entgegengesetzten Ende des Terminals, wahrscheinlich das Fitnessprogramm der Airline.

Stunden später stehen wir im Wohnzimmer und schauen hinaus in den Garten: Felsenbirne, Forsythie, Zierkirsche, alles blüht.

Und biegt sich unter der Wucht des heftigen Schneesturms.

Wir sind wieder zuhause.


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